Die überraschende Verlustwarnung des amerikanischen Autokonzerns General Motors (GM) zur Wochenmitte hat den Investoren den Risikoappetit verdorben. Quer über alle Marktsegmente haben sich die Risikoprämien für Unternehmens- und Schwellenländerfinanzierungen in den vergangenen Tagen kräftig erhöht.
Auch die Aktienkurse standen unter Druck. Zusätzlich drückt auf die Stimmung, daß der Ölpreis auf ein neues Rekordhoch gesprungen ist. Daran machen sich Sorgen über einen erhöhten Preisauftrieb und ein schwächeres Wirtschaftswachstum fest. Mit Spannung wird nun erwartet, ob die amerikanische Notenbank Fed am kommenden Dienstag Hinweise auf eine raschere Anhebung der Leitzinsen in den kommenden Monaten gibt. Für Dienstag wird allgemein mit einem weiteren kleinen Zinsschritt von 2,5 auf 2,75 Prozent gerechnet.
Gerade noch „Investment Grade“
GM gilt an den Finanzmärkten schon seit langem als ein Wackelkandidat. Dennoch reagierten die Anleger schockiert auf die Eingeständnisse des Konzerns. Er erwartet nun für das laufende Quartal statt eines ausgeglichenen Ergebnisses einen Verlust von 850 Millionen Dollar. Die GM-Aktie sackte im Wochenverlauf um 17 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 1993 ab, GM-Anleihen rauschten ebenfalls nach unten.
Die Risikoprämie für die Anleihe mit Endfälligkeit im Jahre 2011 stieg um 64 auf 377 Basispunkte. Sie liegt damit nun auf dem Niveau von Anleihen, die mit „B“ benotet werden. Die Note „B“ liegt um fünf Stufen unter dem derzeitigen Rating von „BBB-“, das Standard & Poor's (S&P) sowie Fitch dem Autokonzern geben und das gerade noch „Investment grade“ bedeutet.
Genügend Liquidität?
Tatsächlich haben S&P und Fitch eine Prüfung angekündigt, den Autokonzern, der mit insgesamt 300 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten zu den größten Unternehmensschuldnern der Welt zählt, demnächst auf den Status „Non-investment grade“ zurückzustufen. Die Folgen wären weitreichend: Zahlreiche institutionelle Investoren wären gezwungen, ihre GM-Anleihen zu verkaufen, da sie nach ihren Statuten nur in „Investment grade“-Anleihen anlegen dürfen.
Dem ohnehin angeschlagenen Konzern drohen damit dauerhaft hohe Finanzierungskosten. Um dieser Konsequenz auszuweichen, dürfte er versuchen, mehr Verbindlichkeiten als bisher über „Asset Backed Securities“ aufzunehmen, also über Anleihen, die durch genau definierte Zahlungsströme besichert sind. Dennoch stellen sich Investoren die Frage, ob der Markt für Ramschanleihen in der Lage ist, genügend Liquidität für solch einen Großschuldner bereitzustellen.
Unheimliches Niveau
Auch wenn die Schwierigkeiten von GM weithin als Einzelfall gelten, haben sie doch auf den gesamten Markt ausgestrahlt. Das zeigt sich darin, daß der „DJ iTraxx-Index Europe“ im Wochenvergleich kräftig von 28,45 auf 30,70 Basispunkte gestiegen ist. Dieser inzwischen vielgehandelte Index zeichnet anhand der „Credit Default Swaps“ (Kreditversicherungen) die Entwicklung der Risikoprämien von 125 europäischen Unternehmen nach. Der Index, in dem GM nicht enthalten ist, hatte am 7. März mit 27,89 Basispunkten sein bisheriges Tief erreicht.
Vielen Anlegern sei das liquiditätsgetriebene niedrige Niveau der Risikoprämien schon seit längerem unheimlich gewesen, erläutert Philip Gisdakis, ein Spezialist für Kreditderivate bei der Hypo-Vereinsbank. Schon vor dem GM-Schock habe der Anstieg der Ölpreise und der langfristigen Zinsen in Amerika Sorgen über ein Platzen der spekulativen Blase an den Zinsmärkten genährt.
Angst vor Inflation
Die Kalamitäten von GM hätten diesen Anlegern nun einen Anlaß gegeben, ihre Risiken weiter zu verringern. Auch der Embi-Index für die Risikoprämien für Schwellenländeranleihen ist seit seinem am 8. März verzeichneten Tief von 330 auf zuletzt 364 Basispunkte geklettert. Weithin ist zu hören, daß die Verteuerung und damit Verknappung der Liquidität durch die Fed inzwischen gegriffen habe. Anfang März habe der mehrjährige Zinszyklus nun auch an den Kreditmärkten sein Tief hinter sich gelassen.
Von der „Flucht“ aus den Risikopapieren profitierten die als „sicherer Hafen“ geltenden Staatsanleihen dies- und jenseits des Atlantiks. Doch gaben die Kurse am Freitag wieder nach, als der Anstieg der amerikanischen Importpreise Inflationsrisiken signalisierte. Näheren Aufschluß darüber werden von den neuen Daten zu den Erzeuger- und Verbraucherpreisen erwartet, die in Amerika am Dienstag und Mittwoch veröffentlicht werden. Vor dem Hintergrund des Anstiegs der Ölpreise ist Angst vor Inflation an den Finanzmärkten zu einem beherrschenden Thema aufgerückt.
