19.11.2006 · Der Enthusiasmus der Anleger treibt die Aktienkurse weiter in die Höhe. In den Vereinigten Staaten und Europa klettern die Indizes von Rekord zu Rekord. Dabei ist eine Zwischenkorrektur längst überfällig.
Von Bettina Schulz, LondonAn den Finanzmärkten hält sich ein erstaunlicher Enthusiasmus. Eigentlich wäre mal eine Zwischenkorrektur an den Aktienmärkten fällig, nachdem die Aktienkurse in den Vereinigten Staaten von Rekord zu Rekord klettern und auch in Europa die Indizes den höchsten Stand seit mehr als fünf Jahren erreicht haben. Am Freitag gaben die Aktienkurse auch zunächst etwas nach, als unerwartet schwache Daten vom amerikanischen Häusermarkt die Investoren überraschten. Zu dem Zeitpunkt schloß der Deutsche Aktienindex Dax mit einem Minus von 30 Punkten bei 6412 Punkten - immerhin ein Wochengewinn von 1,3 Prozent.
Der Dow Jones Industrial Index drehte jedoch und schloß am Freitag wieder auf einem neuen Rekord von 12.342 Punkten. Derzeit scheint nichts den optimistischen Ausblick der Anleger eintrüben zu können. Auch Aktienmärkte der Schwellenländer wie Indien, Singapur und Hongkong gingen mit Rekordständen aus der Woche. So wunderten sich die Analysten von Morgan Stanley vergangene Woche über die allseits zuversichtliche Stimmung auf einer Investorenkonferenz der Bank, wo sich die Kunden „bemerkenswert einhellig“ äußerten. „Alle Investoren scheinen zu glauben, daß die globalisierte Welt derzeit offenbar mit allem fertig wird - es sei denn, es käme ein ganz extremer Zwischenfall“, hieß es bei Morgan Stanley nach der Konferenz.
Sorglosigkeit an den Märkten
Inflationsrisiken? Kein Thema für die Investoren - angesichts der gesunkenen Energiekosten und eines kräftigen Basiseffektes fällt die Kerninflation in den Vereinigten Staaten, und zwar schneller als bisher gedacht. Zinsrisiken? Auch kein Thema, weil die amerikanische Notenbank Federal Reserve angesichts der niedrigeren Inflation und der wahrscheinlich „sanften Landung“ der Konjunktur im Frühjahr kommenden Jahres wohl wieder mit einer Zinssenkung reagieren wird und die Europäische Zentralbank mit dem Tempo ihrer Zinserhöhungen nachlassen dürfte.
Globale Wirtschaftsflaute? Auch nicht beunruhigend: Das Wirtschaftswachstum werde in den Vereinigten Staaten im kommenden Jahr zwischen 2,5 und 2,75 Prozent liegen - wo ist also das Problem? Wachstumseinbruch in China, scharfe Reaktion in den Vereinigten Staaten am Häusermarkt oder Schock am Kreditmarkt? All dies bereitet den Investoren offenbar keine Sorge. Zudem hat sich die geopolitische Lage nach dem Sieg der Demokraten bei den amerikanischen Zwischenwahlen etwas entspannt. Man könnte die Liste fortsetzen: nach Angaben des Konjunkturbarometers ZEW die mieseste Konjunkturstimmung in Deutschland seit sechs Jahren? Auch davon wollen die Investoren derzeit nichts hören: das liege alles nur an den Auswirkungen der bevorstehenden Mehrwertsteuererhöhung.
Derzeit scheint es am Markt weitgehend nur eine Interpretation zu geben: Wenn die Inflationsraten moderat ausfallen und die Notenbanken das Zinsniveau daher nicht auf eine restriktiv wirkende Höhe anheben müssen, setzt sich der Zyklus der enormen Liquidität an den Finanzmärkten fort. „Und genau das ist das grüne Licht für die Investoren, voll investiert zu sein“, erklärt Morgan Stanley die Sorglosigkeit an den Märkten.
Ölpreis liegt bei 55 Dollar pro Barrel
In der Tat fließt Kapital an die Aktienmärkte, angespornt von der anhaltenden Übernahmewelle und der relativ gut ausgefallenen Berichtssaison. Spekulatives Kapital, das im Frühjahr noch die Preise an den Rohstoffmärkten in die Höhe gejagt hat, wurde von dort abgezogen. Dies spüren die Energiemärkte und Märkte für Basismetalle. Wie zurückhaltend die Fonds derzeit in diesen Anlageformen engagiert sind, zeigte sich vergangene Woche, als „negative“ Nachrichten sofort erheblich auf die Preise an den Rohstoffmärkten durchschlugen. Die Prognose eines milden Winters und möglicherweise mangelnder Disziplin der Opec in bezug auf ihre angekündigte Produktionskürzung ließ den Ölpreis Ende der Woche auf 55 Dollar je Barrel nachgeben. Der Ölpreis ist so stark gesunken, daß Barclays Capital fast den Punkt gekommen sieht, an dem Investoren nach Meinung der Analysten wieder mit spekulativen Kaufpositionen in den Markt einsteigen sollten. Der Ölpreis ist so niedrig wie seit 17 Monaten nicht mehr. Die Preiskorrektur beträgt seit Sommer mittlerweile 30 Prozent.
Die meisten Marktbeobachter gehen in London davon aus, daß der Ölpreis nicht wesentlich länger auf diesem Niveau verharren wird. „Die Wahrscheinlichkeit, daß der Ölpreis im kommenden Jahr im Durchschnitt unter 66 Dollar notieren wird, liegt nur bei 15 Prozent. Angesichts der absehbaren Verknappung am Markt dürfte der Durchschnittspreis für Öl im kommenden Jahr eher um 70 Dollar schwanken“, erwartet Lehman Brothers. Barclays Capital warnt bereits seit Anfang vergangener Woche, der Markt unterschätze die Opec und kalkuliere nicht ein, daß sich angesichts der Produktionskürzungen eine deutliche Verknappung am Markt abzeichne und der Preis nach oben schnellen könnte, sobald diese Situation von den Investoren wieder ernst genommen werde.
Ähnliches geschieht derzeit am Markt für Basismetalle. Höhere Lagerbestände bei Kupfer und die Überzeugung, die Nachfrage Chinas werde im kommenden Jahr sinken, haben zu einem deutlichen Preiseinbruch auf 6820 Dollar die Tonne geführt. Dies zog vergangene Woche sämtliche Basismetalle nach unten - unabhängig davon, wie knapp die Vorratsbestände bei diesen Metallen, vor allem Zink, derzeit sind. Auch hier rechnen Marktteilnehmer wieder mit steigenden Preisen. Dennoch ist derzeit schwer auszumachen, was den Markt in eine Korrektur abgleiten lassen könnte. Aber in der Regel kommt sie immer genau dann, wenn es gerade niemand erwartet.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |