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Internationaler Finanzmarkt „Old Lady“ überrascht die Investoren

14.01.2007 ·  Großbritannien hat unerwartet den Leitzins erhöht. Im Euro-Raum ist damit vorerst nicht zu rechnen. Während der Ölpreis sinkt, sorgen die geplanten Verstaatlichungen in Venezuela und Ankündigungen der thailändischen Regierung für Verunsicherung.

Von Claus Tigges, Washington
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Für eine handfeste Überraschung sorgte in der vergangenen Handelswoche die Bank von England: Die „Old Lady“ in der Londoner Threadneedle Street, wie sie auch genannt wird, erhöhte den Leitzins auf der Insel um einen Viertelprozentpunkt auf 5,25 Prozent. Die Wirtschaft im Vereinigten Königreich wachse weiterhin schnell und die Inflationsgefahr sei noch nicht gebannt, begründeten die Währungshüter um Gouverneur Mervyn King ihre Entscheidung. In der City und anderswo wurden viele Börsianer auf dem falschen Fuß erwischt. Weniger die Richtung des geldpolitischen Kurses als vielmehr der Zeitpunkt der Zinserhöhung war unerwartet.

An den Kurstafeln ließ sich die Überraschung der Anleger ablesen. Der Aktienindex in London, der FTSE-100, sackte ein gutes Stück ab, bevor die positive Grundstimmung wieder durchschlug und die Notierungen stiegen. Auf dem Devisenmarkt legte das Pfund zu, vor allem im Austauschverhältnis zu Dollar und Euro. Nun rechnen Marktbeobachter mit weiteren Zinsschritten, womöglich schon im Februar.

Warmes Wetter in Amerika drückt den Ölpreis

Stillhalten wird im nächsten Monat hingegen wohl die Europäische Zentralbank (EZB). Deren geldpolitischer Rat beließ den Leitzins für den Euro-Raum auf seiner Sitzung am Donnerstag unverändert auf 3,5 Prozent. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ließ auf der anschließenden Pressekonferenz zwar durchblicken, dass die Neigung zu einer weiteren Straffung der Geldpolitik weiterhin bestehe, besondere Eile hierbei aber nicht geboten sei. Die Erleichterung der Anleger schlug sich in Kursgewinnen an den Aktienbörsen des gemeinsamen Währungsraums von Frankfurt über Paris bis nach Madrid nieder.

Ein wenig zur Beruhigung der Notenbanker im Euro-Tower mag die Entwicklung des Ölpreises beitragen. Der Preis für ein Fass (zu 159 Liter) rutschte - zumindest vorübergehend - zum ersten Mal seit Mai 2005 auf weniger als 52 Dollar. Ungewöhnlich warmes Wetter in Teilen der Vereinigten Staaten hat dort die Lagerbestände verschiedener Ölprodukte, einschließlich Heizöl und Diesel-Kraftstoff, überraschend um 5,4 Millionen auf 141 Millionen Fass in die Höhe klettern lassen. Die für die Saison ungewöhnlich geringe Nachfrage der größten Volkswirtschaft der Welt drückt auf den Ölpreis und hat dazu beigetragen, dass inzwischen 33 Prozent weniger bezahlt werden müssen als im Juli vergangenen Jahres, als der Rekordpreis von 78,40 Dollar für ein Fass Rohöl erreicht wurde. Der niedrigere Ölpreis hilft den Unternehmen und den Konsumenten gleichermaßen und stützt die Konjunktur, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch anderswo.

Beunruhigende Nachrichten aus Venezuela

Die amerikanische Wirtschaft, das hat eine Reihe von Daten bestätigt, wächst weiterhin in einem ordentlichen Tempo und ist von einer Flaute oder gar einer Rezession weit entfernt. Abzulesen ist dies unter anderem am Dow Jones: Das führende Börsenbarometer der Welt, berechnet als Durchschnittskurs der 30 führenden amerikanischen Industrieaktien, stand zum Ende der Handelswoche auf 12 556 Punkten, so hoch wie nie. Einzig für Ölkonzerne und Anleger, die auf steigende Ölpreise gewettet haben, sieht es in diesen Tagen nicht so rosig aus. Die amerikanischen Währungshüter unter der Führung Ben Bernankes werden angesichts der guten Konjunktur den Leitzins wohl zumindest im ersten Quartal stabil halten und von einer Lockerung der Geldpolitik absehen.

Beunruhigend sind hingegen die Nachrichten, welche die Finanzmarktteilnehmer aus Venezuela, einem der führenden Ölproduzenten der Welt, erreichen. Dort hat Präsident Hugo Chávez angekündigt, die Ölindustrie sowie die Energie- und die Telefongesellschaften zu verstaatlichen. Davon sind zahlreiche ausländische Investoren betroffen, die Gemeinschaftsunternehmen mit venezolanischen Gesellschaften betreiben. Unter anderem hält die im amerikanischen Bundesstaat Virginia ansässige AES Corporation eine Mehrheit am Elektrizitätserzeuger CA Electricidad de Caracas. Wie Chávez die privaten Eigentümer entschädigen will, ist noch nicht geklärt. Es sieht aber ganz so aus, als wolle der Linkspopulist dazu in den Topf von Währungsreserven der Zentralbank in Caracas greifen. Sie besitzt derzeit rund 36 Milliarden Dollar Währungsreserven. Ein solches Vorgehen stünde ganz im Einklang mit der Ankündigung von Chávez, die Notenbank ihrer Unabhängigkeit zu berauben.

Thailand will Ausländer ausschließen

Der niedrigere Ölpreis setzt den venezolanischen Präsidenten zugleich insofern unter Druck, als Öl das bedeutendste Exportgut des südamerikanischen Landes und damit eine wichtige Einnahmequelle der Dollar-Reserven ist. Das Vorgehen Chávez' dürfte neben den engagierten ausländischen Unternehmen auch jene internationalen Investoren hellhörig machen, die unter dem Eindruck des Ölreichtums in den vergangenen Jahren venezolanische Anleihen gekauft haben. Die Investmentbank J.P Morgan hat schon reagiert und die Bonität venezolanischer Schuldverschreibungen herabgestuft.

Zur Verunsicherung internationaler Investoren mit Blick auf die Schwellenländer hat auch die Ankündigung der thailändischen Regierung beigetragen, die Beteiligungsmöglichkeiten von Ausländern in bestimmten Wirtschaftszweigen einzuschränken. Die nachgeschobene Beschwichtigung, dass der Telekommunikationssektor von der neuen Regelung ausgenommen sei, hat die zweifelnden Anleger nicht vollständig beruhigt. Erst vor wenigen Wochen hatte die Regierung in Bangkok mit einem Plan zur Einführung von Kapitalverkehrskontrollen für Aufsehen und Unverständnis an den Märkten gesorgt. Seit Mitte Dezember hat der Baht zum Dollar rund 2,5 Prozent an Wert verloren. Einige Marktbeobachter warnen nun, die Schwellenländer insgesamt stünden vor einer ausgeprägten Kurskorrektur, die die Aktiennotierungen sinken und die Anleiherenditen steigen lassen dürfte.

Quelle: F.A.Z., 15.01.2007, Nr. 12 / Seite 24
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