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Interview : „Die heutige Beratung macht den Versicherten zum Verlierer“

  • Aktualisiert am

Nimmt die Krankenversicherer unter die Lupe: Peter Zinke Bild: Peter Zinke

Die Krankenkassenbeiträge steigen. FAZ.NET sprach mit Peter Zinke, der ein eigenes Analysesystem zur privaten Krankenversicherung entwickelt hat.

          „Die heutige Art der Versicherungsberatung durch nahezu jeden Vermittler in Deutschland bringt den Versicherten zu 100 Prozent auf die Verliererseite“, glaubt Peter Zinke. Der Experte im Tarifdschungel der privaten Krankenversicherer ist ein Befürworter des Wechsels von der gesetzlichen Versicherung in die private. Aber nicht um jeden Preis und nicht bei jeder Versicherungsgesellschaft.

          Die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung werden steigen. Das steht so gut wie fest. Lohnt sich da ein Wechsel zur privaten Krankenversicherung?

          Es geht bei dieser Frage um zwei Dinge: die Beiträge und die Qualität der Leistung. Wer tatsächlich wechseln kann, der zahlt ja bereits jetzt mit Arbeitgeberanteil gut 1.000 Mark monatlich in die gesetzliche Krankenversicherung. Eine Zahl, die für sich spricht. Zur Privaten: Man muss berücksichtigen, dass die finanzielle Ausstattung der privaten Krankenversicherung seit 1994 bis heute ungeheure positive Fortschritte gemacht hat. In diesem Sinne ein uneingeschränktes 'Ja'.

          Für wen ist der Wechsel denn überhaupt interessant?

          Da gilt es natürlich, Familienumstände im weitesten Sinne, Gesundheitsfragen und auch das voraussichtliche Einkommen im Alter zu berücksichtigen. Unter Umständen kann der Wechsel sogar für Familien mit zwei Kindern interessant sein. Vorausgesetzt, die Beratung läuft korrekt und der Kunde selbst steht voll hinter seiner Entscheidung.

          Gibt es Unterschiede in der Grundversorgungsleistung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung?

          Das kommt ganz auf den gewählten Tarif an. Beim Standard-Tarif wohl kaum. Aber bei fast allen anderen Tarifen schon, nämlich durch die Qualität der Leistung.

          Wie groß sind denn überhaupt die Beitragsunterschiede, was kann man sparen?

          Auch dabei kommt es ganz darauf an, welchen Tarif man wählt. Es gilt dabei zu berücksichtigen, dass mittlerweile eine enorme Vielfalt von Tarifen vom alten, „mittelalten“ und jungen Tarif beziehungsweise Versicherer bis hin zu Mehrfachtarifwerken sowie Ködertarifen am Markt existiert. Das bleibt für den Einzelnen verwirrend, wenn er sich nicht auskennt.

          Wer fährt denn besser mit der Kombination aus gesetzlicher Absicherung und privater Zusatzversicherung?

          Alle Familien, für die in einigen Jahren die ausschließlich private Krankenversicherung zu teuer werden würde, wenn etwa das Einkommen nicht mehr groß genug wäre. Und natürlich Bürger, die im Alter nur eine sehr geringe Rente zu erwarten haben.

          Lange Zeit hatten private Krankenversicherer mit dem Vorwurf zu kämpfen, dass die Beiträge mit zunehmendem Alter der Versicherten immer stärker ansteigen. Ist dieses Thema eigentlich vom Tisch?

          Bisher zu teure Versicherer werden ihre Geschäftspolitik auch künftig beibehalten und zusätzlich fließende Gelder wie den gesetzlich vorgeschriebenen Zuschlag von zehn Prozent kaum kundenfreundlicher verwenden. In diesem Sinne ein uneingeschränktes 'Nein'.

          Die Vielfalt der Tarife bei der privaten Krankenversicherung ist teilweise kaum noch durchschaubar. Manchmal kann man den Eindruck bekommen, dahinter stecke geradezu System, um potenzielle Kunden anzulocken. Wie beurteilen Sie das?

          Das kann ich nur bejahen! Je mehr Tarife ein Versicherer anbietet, umso mehr kann er Unliebsames verschleiern. Immer wieder neue Tarife, das ist Irrsinn, aber ganz legal. Und das Bundesaufsichtsamt darf nichts unternehmen. Es gibt meines Erachtens derzeit nur zwei Versicherer mit mehreren Tarifwerken, denen man langfristig das Gütesiegel preiswert und qualitativ gut ausstellen kann.

          Worauf sollten Versicherte bei einem Vertragsabschluss generell achten?

          Die Leute sollten sich vor einem Vertragsabschluß von einem unabhängigen Experten so beraten lassen, dass sie die Entscheidung allein treffen können. Und von ihrem Vermittler sollten sie verlangen, dass der sich durch entsprechende schriftliche Äußerungen in die Hand seines Kunden begibt. Damit der Kunde bei einer Fehlberatung den Vermittler vor Gericht verklagen kann. Die heutige Art der Beratung durch nahezu jeden Vermittler in Deutschland bringt den Versicherten zu 100 Prozent auf die Verliererseite.

          Wie denken Sie über das Thema Versicherungs-Rating im Hinblick auf die Objektivität?

          Betrachten Sie nur alle ab 1992 erschienen Wertungen in den Medien. Ratings, ob durch Softwarehäuser, durch professionelle Unternehmen oder wen auch immer: welch ein Durcheinander, welche Widersprüche, welche Verzerrungen! Fast immer nur Rennlisten. Aber Sie wissen selbst, dass jedes Rennen einen neuen Sieger hervorbringt. Ich für meinen Teil habe genug von solchen Pseudo-Wertungen, die aus meiner Sicht oft genug schon an Betrug grenzen. Hat es bis heute jemals einer geschafft, eine Art Bauplan aufzuzeichnen, wie die ideale private Krankenversicherung, die idealen Tarife zu einer solchen Versicherung aussehen sollten? Leider nicht. Denn so etwas würde ja die Wahrheit ans Licht bringen. Aber ein solches Raster wäre einer humanen Wirtschaftsgesellschaft würdig. Und nur das zählt.

          Peter Zinke ist unabhängiger Versicherungsmakler aus Wiesbaden und hat über die vergangenen zwölf Jahre hinweg ein eigenes Analysesystem zur Bewertung aller privaten Krankenversicherungen in Deutschland entwickelt. Mit Peter Zinke sprach Hans Heuser.

          Quelle: @hh

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