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Interview "Die größten Fehler in den Schwellenländern werden von den Zentralbanken gemacht"

02.07.2003 ·  Mark Mobius, Fondsmanager bei Franklin Templeton, Schwellenlandexperte und Investmentlegende, über Finanzkrisen und heißes Geld.

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Mark Mobius ist Fondsmanager bei der Fondsgesellschaft Franklin Templeton, die rund 280 Milliarden Dollar verwaltet. An den Finanzmärkten gilt er als der Experte für Investments in Schwellenländern. Sein außergewöhnliches Ansehen beruht vor allem auf seiner umfassenden Erfahrung. Während die Mehrzahl seiner Kollegen zwischen 30 und 40 Jahre alt ist, hat er allein 30 seiner 67 Lebensjahre beruflich in Asien verbracht. Mobius, Sohn eines deutschen Bäckers, der vor dem Krieg nach Amerika emigrierte, eröffnete nach seinem Studium 1969 in Hongkong ein Beratungsbüro für regionale Marktforschung. 1987 stieß er als Vorsitzender der Templeton Emerging Market Fund Inc. in Hongkong zu Templeton und übernahm die Verantwortung für die gesamten Schwellenmarktaktivitäten von Templeton. Die Liste seiner Auszeichnungen ist endlos: So zählte ihn beispielsweise die Carson Group nach einer Umfrage unter Investmentexperten 1999 zu den "Ten Top Money Managers of the Twentieth Century".

Herr Mobius, weltweit haben die Anleger das Interesse an Risiken verloren - und da wollen Sie Aktien in Schwellenländern kaufen, die als besonders riskant gelten?

Wenn wirklich jeder Aktien und Risiken meidet, dann ist das die beste Zeit zum Investieren. Je populärer Anleihen - auch in den Schwellenländern - werden, um so attraktiver werden die Aktien. Anleihen westlicher Industrieländer bringen derzeit gut 3 bis 4 Prozent, und auch die Anleiherenditen in Schwellenländern sind gesunken. Die Aktien dieser Regionen hingegen haben derzeit eine Umsatzrendite von rund 10 Prozent - und die Chance auf Kursgewinne.

Oder das Risiko weiterer Kursverluste.

Natürlich, das gibt es immer. Aber bedenken Sie: Die Bewertung dieser Aktien ist mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 9 sehr attraktiv, und die Märkte sind auf ihrem niedrigsten Niveau seit langem - sie haben teilweise bis zu 80 oder 90 Prozent an Wert verloren. Viele Investoren sind der gleichen Ansicht: Wir verzeichnen ein steigendes Interesse der Anleger an Schwellenländern, und die Zuflüsse in unsere Fonds nehmen derzeit deutlich zu.

Besteht hier nicht die Gefahr, daß jetzt zuviel kurzfristiges Kapital in strukturschwache Regionen gepumpt wird, das beim kleinsten Anzeichen einer Krise aber wieder abgezogen wird und damit ähnliche Krisen auslöst wie Ende der neunziger Jahre in Asien?

Ich mache mir keine Sorgen darum, daß dieses "hot money" zu Verwerfungen in den betreffenden Ländern führt. Jeder Dollar, der dort in Infrastruktur oder anderes Realkapital investiert wird, kann nicht rasch abgezogen werden. Selbst wenn wir eine Aktie verkaufen - sobald wir das mit Verlust tun, bleibt doch automatisch ein Teil des Geldes im Land zurück.

Trotzdem hat dieses heiße Geld in der Asien-Krise zu schweren Verwerfungen geführt.

Die größten Fehler werden doch von den jeweiligen Zentralbanken gemacht. Nehmen Sie zum Beispiel die thailändische Krise: Da hat die Zentralbank ihre Währungsreserven auf Termin verkauft. Als Spekulanten dann gesehen haben, daß die Zentralbank keine Währungsreserven mehr hat, haben sie die Währung attackiert - und das dann recht erfolgreich.

Aber nicht alle Zentralbanken spekulieren mit ihren Währungsreserven.

Aber sie fixieren beispielsweise den Wechselkurs und geben damit falsche Signale an Investoren und Sparer. Und sobald die Zentralbank nicht mehr in der Lage ist, den Wechselkurs stabil zu halten, bricht alles zusammen. Sie sehen: Das größte Risiko sind nicht die Investoren, sondern die Zentralbank und der Staat.

Mit anderen Worten: Das Risiko eines Engagements in Schwellenländern kommt nicht aus den Aktien, sondern aus der Politik?

Bevor wir in einem Land investieren, schauen wir uns das politische Umfeld sehr genau an. Aber wir schauen es uns auch durch die Augen des Unternehmens an: Es kann durchaus sein, daß die politische Lage eines Landes heikel ist, die Lage des Unternehmens aber sehr gut. Und wenn das politische Risiko überschätzt wird, dann wird die Aktie sogar noch billiger sein. Dann profitieren wir sogar von politischen Risiken.

Welche Rolle spielt der Staat in diesem Zusammenhang?

Hier geht es vor allem um das Thema Korruption: Unglaublich viel Geld wird verschwendet, indem es in die falschen Kanäle fließt. Geld kann aber nur produktiv sein, wenn es an die richtigen Stellen kommt. Das ist bei Korruption nicht der Fall, Korruption ist unproduktiv. Zudem tendieren viele Regierungen dazu, das Bankensystem zu regulieren oder zu kontrollieren und auf diesem Weg die Transmissionsmechanismen zu stören; beispielsweise indem sie politische Kredite vergeben.

Wie funktioniert das?

Ganz einfach: Die Regierung will ein bestimmtes Projekt - eine Brücke, eine Autobahn - umsetzen. Um das zu erreichen, nötigt sie die Bank dazu, für dieses Projekt Geld zu verbilligten Konditionen zu vergeben. Auf den Philippinen können Sie beispielsweise viele Stadien und Versammlungshallen bewundern, in die viel Geld versenkt wurde - die aber niemand braucht. Diese Praxis finden Sie aber auch in entwickelten Ländern, beispielsweise in Frankreich oder auch in Deutschland.

Aber es besteht doch wohl noch ein Unterschied zwischen Deutschland und den Philippinen?

Der wichtigste Unterschied zwischen Schwellenländern und reifen Volkswirtschaften ist das Rechtssystem: In Deutschland haben Sie als Investor Sicherheit, Sie müssen keine Enteignung fürchten. Als wir beispielsweise abschätzen konnten, daß Chavez in Venezuela an die Macht kommt, haben wir unsere Mittel sofort abgezogen. Das passiert immer noch sehr häufig, daß ein Land oder dessen Währung sich als Mausefalle für Investoren erweist. Und ohne die Sicherheit vor solchen Entwicklungen werden Investoren einen großen Bogen um das betreffende Land machen.

Selbst wenn internationale Organisationen in den betreffenden Ländern aktiv werden?

Das ist nicht der Punkt. Der Grund, warum Institutionen wie der Internationale Währungsfonds oder die Weltbank in ihrer Arbeit nicht sehr effektiv waren, liegt darin, daß sie es nicht geschafft haben, den Kern der Probleme vieler Schwellenländer zu beseitigen: Korruption und staatliche Eingriffe in die Wirtschaft und die heimischen Finanzmärkte.

Investoren suchen also Rechtssicherheit?

Ja, und zwar auf der Ebene des Staates ebenso wie auf der Ebene des Unternehmens. Was sie neben einem stabilen Rechtsrahmen zusätzlich brauchen, sind Unternehmen, die sich an die Grundsätze einer ordentlichen Unternehmensführung halten - diese Corporate Governance ist übrigens nicht nur in Schwellenländern ein Problem.

Wir brauchen also auch für Schwellenländer eine Diskussion um die Grundsätze ordentlicher Unternehmensführung?

Natürlich. Wenn man als Anteilseigner nicht einmal sicher sein kann, einen fairen Anteil am Unternehmensertrag zu erhalten, dann werden Sie nicht investieren. Ohne einen Schutz der Aktionärsrechte gibt es keinen ordentlichen Kapitalmarkt, und ohne ordentlichen Kapitalmarkt kommen auch keine Investoren.

Und wenn die Investoren kommen - welche Rolle spielen sie in den Schwellenländern?

Die meisten Schwellenländer haben eine sehr junge Bevölkerung - die braucht Beschäftigung und will produktiv sein. Dazu benötigt sie Kapital. Viele Länder können zwar auch durch eigenes Sparen Kapital bilden, aber ohne ausländische Mittel würde der Aufbauprozeß viel zu lange dauern. Hier kommen wir ins Spiel: Wir bringen diesen Ländern das Kapital, das dazu notwendig ist.

Und mit dessen Hilfe dann - so die Angst der Europäer - in den wohlhabenden Nationen Arbeitsplätze vernichtet werden.

Diese Angst hatte man auch in den achtziger Jahren angesichts der Entwicklung solcher Nationen wie Korea oder Singapur - die heute unter den gleichen Ängsten leiden. Viele Schwellenländer wie beispielsweise China haben längst angefangen, die Technologieleiter hochzuklettern, weil sie wissen, daß Technologie Produktivität bedeutet und daß nur eine Zunahme der Produktivität ihnen auch Wohlstand beschert.

Muß man da aber nicht gerade als Deutscher, als Angehöriger einer Nation, die vor allem Technologiegüter produziert, Angst vor dem Erfolg vieler Schwellenländer haben?

Die Deutschen haben doch ganz andere Probleme: Derzeit wird in Deutschland zu viel Geld von produktiven in unproduktive Tätigkeiten umgeschichtet - ein großer Teil des deutschen Sozialproduktes wandert in irgendeiner Form durch die Hände des Staates. Die Deutschen sollten sich darauf besinnen, daß es Kapital und Humankapital waren, die sie groß gemacht haben. Deutschland wird auch weiter vom Wachstum der Schwellenländer profitieren, wenn es das tut, was es am besten kann: qualitativ hochwertige, renommierte Markengüter herstellen.

Das Gespräch führte Hanno Beck

Das Gespräch führte Hanno Beck

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