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Internationaler Finanzmarkt Sorgen vor einer „harten Landung“

24.09.2006 ·  Die Anleger richten sich auf eine starke Abkühlung der amerikanischen Konjunktur ein. Viele fahren daher nun aus Sorge ihre Risiken herunter. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.

Von Benedikt Fehr, Frankfurt
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Fast schien es in den vergangenen Tagen so, als hätten sich die Investoren an den Finanzmärkten mit Teflon gehärtet: Jedenfalls ließen sie den Milliardenverlust des Hedge-Fonds Amaranth ebenso an sich abperlen wie den Militärputsch in Thailand, die Unruhen in Ungarn und die Korruptionsaffäre in Brasilien. Doch seit am Donnerstag bekannt wurde, daß der Konjunkturindex der Notenbank in Philadelphia überraschend auf einen Minuswert abgestürzt ist, ist die Stimmung umgeschlagen. Seither geht an den Märkten die Sorge um, daß der amerikanischen Konjunktur eine „harte Landung“ bevorsteht. Viele Anleger fahren deshalb ihre Risiken zurück.

In ihrem am Mittwoch veröffentlichten Kommuniqué hat die amerikanische Notenbank Fed zwar noch dargelegt, daß sie weiterhin mehr Risiken für die Preisstabilität als für das Wirtschaftswachstum sieht und deshalb zu einer Straffung ihrer Geldpolitik neigt. Doch hält eine wachsende Zahl von Investoren diese Einschätzung für falsch. Beispielsweise hat Bill Gross, der einflußreiche Manager des weltgrößten Anleihefonds, dieser Tage die Erwartung kundgetan, daß sich das amerikanische Wirtschaftswachstum in den nächsten Quartalen auf Jahresraten von 1 bis 2 Prozent abschwächen werde.

Tatendrang gegen Abkühlung der Konjunktur

Der unerwartete Einbruch des „Philly“-Konjunkturbarometers von plus 18,5 auf minus 0,4 im September deutet darauf hin, daß dieser Konjunkturpessimismus durchaus seine Berechtigung haben könnte. In die gleiche Richtung - abnehmende globale Nachfrage - läßt sich der starke Rückgang des Ölpreises interpretieren. Rohöl der Sorte WTI kostete am New Yorker Terminmarkt zum Wochenschluß nur noch rund 60 Dollar je Barrel. Noch Mitte Juli hatte der Preis 78 Dollar betragen.

Freilich wird die Fed solch einer drastischen Abkühlung der Konjunktur - und dem damit einhergehenden Anstieg der Arbeitslosigkeit - nicht tatenlos zusehen. Sie dürfte darauf vielmehr mit einer Senkung ihres Leitzinses reagieren. Spielraum dazu hätte sie auf alle Fälle dann, wenn sich die Energiepreise auf dem derzeitigen ermäßigten Niveau hielten oder weiter fielen. Dann wäre die Inflationsgefahr fürs erste gebannt. Sinkende Leitzinsen in Amerika dürften auch die Neigung der Europäischen Zentralbank (EZB) dämpfen, ihren Leitzins im kommenden Jahr weiter anzuheben.

Anleihemärkte spekulieren nur auf mäßige Leitzins-Anhebung

Denn dies würde den Euro zu attraktiv machen und ihn aufwerten lassen - zu Lasten der europäischen Konjunktur. Schon die jüngsten schwachen Philly-Daten haben dem Euro einigen Auftrieb verschafft und ihn zum Wochenschluß auf knapp 1,28 Dollar steigen lassen. Deshalb dürfte die EZB auf eine „harte Landung“ in Amerika mit gegensteuernder Dollar-Leitzinssenkung reagieren: Sie wird es dann mit einer Anhebung des Euro-Leitzinses von aktuell 3 Prozent auf 3,5 Prozent im Dezember bewenden lassen.

Vor allem die Anleihemärkte spekulieren derzeit auf dieses Szenario. Jedenfalls haben amerikanische Staatsanleihen in der vergangenen Woche den stärksten Renditerückgang seit anderthalb Jahren verzeichnet. Zehnjährige Treasuries warfen zum Wochenschluß nur noch 4,59 Prozent ab, 20 Basispunkte weniger als eine Woche zuvor. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fiel von 3,78 auf 3,69 Prozent.

Anleger ziehen sich aus Schwellenländern zurück

Dazu beigetragen hat neben der reinrassigen Zinsspekulation eine „Flucht in die Sicherheit“. Die ganze Serie innenpolitischer Turbulenzen hat den Blick darauf gelenkt, daß es auch jenseits des Nahen Ostens beträchtliche „geopolitische Risiken“ gibt. So haben die Leitindizes der Aktienbörsen in Budapest und São Paulo in der vergangenen Woche 6,6 und 3,8 Prozent verloren, jeweils wegen innenpolitischer Skandale. Demgegenüber hat der Militärputsch die Anleger in Bangkok erstaunlich kalt gelassen. Die Kurse verloren dort im Durchschnitt nur knapp 3 Prozent. Insgesamt haben sich die Anleger aber wegen der erhöhten Risiken aus den Schwellenländern zurückgezogen. Jedenfalls ist die durchschnittliche Risikoprämie von Schwellenländeranleihen, gemessen am Embi-Index, im Wochenverlauf ungewöhnlich kräftig gestiegen, nämlich von 191,9 auf 216,7 Basispunkte.

Zumindest unterschwellig zu erhöhtem Sicherheitsbedürfnis hat auch das Debakel des Hedge-Fonds Amaranth beigetragen, der innerhalb weniger Tage zwei Drittel seines Anlegerkapitals von ursprünglich 9 Milliarden Dollar verloren hat. Bislang scheint es so, daß sich die Verluste auf viele Schultern verteilen und damit erträglich sind. Doch ist noch offen, ob das Debakel tatsächlich ohne Auswirkungen auf das Finanzsystem insgesamt bleibt. Möglicherweise schon über den Milliardenverlust informiert, hat Tim Geithner, der Präsident der New Yorker Fed, in der vergangenen Woche in einer Grundsatzrede die Bereitschaft angedeutet, mittelfristig eine stärkere Regulierung der Hedge-Fonds-Branche in Angriff zu nehmen. Kurzfristig setzt Geithner darauf, die bereits verfügbaren Instrumente besser zu nutzen.

Viele Anleger haben ihre Aktienpositionen abgebaut

Bezeichnend für die Stimmung an den Finanzmärkten ist nicht zuletzt die Reaktion auf die Verbilligung der Energie. Sie hat an den Aktienmärkten kaum stimuliert; davon profitiert haben hauptsächlich die Aktien von Unternehmen, denen das billigere Öl eine besonders hohe Kostenentlastung beschert. Insgesamt aber steht die Sorge im Vordergrund, daß der rückläufige Ölpreis der Vorbote einer Abkühlung der amerikanischen und der globalen Konjunktur sein könnte. Damit würden sich die Rahmenbedingungen für weiter steigende Unternehmensgewinne verdüstern.

Deshalb haben viele Anleger ihre Aktienpositionen abgebaut. Rund um den Globus haben die Aktienmärkte die Woche daraufhin mit leichten Einbußen abgeschlossen. Selbst eine ganze Welle von kurstreibenden Übernahmen und Fusionen, allen voran der Kauf des Biotechnologiespezialisten Serono durch die deutsche Merck für happige 10,6 Milliarden Euro, hat dies nicht konterkariert.

Quelle: F.A.Z., 25.09.2006, Nr. 223 / Seite 24
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