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Kampf um Bank-Bonus „So etwas hängt man nicht an die große Glocke“

08.02.2012 ·  Der leise Streit um Loyalität und Verrat: Vor dem Londoner High Court geben Bankenvorstände einen seltenen Einblick in den Streit hinter den Kulissen.

Von Bettina Schulz, London
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Im Jahr 2008 tobte in der Dresdner Bank, der Allianz und der Commerzbank ein erbitterter Kampf um einen umstrittenen Bonuspool von 400 Millionen Euro. Nun hat der Streit den Weg vor den Londoner High Court gefunden. Aber im Prozess geht es um mehr als nur um Recht, Unrecht oder die Anmaßungen von mehr als 100 ehemaligen Bankern von Dresdner Kleinwort, die auf ihre damaligen Bonus-Versprechen pochen.

Ehrlichkeit und Täuschung, Loyalität und Verrat lassen sich auf beiden Seiten des Gefechts finden. Das zeigen die Kreuzverhöre von Stefan Jentzsch, dem damaligen Vorstand der ehemaligen Dresdner Bank und Chef der Investmentbank Dresdner Kleinwort, und von Martin Blessing, dem Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank. Vielleicht sprechen Blessing und Jentzsch deshalb mit Respekt voneinander. Die Ungereimtheiten begannen im März des Jahres 2008, als die Allianz mit dem Vorstand der Dresdner Bank entschied, das Investmentbanking, also die Dresdner Kleinwort, von dem Universalbankgeschäft der Dresdner Bank zu trennen, um die britische Operation möglicherweise leichter verkaufen zu können.

Für die Investmentbanker war die Entscheidung nach Aussagen von Jentzsch verheerend. Wer wollte auf dem Höhepunkt der Bankenkrise schon in Investmentbanking investieren? Jentzsch ahnte zudem, dass ein Verkauf an die Commerzbank zu einer drastischen Schrumpfkur des Londoner Geschäftes führen würde.

Londoner Finanzaufsicht FSA warnte

"Aber so etwas hängt man nicht an die große Glocke", sagt Jentzsch heute. Er leugnete auf Fragen der Belegschaft hin die Bestrebungen des Versicherers Allianz, einen Käufer zu finden. Er porträtierte die Trennung des Investmentbanking als Vision eines künftig eigenständigen, stärkeren Investmentbanking. "Ich war als Vorstand für die Entscheidung mitverantwortlich. Sollte ich den Investmentbankern sagen, dass sie sich lieber die Kugel geben sollen?"

Jentzsch war nicht allein besorgt. Die Londoner Finanzaufsicht FSA warnte, dass etwas unternommen werden müsse, um das Geschäft von Dresdner Kleinwort zu stabilisieren und ein Abwandern der Führungsriege der Investmentbank zu verhindern. "Wir haben damals diskutiert, ob jeder Mitarbeiter einen festen Bonus erhalten sollte, um die Belegschaft bei der Stange zu halten", erinnert sich Jentzsch. Aber er drängte auf einen Bonuspool. Die Banker sollten motiviert werden, aber sich anstrengen müssen, um Ende des Jahres einen möglichst hohen Teil des Kuchens abzubekommen.

Nach internem Drängeln segneten der Vorstand der Dresdner Bank, der Großaktionär Allianz und die Vergütungsgremien beider Institute einen Bonuspool für die Investmentbanker von 400 Millionen Euro für 2008 ab. Die FSA wurde entsprechend informiert. Die Banker sollten diesen Pool nach Angaben von Jentzsch als Halteprämie ausgezahlt bekommen, egal wie das Ergebnis der Dresdner Kleinwort zum Ende des Jahres aussehen würde. Schließlich sollte die Loyalität der Mitarbeiter belohnt werden, um ein stabiles Bankgeschäft verkaufen zu können.

Jentzsch verkündete den Pool am 18. August 2008 kurz und knapp mündlich auf einer intern ausgestrahlten Betriebsversammlung. Es wurden keine Aufzeichnungen der Ankündigung oder Bestätigungsschreiben verschickt. Es war nicht einmal geklärt, ob der Pool in bar oder in Aktien gezahlt und nach welche Kriterien er aufgeteilt werden sollte. Mitarbeitern war anfangs nicht einmal klar, ob der Bonus auch für das Backoffice gedacht war.

Erst im November 2008 erfuhren die meisten Mitarbeiter, dass Jentzsch intern dafür gesorgt hatte, dass der Führungsriege und einigen, für das Geschäft wichtigen Investmentbankern im August stillschweigend Bonusbriefe zugeschickt worden waren, die vertraglich garantierte Bonusbeträge, teilweise in Millionenhöhe, zusicherten. Diese Banker hatten darüber Stillschweigen zu bewahren. Die Beträge beliefen sich zusammen auf etwa 150 Millionen Euro.

„Friends- and Family-Bonus“

Blessing hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass diese schriftlich zugesagten Bonuszahlungen vertragswirksam waren. Sie wurden ausgezahlt. Aber was hatte Jentzsch konkret angekündigt? Hatte er nur gesagt, dass die Allianz einen Bonuspool von 400 Millionen Euro garantiert, sprich abgesegnet, habe? Jentzsch kann sich an den Wortlaut seiner Ankündigung nicht mehr genau erinnern.

Dennoch: Für Jentzsch war der Pool, auf den in zahlreichen Sitzungen und in interner Kommunikation immer wieder abgestellt wurde, eine rechtlich bindende Zusage. "Ich hatte diese Leute zum Teil selber eingestellt, hatte ihnen große Versprechungen gemacht. Ich fühle mich für diese Leute verantwortlich, gerade in den Zeiten der Finanzkrise." Thomas Linden, der bei Gericht zugelassene Anwalt der Gegenseite, hingegen wirft Jentzsch vor, er habe für die mit ihm befreundeten Investmentbanker heimlich gesorgt - eine Art "Friends- and Family Bonus." Je näher die Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank rückte, desto mehr stieg die Nervosität bei der Belegschaft und bei Jentzsch, dass sich das Management der Commerzbank nach der Übernahme nicht an die Abmachung halten werde. Jentzsch warnte Allianz und Commerzbank, dass es unehrlich und unverantwortlich sei, die Mitarbeiter nach vollbrachter Leistung nicht wie vereinbart zu entlohnen.

Doch die Situation hatte sich dramatisch geändert. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008 und die folgende Illiquidität der Märkte führten zu eskalierenden Verlusten bei allen Investmentbanken. Blessing musste Anfang November die Rettung der Commerzbank durch den deutschen Steuerzahler mit 8,2 Milliarden Euro aushandeln, um die Ende August verkündete Übernahme der Dresdner Bank überhaupt schultern zu können. Blessing machte keinen Hehl daraus, dass er den Bonuspool für exzessiv hielt. "Bonuszahlungen müssen erst einmal verdient werden. Wer Verluste macht, kann keine Boni zahlen." Die Investmentbanker ahnten nichts Gutes, obwohl Blessing Anfang November 2008 explizit auf einer Betriebsversammlung sagte, dass die Commerzbank nicht intervenieren werde.

Wenige Tage zuvor hatten jedoch Blessing und Finanzvorstand Eric Strutz einen Brief an Michael Diekmann, den damaligen Vorstandsvorsitzenden der Allianz, geschrieben und gefordert, dass sie in Fragen des Bonuspools stärker involviert sein wollten. Übte Blessing damals hinter den Kulissen Druck gegenüber der Allianz aus, dass die Bonusbriefe, die im Dezember an die Masse der Belegschaft rausgehen sollten, eine rechtliche Vorbehaltsklausel enthielten? Hier werden die Erinnerungen von Blessing vage. In der Tat wurde in den Briefen vom 19. Dezember 2008 gewarnt, dass Boni nur gezahlt würden, wenn sich die Geschäftssituation der Investmentbank im November und Dezember nicht drastisch gegenüber früheren Prognosen verschlechtern würde. Sollte das Gericht entscheiden, dass es sich bei der Bonusankündigung von Jentzsch um eine rechtlich bindende Zusage gehalten hatte, wäre der Vorbehalt Vertragsbruch.

„Das ist Unsinn, Herr Blessing“

Blessing leugnet, direkt interveniert zu haben. "Wir wollten als Beobachter anwesend sein, allein schon wegen der Kommunikation gegenüber den Mitarbeitern der Commerzbank, die schließlich keinen Bonus erhalten würden", verteidigte sich Blessing. "Das ist Unsinn, Herr Blessing", fuhr ihn der vor Gericht zugelassene Queens Councillor, Andrew Hochhäuser, an. "Sie wollten, dass die Commerzbank und Dresdner Bank zusammen entscheiden, ob und wie der Pool ausgezahlt werden würde. Sie wollten intervenieren, um das rückgängig zu machen, was vorher beschlossen worden war. Sie sahen die riesigen Bankverluste und wollten, dass der Pool leistungsabhängig ausgerichtet wurde. Und Sie haben Druck auf die Allianz ausgeübt." Blessing verteidigt sich: "Es ging damals nicht darum, die Investmentbanker glücklich zu stimmen. Ich wusste, ich würde 9000 Leute entlassen müssen. Wir forderten Geld vom Steuerzahler. Ich musste zahlreiche Interessen in Einklang bringen." Am späten Abend des 18. Dezember hatte Blessing eine schockierende Nachricht erhalten. In einer Sondersitzung wurde ihm erklärt, dass die Allianz einen Verlust der Dresdner Kleinwort von mindestens 4 Milliarden Euro erwartete, dass sich die Situation im November und Dezember rasant verschlechterte, eine zweite, viel größere Rettung der Commerzbank durch den Staat notwendig sein würde.

Am nächsten Tag gingen die Bonusbriefe an all jene Investmentbanker von Dresdner Kleinwort raus, denen nicht schon im August ein Bonus schriftlich garantiert worden war. Es war klar, was der rechtliche Vorbehalt in den Briefen bedeutete. Das für den Bonuspool zuständige Gremium aus den ehemaligen Dresdner-Bank-Vorständen Jentzsch, Wulf Maier und Klaus Rosenfeld entschied am 10. Februar, dass sich das Geschäftsergebnis von Dresdner Kleinwort in November und Dezember in der Tat drastisch gegenüber vorherigen Prognosen verschlechtert hatte und der Vorbehalt daher greifen würde. "Sie hätten kaum eine andere Entscheidung treffen können", sagt Blessing heute.

"Ich habe damals sehr deutlich gemacht, was ich wollte", sagt Blessing vor Gericht. Am 17. Februar wurde unter seinem Vorsitz von der Dresdner Bank entschieden, dass der dramatische Verlust der Dresdner Kleinwort von gar 6,5 Milliarden Euro und die Rettung der Commerzbank mit schließlich 18,2 Milliarden Euro durch den deutschen Steuerzahler keine großartigen Bonuszahlungen erlaubten. Der verbliebene Pool wurde um 90 Prozent auf 25 Millionen Euro zusammengestrichen. Zahlreiche Banken zahlten damals überhaupt keinen Bonus.

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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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