26.11.2006 · Selten zuvor waren Kursschwankungen in vielen Anlageklassen so niedrig wie zuletzt. Das ist in der Regel ein Zeichen von Zuversicht. Als Selbstgefälligkeit der Anleger werten es andere. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.
Von Folker Dries, FrankfurtLangeweile ist gut für die Finanzmärkte. Wenn die Kurse wenig ausschlagen und wenn auch die erwarteten Kursschwankungen, also die impliziten Volatilitäten, niedrig sind, ist dies in der Regel ein Zeichen von Zuversicht. Die Anleger erachten die Eintrittswahrscheinlichkeit von politischen und wirtschaftlichen Schocks als gering. In einem solchen Umfeld bewegen sich die Aktienmärkte oft nach oben, wenn auch langsam und damit fast unbemerkt.
Selten zuvor war die Volatilität in den meisten Anlageklassen so niedrig wie in diesen Wochen. Egal, ob Aktien, Anleihen oder Währungen, von Hektik ist wenig zu spüren. In Amerika ist der Vix, der Volatilitätsindex für den S&P 500, in der vergangenen Woche sogar auf das niedrigste Niveau seit fast 13 Jahren gefallen. Manche Marktbeobachter sehen hierin zwar auch ein Zeichen von überbordender Selbstgefälligkeit auf seiten der Anleger. Andererseits zeigt gerade auch das Jahr 2006, daß die Märkte einen relativ hohen Grad an Immunität gegenüber externen Schocks entwickelt haben. Zum einen sind die Märkte sehr unpolitisch geworden.
Ruhe kann sich ganz schnell als trügerisch erweisen
Weder die Atomstreitigkeiten mit Iran und Nordkorea noch der Libanon-Konflikt haben spürbar auf das Marktgeschehen ausgestrahlt. Zum anderen werden aber auch wirtschaftliche Gefahrenherde wie der starke Anstieg der Rohstoffpreise oder das exorbitante Leistungsbilanzdefizit Amerikas weniger kritisch beurteilt. Das mag teilweise Ausfluß der Globalisierung sein, die das Wirtschaftswachstum dieser Welt gleichmäßiger verteilt und damit das System als solches stabiler macht. Amerika ist nun einmal nicht mehr der Nabel der Welt. Je zahlreicher und stärker die Säulen sind, auf denen die Weltwirtschaft ruht, desto besser.
Allerdings kann sich diese Ruhe an den Märkten auch schnell wieder als trügerisch erweisen, wie der vergangene Freitag zeigte. Der Dollar, seit Jahren ein Sorgenkind der Weltwirtschaft, brach nach Monaten des Stillstands plötzlich aus seiner Lethargie aus. Gegenüber dem Euro schoß er bis auf 1,31 Dollar hoch, das höchste Niveau seit 19 Monaten. Händler rätseln freilich, was letztlich den heftigen Ausschlag verursacht hatte.
Es spricht wenig gegen eine weitere Dollar-Abwertung
Wahrscheinlich war es eine Kombination aus Konjunkturdaten, technischen Faktoren und geringer Marktliquidität (die Wall Street hatte sich zu einem großen Teil ins verlängerte Thanksgiving-Wochenende verabschiedet). Die Bewegung war allerdings so kraftvoll, daß wenige Marktauguren nur von einem Ausrutscher sprechen wollen. Vielmehr dürften sich in den nächsten Tagen die Stimmen derer mehren, die ein neues Euro-Hoch gegenüber dem Dollar für 2007 vorhersagen. Ihr bisheriges Hoch hatte die Gemeinschaftswährung am 30. Dezember 2004 mit gut 1,36 Dollar erreicht.
Fundamental spräche sicher wenig gegen eine weitere Dollar-Abwertung. Gerade die vergangene Woche hat daran erinnert, daß der Euro-Raum derzeit weit mehr konjunkturelle Dynamik entwickelt als die Vereinigten Staaten. Am besten läßt sich dies an den Zinserwartungen messen. Während die Terminmärkte in Amerika jetzt wieder mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 50 Prozent auf eine Leitzinssenkung im ersten Quartal des nächsten Jahres wetten, werden die Zinserhöhungserwartungen im Euro-Raum stetig nach oben geschraubt.
Marktbeobachter sehen Leitzins weiter steigen
Bis Mitte nächsten Jahres sehen viele Marktbeobachter den Leitzins der EZB von aktuell 3,25 Prozent auf 3,75 oder gar 4 Prozent steigen. Der Zinsvorteil amerikanischer Geldanlagen könnte sich somit binnen eines halben Jahres von derzeit 2 Prozent auf 1 Prozent halbieren. Dies alleine würde noch keine deutliche Dollar-Abwertung rechtfertigen. Im Zusammenspiel mit der wahrgenommenen Konjunkturdynamik beider Wirtschaftsräume, dem extrem hohen Kapitalimportbedarf Amerikas und den öffentlichen Spekulationen von Notenbankern über eine Diversifizierung ihrer Währungsreserven zu Lasten des Dollar läßt sich aber schnell eine „Raus-aus-dem-Dollar-Bewegung“ konstruieren.
Die Argumente gegen den Dollar sind freilich alles andere als neu. Eine neue Qualität bekämen sie erst dann, wenn sich die Spekulation auf Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) über dieses Jahr hinaus erhärten würde. Verschiedene europäische Geschäftsklima-Indizes dürften den „Falken“ im Rat der EZB Auftrieb geben. Daß beispielsweise die Erwartungskomponente im jüngsten Ifo-Index gestiegen ist, zeigt, daß die zum 1. Januar anstehende Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland für die Wirtschaft ihren Schrecken verloren hat. Allerdings dürfte die Euro-Aufwertung auch die Meinungsbildung im Rat der EZB nicht unberührt lassen.
Wird der Dollar zum Spielverderber der Aktienmärkte?
Zum einen verringert sie die Gefahr importierter Inflation. Importiertes Öl wird noch billiger. Zum anderen weiß auch die EZB, daß sie es in hohem Maße in der Hand hat, wie stark die Euro-Aufwertung in naher Zukunft ausfällt. Wenn EZB-Präsident Jean-Claude Trichet bei der nächsten Pressekonferenz am 7. Dezember weitere Zinserhöhungen für das erste Halbjahr 2007 signalisieren sollte, könnte der Euro schnell auf ein neues Hoch klettern. Gegenüber dem Yen hat er schon in der vergangenen Woche ein solches Rekordhoch erreicht.
Der Dollar könnte sich somit auf der Zielgeraden des Jahres zum Spielverderber der Aktienmärkte entwickeln. Normalerweise ist der Dezember der beste Monat für Aktien. Seit Einführung des Dax im Jahr 1998 errechnet sich ein durchschnittlicher Wertzuwachs von gut 3 Prozent. Einen Vorgeschmack davon, welche Werte von einer nachhaltigen Dollar-Abschwächung besonders betroffen wären, gab der vergangene Freitag. Zu den großen Verlierern zählten vor allem vom Export abhängige Automobilwerte wie Daimler-Chrysler, BMW und Volkswagen, aber auch Unternehmen wie Bayer und SAP.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |