23.09.2007 · Viele Börsianer sind davon überzeugt, dass die amerikanische Notenbank den Zielzinssatz für Tagesgeld aus Sorge um die Konjunktur abermals zurücknehmen wird. Billiges Geld soll die Finanzkrise beenden und der Konjunktur helfen.
Von Claus Tigges, WashingtonNach der Zinssenkung ist vor der Zinssenkung. Der kollektive Stoßseufzer der Erleichterung über die überraschend deutliche Senkung des Leitzinses durch die amerikanische Notenbank (Fed) war noch nicht ganz verklungen, da richteten die Marktakteure ihren Blick schon wieder voraus, auf das nächste Treffen des geldpolitischen Rates Ende Oktober. Viele Börsianer sind davon überzeugt, dass die mächtigste Notenbank der Welt den Zielzinssatz für Tagesgeld in knapp sechs Wochen aus Sorge um die Konjunktur abermals zurücknehmen wird, vermutlich um einen Viertelprozentpunkt auf 4,5 Prozent.
Dabei haben sich die Währungshüter um Fed-Chairman Ben Bernanke in der schriftlichen Begründung zum Zinsbeschluss wohlweislich nicht auf den weiteren Kurs der Geldpolitik festgelegt, und Bernanke hat das auch in einer Anhörung vor dem Kongress nochmals deutlich gemacht. Die Fed weiß beim besten Willen noch nicht, wie sich der Ausblick für Preise und Wachstum entwickeln wird.
Nicht nur glänzende Quartalsergebnisse
Die Beobachtung der Ereignisse an den globalen Finanzmärkten legt die Vermutung nahe, dass auch die Investoren zwischen New York, Frankfurt und Tokio keineswegs sicher sind, wie es vorangehen wird mit der Liquiditätskrise und der Konjunktur: Die amerikanische Währung steht auf dem Devisenmarkt unter gehörigem Druck, ist zum Euro mit rund 1,41 Dollar so schwach wie nie zuvor und hat zur Währung des nördlichen Nachbarn Kanada das tiefste Niveau seit drei Jahrzehnten erreicht. Die plausibelste Begründung für diese Kursverschiebung ist die Erwartung sinkender Leitzinsen und eines schwächeren Wachstums in der größten Volkswirtschaft der Welt.
Diese Sorge wird von den Börsianern nicht ganz geteilt, denn auf dem Aktienmarkt dauert die Freude über die großzügigere Bereitstellung billigen Geldes an. Befürchtungen eines Konjunkturknicks werden dort zumindest (noch) nicht mit sinkenden Unternehmensgewinnen in Verbindung gebracht.
Führende Investmentbanken haben Quartalsergebnisse präsentiert, die zwar nicht alle so glänzend ausfielen wie bei Goldman Sachs, die aber bei den Marktteilnehmern den Eindruck zurückließen, dass sich auch die Geldhäuser einigermaßen achtbar aus der Affäre ziehen können. Der Dow Jones hat seit der Zinssenkung am Dienstag 340 Punkte oder 2,5 Prozent zugelegt, der Deutsche Aktienindex Dax stand zum Wochenschluss ebenfalls 340 Punkte besser da als am Montag, das ist ein Plus von 4,6 Prozent.
Der Goldpreis klettert auf 739 Dollar je Feinunze
Die Geschichte endet aber nicht an den Aktienbörsen; auch auf anderen Märkten werden wichtige Kapitel geschrieben: Der Ölpreis setzt seinen Anstieg fort und hat mit mehr als 82 Dollar je Fass sogar einen Rekord erreicht. Zur Begründung wird von Marktkennern unter anderem angeboten, dass die amerikanische Wirtschaft, die zugleich der größte Ölkonsument ist, durch die Lockerung der Geldpolitik zusätzlichen Schwung erhalte. Auf der anderen Seite belasten höhere Energiekosten das Wachstum der Weltwirtschaft - und können die Inflation antreiben.
Dass auch die Furcht vor einer Beschleunigung der Inflation an den Märkten eine Rolle spielt, lässt sich nicht nur an der gestiegenen Rendite der maßgeblichen amerikanischen Staatsanleihe mit zehn Jahren Laufzeit ablesen, die innerhalb einer Woche 16 Basispunkte auf 4,63 Prozent gestiegen ist. Der Goldpreis, der seit langer Zeit als Barometer der Inflationserwartungen gilt, ist auf 739 Dollar je Feinunze geklettert, das höchste Niveau seit 28 Jahren. Ein Anstieg auf mehr als 800 Dollar je Feinunze sei möglich, sagen Analysten.
Staatsgarantie für Einlagen
Es ist freilich nicht nur die amerikanische Geldpolitik, die besonders aufmerksam beobachtet wird. Die Bank von England hat sich selbst ins Rampenlicht gerückt, indem sie eine spektakuläre Wende im Umgang mit der aktuellen Finanzkrise vollzog. Geraume Zeit hatte sich Gouverneur Mervyn King geweigert, den gestressten Banken mit Liquiditätsspritzen zu Hilfe zu eilen, weil er deren riskante Kreditvergabe- und Anlagepolitik nicht gutheißen wollte. Zum Umdenken bewogen King schließlich Bilder aus lang vergangen geglaubten Zeiten: Vor den Filialen der angeschlagenen Hypothekenbank Northern Rock standen aufgebrachte und besorgte Kunden Schlange, die um ihre Guthaben fürchteten und ihr Geld so schnell wie möglich abheben wollten.
Zusammen mit dem Finanzministerium in London gab die Bank von England eine Staatsgarantie für die Einlagen ab - nicht nur für Northern Rock, sondern notfalls auch für andere Institute. Und die „Old Lady“ pumpte frisches Geld in Milliardenhöhe in die Märkte, um die Nerven der Banker zu beruhigen. Der bisher hoch angesehene Notenbankchef sieht sich nun mit dem Vorwurf konfrontiert, die Gefahren der Finanzkrise nicht richtig eingeschätzt zu haben.
Der starke Euro belastet das Exportgeschäft
Ganz ähnlich ist auch die Kritik, die der Europäischen Zentralbank (EZB) aus dem Elysée-Palast entgegenschallt. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy schießt beharrlich Pfeile auf den Eurotower in Frankfurt und fordert eine Lockerung der Geldpolitik im Euro-Raum. Noch steht Sarkozy allein auf weiter Flur. Doch angesichts der Euro-Stärke dürfte es nicht mehr lange dauern, bis andere ihre Stimme erheben. Richtig ist, dass der starke Euro das Exportgeschäft belastet.
Allerdings ist die Aufwertung der europäischen Gemeinschaftswährung im Verhältnis zu den Währungen aller wichtigen Handelspartner längst nicht so stark, wie der bloße Blick auf den Kurs zwischen Euro und Dollar vermuten lässt. Außerdem ist das Wachstum der Weltwirtschaft für den Exporterfolg deutscher und anderer europäischer Unternehmen von größerer Bedeutung als die Verschiebung im Wechselkurs. Die Marktakteure können einigermaßen sicher sein, dass die EZB sich von Sarkozys Gehabe nicht einschüchtern lässt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |