02.12.2006 · Im Jahr 2000 war Karl Matthäus Schmidt Unternehmer des Jahres. Nach dem Karriereknick hat sich die Einstellung des einstigen Turnschuh-Bankers geändert. Doch nun will er die etablierten Banken wieder das Fürchten lehren.
Von Hanno Mußler, FrankfurtEr ist älter geworden, der Unternehmer des Jahres 2000, Gründer des Discount-Brokers Consors und einer der Topstars des Neuen Marktes. Karl Matthäus Schmidt hat inzwischen 37 Jahre auf dem Buckel, ist dreifacher Vater und stellt sich nach einem Karriereknick vielleicht stellvertretend für viele desillusionierte Privatanleger ganz andere Fragen als damals vor der Jahrtausendwende. Zu dieser Zeit ging es dem anfangs als Turnschuh-Banker verspotteten Schmidt darum, den „alle reich machenden“ Aktienhandel über das Internet schnell und kostengünstig für Privatanleger zu revolutionieren.
„Heute denken meine Freunde und ich an den kontinuierlichen Vermögensaufbau und die Absicherung von Lebensrisiken unserer Familien“, beobachtet Schmidt. Wenn er im Freundeskreis gefragt werde, welche Bank er dafür empfehlen könne, falle ihm - und das auch nur mit Bauchschmerzen - allenfalls die ING Diba ein. Und wegen ebendieser Bauchschmerzen tritt Schmidt nun selbst wieder in den Ring. Abermals will er den etablierten Banken die Stirn bieten - mit einem neuen Konzept und einer neuen Bank - der Quirin Bank.
„Wir wollen eine Lanze für den Kunden brechen“
Quirin, so nannten die ab 290 vor Christus von den Römern unterjochten Sabiner ihren Kriegsgott. Und Quirin heißt in der sabinischen Sprache soviel wie Lanze oder Schwert. „Wir wollen eine Lanze für den Kunden brechen“, gibt sich der ehemalige Walldorf-Schüler Schmidt ganz heroisch. Wie soll das gehen? Durch eine konfliktfreie Beratung. Wenn Fonds, Zertifikate und Versicherungen zum Vermögensaufbau eingekauft werden, erhalten „normale“ Banken in der Regel die Bestands- und Vertriebsprovisionen von den Produktentwicklern.
Die Lieferanten zahlen der im Auftrag des Privatkunden einkaufenden Bank schon einmal 7 Prozent vom Anschaffungswert. Oder die Bankberater müssen die Hausprodukte wählen, bei der Volks- und Raiffeisenbank um die Ecke gibt es die Bausparverträge von Schwäbisch Hall, bei der Sparkasse die der LBS und bei der Deutschen Bank die Fonds der DWS - und sonst möglichst gar nichts. Zudem sind die Berater angehalten, die Kunden zum Handeln zu animieren. Auch an für den Kunden nutzlosen Transaktionen verdient die Bank.
Grundgebühr soll schlimmste Anreize zerstören
Schmidts Quirin Bank verspricht nun, alle Bestands- und Vertriebsprovisionen, die sie von den Produktlieferanten erhält, an den Kunden auszuschütten. Zudem soll eine Grundgebühr von 75 Euro monatlich die schlimmsten Anreize der Bankberater zerstören. „Die Banken machen es sich oft einfach. Sie lassen den Kunden entscheiden, ob er in Japan oder in Europa investieren will. Sie bieten ihm dann das Produkt an, an dem sie das meiste verdienen“, schildert er das typische Vorgehen. „Unser Prinzip ist: Als Finanzberater wollen wir unabhängig beraten. Das verlangt, daß wir nur vom Kunden bezahlt werden.“
Die Grundgebühr von 75 Euro monatlich beinhaltet daher alle Transaktionskosten, „das macht die Telefonanrufe unserer Berater glaubwürdig“, hofft Schmidt. Inklusive ist auch eine Vermögensplanaufstellung zum Anfang der Beratung und eine Berufsunfähigkeitsversicherung, die der erwachsen gewordene Consors-Kunde angeblich heute braucht. Im Gegenzug zu den aufgeschütteten Bestands- und Vertriebsprovisionen will Schmidt dann bei Vermögen zwischen 50.000 und 250.000 Euro im Erfolgsfall zusätzlich zur Grundgebühr 20 Prozent vom jährlichen Gewinn aus der Vermögensanlage.
Quirin will mindestens 100.000 Kunden gewinnen
„Das ist erfolgsabhängige Honorarberatung zu Ende gedacht“, glaubt er. Der Knackpunkt: Die Kunden müssen zunächst einmal 75 Euro zahlen und sich damit von der in Deutschland verbreiteten Kostenlos-Mentalität in der Bankberatung verabschieden. Dafür erhalten sie eine Betreuung, die sonst nur große Vermögen bekommen, verspricht Schmidt. Nach dem Vorbild der Universität Yale in Amerika will er auch in alternative Anlagen investieren, deren Wert sich nicht gleichgerichtet mit Aktien und Anleihen entwickelt. So lasse sich eine jährliche Rendite von rund 7 Prozent dauerhaft erzielen.
Mit acht Standorten in Deutschland, wohlgemerkt keinen klassischen Filialen, will die Quirin Bank, getragen von den Gesellschaftern Berliner Effektengesellschaft (51 Prozent), SachsenLB (31) und dem Vorstand (18), Anfang des Jahres beginnen und in den nächsten fünf Jahren mindestens 100.000 Kunden gewinnen.
„Auch die ersten drei Jahre bei Consors waren hart“
Wird es leicht werden? Etwas Hilfe verspricht sich Schmidt von den neuen EU-Regeln Mifid, die die Produktlieferanten zu mehr Transparenz zwingen und bei dem ein oder anderen aufgeweckten Kunden das Aha-Erlebnis mit Blick auf die bisher versteckten Gebühren fördern könnten. Aber er macht sich auch keine Illusionen. „Auch die ersten drei Jahre bei Consors waren hart“, blickt er zurück. „Ich werde ganz missionarisch für mein Konzept werben müssen.“
Gestählt ist Schmidt auch durch private Schicksalsschläge. Sein älterer Bruder kam 1999 bei einem Unfall in Südafrika ums Leben. Die väterliche Schmidt-Bank in Hof scheiterte an der selbstherrlichen Kreditvergabe des Vaters; der inzwischen 71 Jahre alte Karl-Gerhard Schmidt muß sich derzeit vor dem Landgericht Hof der Anklage stellen, die ihm vorwirft, er habe noch Aktien der Schmidt-Bank an nichts- ahnende Anleger verkauft, als die Bank schon ruiniert war. Schmidt verkaufte im Jahr 2001 für symbolische 5 Euro seine Bank.
Krawattenmuffel Schmidt arbeitet am Comeback
Im Zuge der Wirren um die Nahezu-Pleite des Großaktionärs Schmidt-Bank landete die zeitweise an der Börse mit 4,5 Milliarden Euro bewertete Consors im Jahr 2002 bei der französischen Großbank BNP Paribas. Bei Cortal Consors, wie der französische Broker dann hieß, saß Karl Matthäus bis Februar im Aufsichtsrat, bis er die Wurzeln wie zuvor vereinbart endgültig kappte.
Ein paar Beraterjobs habe er in dieser Orientierungsphase gehabt, das sei auf Dauer nichts für ihn. Auch nicht, in einem Konzern zu arbeiten. Seit dem Sommer 2005 arbeitet Krawattenmuffel Schmidt mit früheren Kollegen aus der Investmentbanking-Sparte von Consors an seinem Comeback. Die Turnschuhe von einst bleiben dafür im Schrank.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |