Die Akteure an den Aktienmärkten hatten offenbar auf mehr gehofft. Jedenfalls wurde die Talfahrt der Aktienkurse durch den in diesem Jahr dritten Zinssenkungsbeschluss in den USA nicht gestoppt. Grund genug für BusinessWeek Online, um mit Michael Englund, Chefvolkswirt beim US-Finanzdienstleister Standard & Poor´s (S&P), über die Politik der US-Notenbank und die weiteren Zinsaussichten zu sprechen.
War die Zinssenkung um 50 Basispunkte überhaupt überraschend?
Wir hatten damit gerechnet. Der Markt wird sicherlich enttäuscht sein, aber diese Ankündigung vermutlich ohne große Turbulenzen überstehen.
Erwarten Sie weitere Zinsschritte bis zur nächsten FOMC-Sitzung am 15. Mai?
Wir vermuten, dass im Mai eine neue Zinssenkung um weitere 50 Basispunkte folgt. Doch auch schon zuvor ist eine Zinssenkung denkbar. Die Fed verfolgt immer noch einen Kurs der geldpolitischen Lockerung, und ich denke, das erwartet der Markt auch.
Wie stark hat die Aktienmarktschwäche die Zinsentscheidung beeinflusst?
Anders als zuvor wurde dieses Mal auf die von den Entwicklungen auf den Aktienmärkten ausgehenden negativen Vermögenseffekte hingewiesen, die zu einem Abschwung bei den Verbraucherausgaben führten. Also bedrücken die Fed offenbar die sinkenden Aktienkurse sowie die Möglichkeit, dass die Konjunkturschwäche nicht nur die US-Wirtschaft betrifft, sondern global von Bedeutung ist. Natürlich bestand diese Gefahr schon immer, aber wenn sogar die Fed darauf verweist, scheint sie die Konjunkturabkühlung als ein umfassenderes Problem anzusehen. Die Tatsache, dass die Notenbank auf die Aktienmärkte verweist, zeigt deutlich, dass der Markt zuletzt für ihren Geschmack zu starke Einbrüche erlebt hat.
Warum hat Greenspan die Zinsen nicht um 75 Basispunkte gesenkt?
Wir dachten, dass dies auch möglich sei, doch die Fed hat in der Vergangenheit einen Kurs von Zinssenkungen um 50 Basispunkte eingeschlagen. Wir haben es mit einer Fed zu tun, die zuletzt viele kleine Schritte gemacht hat. So gesehen hat Greenspan seit Anfang des Jahres sogar ungewöhnlich stark die Zinsen gesenkt. Zudem deuten die Wirtschaftsdaten zurzeit größtenteils auf ein anhaltendes, gesundes Ausgabenwachstum hin, obwohl im industriellen Sektor eine deutliche Schwäche zu verzeichnen war. Doch davon abgesehen scheint die Wirtschaft zum Großteil in überraschend guter Verfassung zu sein. Also scheint die Fed auf eine sehr umsichtige Politik zu setzen, auch wenn sie sich anscheinend stärker auf den Aktienmarkt und die globalen Auswirkungen konzentriert.
Gab es irgend welche weiteren Hinweise in Bezug auf zukünftige Schritte?
Die Verweise auf eine „schnelle Entwicklung“ und „die Erfordernis, die Entwicklungen genau mitzuverfolgen“ werden so interpretiert, dass eine weitere Zinssenkung bis zur nächsten Sitzung des Zentralbankrats weiter in Betracht gezogen wird. Ich schätze derzeit die Chancen für einen weiteren Zinsschritt um 50 Basispunkte im April auf etwa 50 zu 50 ein.
