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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Interview "Vor drei Jahren war die AIM ein Witz"

 ·  Im Jahr 2005 stehen einige Börsengänge an. Stefan Winter und Hermann Prelle von der UBS denken, in Deutschland hätten kleine Werte eine zu geringe Anlegerbasis und lassen durchblicken, ein Modell wie der Londoner AIM könnte interessant sein.

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Die UBS in Frankfurt ist an zahlreichen bereits annoncierten Börsengängen beteiligt. Bei Paion, Sick, Sirona ist UBS Konsortialführer; bei Premiere ist sie im Konsortium. Stefan Winter, Vorstandssprecher der UBS in Frankfurt, und Vorstandsmitglied Hermann Prelle bestreiten indes nicht, daß es am deutschen Markt für Aktienneuemissionen gerade für kleine Werte an einer breiten Investorenbasis mangelt.

Ihre Antworten lassen sich auch als Aufforderung an die Deutsche Börse verstehen, sie möge bei ihrer geplanten Übernahme der Londoner Börse den dortigen Alternative Investment Market nicht vergessen.Mit schwächeren Anlegerschutzbestimmungen und dadurch niedrigeren Kosten ist der AIM in den vergangenen Jahren zu einer Plattform gerade für kleine Börsengänge geworden. Auf die Frage, ob der Tec-Dax entbehrlich ist, antworten die beiden ausweichend.

Herr Winter, Herr Prelle, worin werden sich die Jahre 2004 und 2005 am Markt für Aktienneuemissionen unterscheiden?

Prelle: Im Jahr 2004 wollten viele auf einen Börsengang unvorbereitete Unternehmen ein sich für kurze Zeit öffnendes Zeitfenster nutzen. Die Emissionspreise waren oft nach oben ausgereizt. Gleichzeitig nahmen die Unternehmen viel Hybrid-Kapital auf und trockneten damit auch den Markt für Aktienneuemissionen aus.

Und 2005?

Prelle: Es sieht viel besser aus. Die Börsenkandidaten suchen zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt nach Ankerinvestoren und loten mögliche Emissionskurse aus. Die Aufnahme von Hybrid-Kapital an den Märkten läßt nach. Mit der Preisdiskussion werden wir gleichwohl leben müssen. Schaut man auf die Märkte für Aktienneuemissionen anderer Länder hinkt Deutschland hinterher. Der Risikoappetit der Anleger steigt überall, aber am wenigsten in Deutschland.

Wenn beispielsweise Premiere wie Siltronic im Jahr 2004 den Preis nach oben ausreizt, wird sich daran auch nichts ändern.

Prelle: Das muß man abwarten. Es könnte sein, daß die Anleger bei zukünftigen Börsengängen besonders preissensibel sein werden.

Nehmen wir an: Es geht gut. Wie viele Börsengänge sind dann in 2005 vorstellbar?

Winter: Wenn es im ersten Halbjahr zehn gut vorbereitete Unternehmen schaffen, könnten es am Jahresende zwanzig bis dreißig Börsengänge in Deutschland werden. Schätzungsweise 40 Prozent der Unternehmen in den Beteiligungsportfolios von Finanzinvestoren wie Kohlberg Kravis Roberts Co oder Permira sind durchaus börsenfähig.

UBS ist eigentlich ein Haus für die großen Tickets. Nun sind Sie in diesem Jahr fast in jedem Konsortium dabei - auch bei kleinen Emissionen. Beim ersten Börsengang, dem von Paion, ist die UBS Konsortialführer. Woran liegt das?

Winter: Natürlich sind große Emissionen für uns lukrativer als kleine. Doch derzeit sind die großen Aktienemissionen in Deutschland dünn gesät. Wir betreuen auch kleine Emissionen, wenn wir die entsprechende Branchenexpertise haben. Beispielsweise sind Börsengänge aus den Branchen Biotechnik und Software fast immer klein. Wir glauben daran, daß kleine Unternehmen groß werden können. Es gibt kleine Unternehmen, die wirklich gut sind.

Aber viele Anleger in Deutschland interessieren sich nur für die Aktien aus dem Dax, vielleicht noch für den M-Dax oder den Tec-Dax. Wie schaffen Sie es, auf kleine Emissionen Aufmerksamkeit zu lenken?

Winter: UBS fühlt sich auch den kleinen Unternehmen verpflichtet. Wir sind inzwischen die einzige Auslandsbank, in der in Frankfurt noch Aktienanalysen über kleine und mittlere Werte erstellt werden. Insofern haben Sie recht: Kleine Unternehmen finden wenig Aufmerksamkeit, obwohl gerade für sie die Börse als Instrument der Wachstumsfinanzierung besonders wichtig ist.

Was kann man für die kleinen Börsenkandidaten tun?

Prelle: Ein Blick nach England zeigt: Die Börsen und die Politik sind gefordert. Vor drei Jahren, als es in Deutschland noch den Neuen Markt gab, war der Alternative Investment Market in London ein Witz. Heute finden dort fast jede Woche Börsengänge statt. Die Londoner Börse hat eine eigene Investorengruppe aufgebaut. Hier finden kleine Unternehmen mit einem Emissionsvolumen von weniger als 100 Millionen Euro Käufer.

Winter: Diese Emissionen haben noch Venture-Capital-Charakter. Allein wegen der geringen Größe kommen diese Emissionen für Fonds oft nicht in Frage. Es gibt in London gleichwohl dafür eine ganz eigene Investorenschicht - Family Offices, Vermögensverwalter, vermögende Privatkunden. Sie genießen in London große Steuervorteile in Form von Abschreibungsmöglichkeiten, wenn die Kursentwicklung nach dem Börsengang nicht entsprechend ist.

Sie meinen, anstelle der vielen Mittelstandsprogramme der staatseigenen KfW sollte die Bundesregierung Förderpolitik so betreiben, daß sie privaten Aktienanlegern ähnliche Steuervorteile wie in London einräumt?

Prelle: Darüber könnte man doch immerhin einmal nachdenken.

Muß auch die Deutsche Börse mehr tun für die kleinen Emissionen?

Winter: Der Steuervorteil, den es für Anleger in London gibt, läßt sich nicht wegdiskutieren. Nach dem Ende des Neuen Marktes hat die Deutsche Börse den General Standard als die schlanke Form, sich listen zu lassen, gerade für kleine Unternehmen geschaffen. Das halte ich im Grundsatz immer noch für richtig. Auch die Idee der Liquiditätsschöpfung durch Bankenbetreuer ist gut. Allerdings ist es für uns Banken schwer, mit diesem Designated Sponsoring Geld zu verdienen. Viele Banken ziehen sich mit guten Gründen aus diesem Geschäft zurück. Es ist also sehr schwer, in die kleinen Werte mehr Musik hineinzubringen.

Brauchen wir eine einheitliche europäische Wachstumsbörse?

Prelle: Ja, wir sollten weg vom Nationalismus. Es sollte eine Börse in Europa geben, die Nasdaq-Charakter hat. Dort muß die gesamte Liquidität für europäische Wachstumswerte gebündelt sein.

Brauchen wir den Tec-Dax noch?

Winter: Der Zeitpunkt, den Tec-Dax zu starten, war günstig. Im Frühjahr 2003 war der Tiefpunkt an den europäischen Aktienmärkten. Aber der Tec-Dax hat, obwohl er stark gestiegen ist, im Vergleich zu Dax und M-Dax seither schlechter abgeschnitten. Die täglichen Handelsumsätze dort sind recht niedrig.

Das Gespräch führte Hanno Mußler

Quelle: F.A.Z., 10.02.2005, Nr. 34 / Seite 24
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