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Investoren Übernahmephantasie kehrt zurück

10.10.2003 ·  Nach Jahren der Restrukturierung sind deutsche Aktiengesellschaften schlanker, fokussierter, kurz: attraktiver für ausländische Investoren geworden. Das macht sich auch auf den Aktienmärkten bemerkbar.

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Die Gerüchteküche für Übernahmen und Fusionen läuft in Deutschland langsam wieder heiß. Nach drei Jahren Baisse, in denen Anleger nur selten Übernahmeprämien für ihre Aktien einstreichen konnten, mehren sich die Hinweise auf ein wiedererwachtes Interesse ausländischer Käufer. "Seit zwei bis drei Monaten beobachten wir ein sprunghaft gestiegenes Interesse unserer Kunden", sagt Lutz Raettig, der Deutschland-Chef der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley. Der Einstieg der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Hellman & Friedman bei Axel Springer und der Kauf der Münchner Brauerei-Gruppe Spaten-Franziskaner durch die belgische Interbrew sind die jüngsten Indizien für diese Entwicklung. Zudem haben unlängst die Chefs der beiden Großbanken Citibank und Credit Suisse signalisiert, daß sie Interesse an der Übernahme deutscher Kreditinstitute haben. Und im Aktienhandel selbst häufen sich die Gerüchte über Kaufangebote für Vorzeigeunternehmen wie Beiersdorf, Schering, Tui oder MAN.

Die Gründe für das zurückgekehrte Interesse der Ausländer sind vielfältig. Entscheidend dürfte jedoch sein, daß die deutschen Unternehmen nach Jahren der Restrukturierung Übergepäck über Bord geworfen haben und somit fokussierter und schlanker - sprich: attraktiver - geworden sind. Dieser Restrukturierungsprozeß ist in vielen Fällen von Aktienmarkt noch nicht honoriert worden. Gerade im Vergleich mit Amerika sind die Bewertungen deutscher Aktien immer noch sehr günstig. Wichtiger als dieser Preisvergleich ist jedoch, daß viele Unternehmen deutlich unter ihrem Buchwert gehandelt werden. Oder, wie Fusionsspezialisten es formulieren: Der Börsenwert liegt unter den Wiederbeschaffungskosten des Kapitalstocks. Unternehmen, die diese Voraussetzung erfüllen, sind erste Kandidaten für eine Übernahme.

Keine Angst mehr vor Restrukturierung

Die relative Unterbewertung deutscher Unternehmen ist freilich kein neues Phänomen. Was dem Markt für Übernahmen und Fusionen jetzt wieder mehr Dynamik zu verleihen scheint, ist vielmehr die gestiegene Bereitschaft der Ausländer, in den deutschen Markt zu investieren. "Das liegt auch daran, daß das Vertrauen der Ausländer in die strategische Gestaltungsfähigkeit deutscher Unternehmen gestiegen ist", sagt Investmentbanker Raettig. Die Unternehmen hätten gezeigt, daß sie die Furcht vor Restrukturierungsmaßnahmen abgelegt hätten.

Aus der Sicht der potentiellen Käufer, den strategischen Investoren, kommt hinzu, daß es ihnen jetzt selbst wieder besser geht. Amerika hat seine Rezession schon fast zwei Jahre hinter sich, die Börsenbewertungen der Unternehmen nähern sich wieder dem Rekordhoch. Und ein hoher Aktienkurs in Relation zum erwarteten Gewinn, also ein hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), ist nichts anderes als eine kaufkräftige Währung für Übernahmen. Am Freitag demonstrierte dies der amerikanische Mischkonzern General Electric (GE), der den Kauf des britischen Diagnostik-Spezialisten Amersham in einem mit 9,5 Milliarden Dollar bewerteten Aktientausch ankündigte. Da GE selbst mit fast 300 Milliarden Dollar bewertet wird, kann es solche Akquisitionen mühelos schultern, ohne daß die GE-Aktionäre einen großen Verwässerungseffekt fürchten müssen.

Anfällig für Übernahmen

Die enormen Marktbewertungen der amerikanischen, britischen und Schweizer Unternehmen sind es denn auch, die deutsche Aktiengesellschaften so anfällig für Übernahmen machen. Selbst die Deutsche Bank kann sich vor einer Übernahme nicht mehr sicher fühlen. Die amerikanische Citibank wird etwa sechsmal so hoch bewertet wie der deutsche Marktführer, die britische HSBC viermal so hoch. Vor Übernahmen geschützt sind eigentlich nur solche Gesellschaften, die einen Großaktionär ohne Verkaufsabsichten hinter sich wissen. Im Dax sind dies vor allem Altana, BMW, Fresenius und Henkel. Auf die Hilfe der Deutschland AG kann kein Übernahmekandidat mehr setzen, weil Banken und Versicherer auf der Suche nach Reserven ihre Beteiligungen lieber heute als morgen verkaufen wollen. So halten sich auch hartnäckig Gerüchte, daß die Allianz nach Käufern für ihr 44-Prozent-Paket bei dem Hamburger Konsumgüterkonzern Beiersdorf Ausschau hält: Procter & Gamble, der Käufer von Wella, und L'Oréal gelten als Hauptinteressenten.

Quelle: dri. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2003, Nr. 236 / Seite 21
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