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Kapitalmarkt Die Rückkehr der Biotechnologie

04.03.2006 ·  Der Kapitalmarkt zeigt ein neues Interesse an der Biotechnologie. Nach schwierigen Jahren verzeichnen Unternehmen ansteigende Mittelzuflüsse. Auch der „Nachholbedarf“ kleinerer Biotechnologiewerte profitiert davon.

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Nach vielen Monaten im Schatten rücken die Biotechnologieunternehmen nun wieder ins Licht. In der Rangliste der Aktien mit den größten Kurssprüngen stehen im deutschen Technologieindex Tec-Dax auf Ein-Monats-Sicht mit Evotec und Qiagen zwei Biotechnologieunternehmen ganz vorne - deutlich vor den zuvor favorisierten Solarwerten.

Das wiedererwachte Interesse an der Biotechnologie zeigen auch mehrere Kapitalmarkttransaktionen. "Biotechnologie gehört zu den von uns favorisierten Branchen für 2006 - nicht nur für Kapitalerhöhungen, sondern auch für Börsengänge", sagt Christian Fuest, der bei der WestLB für Aktienemissionen zuständig ist.

Internationale Investitionen

In den Jahren 2002 bis 2004 waren Börsengänge selten Selbstläufer. Besonders schwer taten sich Biotechnologieunternehmen. Doch diese Zeiten ändern sich langsam. So steckten europäische und amerikanische Investoren in Rahmen einer Privatplazierung in dieser Woche 15,6 Millionen Euro in das im Tec-Dax vertretene Biotechnikunternehmen Medigene.

Vor einer Woche kaufte sich Dietmar Hopp, Mitgründer und Großaktionär von SAP, einen Anteil von 8,7 Prozent an GPC Biotech und führte dem Biotechnologieunternehmen damit 36,2 Millionen Euro zu. Zuvor hatte es schon bei Evotec im Juni 2005 eine Kapitalerhöhung um 28,4 Millionen Euro und bei Morphosys im März 2005 eine um 17,4 Millionen Euro gegeben.

Vor einiger Zeit waren derartige Eigenkapitaltransaktionen viel schwieriger. "Die letzten Jahre waren hart. Frisches Geld gab es fast nur von speziellen Venture-Capital-Gesellschaften, die starken Einfluß auf die Geschäftspolitik der Biotechnologieunternehmen nehmen. Das ist aus Unternehmenssicht nicht immer wünschenswert", sagt Jürgen Raabe von der Wertpapierhandelsbank Close Brothers Seydler. "Aber jetzt ist der Kapitalmarkt wieder bereit, Gelder für interessante Produktentwicklungen zur Verfügung zu stellen - sei es über Wandelanleihen oder sogar Börsengänge."

Lange waren die Anleger, die sich überhaupt noch für Biotechnologieunternehmen interessierten, hochspezialisierte Sektorkenner. Inzwischen verzeichnen aber auch Publikumsaktienfonds wieder Mittelzuflüsse. Nach Mittelabflüssen von 155 Millionen Euro im Jahr 2005 hat der 500 Millionen Euro schwere DWS Biotech-Aktientyp O seit Jahresbeginn 2006 netto 35 Millionen Euro erhalten.

Neues Vertrauen in Biotechnologieaktien

Nicole Körtge, Fondsmanagerin des 670 Millionen Euro schweren Dit-Biotechnologie-Fonds, verzeichnet nach Mittelabflüssen von 191 Millionen Euro im Jahr 2005 seit Februar Mittelzuflüsse - von Dachfonds, aber auch von Privatanlegern. "Das Vertrauen der Privatanleger in die als vergleichsweise riskant geltenden Biotechnologieaktien ist zurück. Ausschlaggebend dafür waren auch Vereinbarungen zur Zusammenarbeit zwischen Pharma- und Biotechnikunternehmen, zuletzt zwischen Roche und Morphosys", sagt Körtge.

Schon 2005 erzielte die deutsche Biotechbranche ihr historisch zweitbestes Finanzierungsergebnis. Nach einem Bericht des Biotechnologiemagazins "Transkript" floß den Biotechnologie-Gesellschaften in Wagniskapital- und Börsenfinanzierungen mit 543,4 Millionen Euro soviel Kapital zu wie zuletzt im Jahr 2000. Spitzenreiter der Wagniskapital-Finanzierungen war mit 31,5 Millionen Euro die Curacyte in Leipzig, die Medikamente gegen Schockzustände entwickelt.

Mit Paion sowie Jerini konnten zwei Unternehmen mit ihrem Gang an die Börse 95,6 Millionen Euro einsammeln. Beide Gesellschaften haben ihren Aktionären seither Kursgewinne beschert, was nicht selbstverständlich ist. Denn darauf warten die Aktionäre von Epigenomics noch immer. Das Unternehmen hatte ein Jahr zuvor den Sprung an die Börse gewagt.

Nach Ansicht der Investmentbank Merrill Lynch profitieren die kleineren und mittelgroßen Biotechnologiewerte derzeit auch davon, daß die Papiere der größeren Gesellschaften wie Amgen oder Genentech im vergangenen Jahr 30 bis 40 Prozent besser gelaufen sind. Insofern wird Nachholbedarf unterstellt, der gerade auf die europäischen Werte der Branche zutreffen würde.

Merrill Lynch gibt allerdings auch zu bedenken, daß der Nachrichtenfluß der kleineren Unternehmen spärlich und in der Regel "binär" sei. Mit jeder Nachricht geht es also nur um eine Eins oder eine Null, um den Durchbruch oder das Ende.

Positive Grundstimmung

In der Regel sind es deshalb doch die Großen der Branche, die mit guten Nachrichten für eine positive Grundstimmung sorgen, die dann alle Werte des Sektors antreibt. Zuletzt galt das für Genentech und Biogen Idec, die für ihr Medikament Rituxan eine Zulassung zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis erhalten haben. Auch deutsche Vertreter der Branche wie Peter Heinrich, der Vorstandsvorsitzende von Medigene, betonen die Bedeutung eines stetigen Stroms guter Nachrichten. Nur dann eröffne sich Investoren die Chance zu einem Ausstieg.

Die Esslinger Ars Arthro AG hatte jüngst eine besonders innovative Finanzierungsidee: Nach einer Fusion mit einem englischen Unternehmen ist die Gesellschaft nun am Londoner Alternative Investment Market (AIM) notiert. "Ich glaube, daß uns andere auf diesem Weg folgen werden", sagt Ars-Arthro-Vorstandsvorsitzender Robert Guilleaume.

Quelle: F.A.Z., 04.03.2006, Nr. 54 / Seite 21
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