28.01.2007 · Der durch den milden Winter abgesackte Ölpreis wurde mit dem Kälteeinbruch wieder nach oben katapultiert. Die verbesserte Aussicht auf ein anhaltend kräftiges Wachstum der Weltwirtschaft brachte die Aktienindizes vorübergehend auf Rekordhöhen.
Von Benedikt FehrAlle reden vom Wetter, auch die Akteure an den Finanzmärkten. Denn der bis vor einigen Tagen überaus milde Winter in Europa und Nordamerika hat den Ölpreis absacken lassen - zur Freude der Verbraucher. Sie geben das beim Heizen und an der Tankstelle eingesparte Geld nun für Konsumgüter aus. Deshalb zeichnet sich ab, dass sich die Konjunktur in den Vereinigten Staaten und anderen Weltregionen nicht so stark abkühlt wie noch vor ein paar Monaten befürchtet. Allerdings bleiben damit auch die Inflationsrisiken größer als erwartet - zur Sorge der Währungshüter.
Die verbesserte Aussicht auf ein anhaltend kräftiges Wachstum der Weltwirtschaft hat die Aktienmärkte stimuliert. Sowohl in Europa als auch in der Wall Street erreichten die Leitindizes in der vergangenen Woche vieljährige Hochs.
Der MSCI-Index für die globalen Aktienmärkte sprang sogar auf ein Rekordhoch. Allerdings gaben die Kurse in der zweiten Wochenhälfte wieder nach - wozu zum einen insgesamt eher etwas enttäuschende Quartalsergebnisse und -ausblicke beitrugen, zum anderen wiederum das Wetter: In den vergangenen Tagen ist in Nordamerika und Europa nun doch der Winter eingezogen, und der Kälteeinbruch hat den Ölpreis nach oben katapultiert. War das Barrel Rohöl der Sorte WTI noch vorvergangenen Freitag für weniger als 50 Dollar zu haben, so kostete es am Freitag bereits wieder gut 55 Dollar.
„Harte Landung“ wird nicht mehr gefürchtet
An den Anleihemärkten hat die Aussicht auf mehr Wachstum und damit erhöhte Inflationsrisiken die Renditen kräftig steigen lassen. So wirft eine zehnjährige Bundesanleihe inzwischen 4,09 Prozent ab - gegenüber nur 3,65 Prozent Anfang Dezember. Die Zehnjahresrendite ist damit nahe an das im vergangenen Juli erreichte zyklische Hoch von 4,15 Prozent gerückt. In Amerika hat sich das Zinsniveau ähnlich stark nach oben verschoben. Dort werfen zehnjährige Staatspapiere nun schon 4,87 Prozent ab und zweijährige fast 5 Prozent. Darin spiegelt sich, dass die Spekulationen auf eine Senkung des Dollar-Leitzinses verflogen sind.
Der Offenmarktausschuss der amerikanischen Notenbank Fed, der am kommenden Dienstag und Mittwoch tagt, dürfte diese Einschätzung bestätigen. Seit der letzten Sitzung Mitte Dezember sind die Daten zur amerikanischen Konjunktur überraschend gut ausgefallen. Das hat die Befürchtungen besänftigt, dass der Wirtschaft eine „harte Landung“ bevorstehe. Die Währungshüter werden deshalb in ihrem Kommuniqué weiterhin vor allem Risiken für die Preisstabilität hervorheben. An den Zins-Terminmärkten wird dementsprechend erwartet, dass die Fed im weiteren Jahresverlauf geradeaus fährt, also ihren Leitzins bei 5,25 Prozent belässt.
Noch schnell Kredite aufgenommen
Was den Euro-Leitzins anbelangt, gilt an den Märkten nach den jüngsten Geldmengendaten als so gut wie sicher, dass er im März von 3,5 auf 3,75 Prozent steigt und im Juli auf 4 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte am Freitag mitgeteilt, dass die Geldmenge M3 im Dezember mit einer Jahresrate von 9,7 Prozent zugenommen habe - so viel wie nie zuvor seit dem Start der Währungsunion Anfang 1999. Auf dem Wirtschaftsforum in Davos kommentierte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Wochenende, die EZB werde die Daten „sehr, sehr genau analysieren“.
Das wurde weithin als Bestätigung des Zinserhöhungskurses gewertet - möglicherweise vorschnell. Denn diese Analyse dürfte deutlich machen, dass die Zahlen weniger aufregend sind, als der erste Blick vermuten lässt. So sind im Dezember vor allem die täglich fälligen Sichteinlagen stark gestiegen.
Eine Erklärung dafür ist vermutlich ein einmaliger Sondereffekt: Dass nämlich die deutschen Verbraucher angesichts der bevorstehenden Mehrwertsteuererhöhung noch schnell Kredite aufgenommen haben, um den Kauf von Autos und anderen Konsumgütern zu finanzieren. Allerdings: Auch jenseits dieser Sondereffekte wächst die Geldmenge immer noch kräftig, wenn auch etwas weniger stark als zuvor. Die EZB dürfte deshalb ihren Leitzins im März anheben. Dann aber wird sie erst einmal abwarten.
Warnungen oft gehört, aber kaum beherzigt
Wie andere Redner nutzte Trichet das Forum in Davos, um die Akteure an den Finanzmärkten vor zu viel Risikoappetit zu warnen. Sowohl die Investoren als auch die Politiker müssten darauf eingestellt sein, dass es zu einer Neubewertung der Risiken komme. Das könne dann sanft ablaufen - aber eben auch „unordentlich“. Als größte Risiken nannte Trichet den Ölpreis, die globalen Ungleichgewichte sowie geopolitische Konflikte.
Diese Warnungen hat man schon so oft gehört, dass sie kaum noch jemand beherzigt. Jedenfalls zeigen mehrere Kennziffern, dass der Risikoappetit eher noch zunimmt. Beispielsweise sind die Risikoprämien für die Absicherung gegen Kreditausfälle, gemessen am Credit-Default-Swap-Index „iTraxx“, in der vergangenen Woche auf ein historisches Tief von 22,6 Basispunkten gefallen. Auch die Risikoprämien für Schwellenländeranleihen liegen, gemessen am Embi-Index, mit weniger als 170 Basispunkten auf einem historischen Tief.
Tradierte Maßstäbe verschieben sich
Die aktuelle Situation ähnelt damit derjenigen zu Ende des vergangenen Jahrzehnts, als die Aktienhausse alle herkömmlichen Maßstäbe für die Bewertung von Unternehmen sprengte. Die Optimisten erklärten dies damals mit den Produktivitätsfortschritten der „New Economy“. Eine Zeitlang schien das Argument zu tragen - dann aber kam es doch zum Rückschlag und zur Rückkehr der herkömmlichen Maßstäbe.
Jetzt argumentieren die Optimisten, mit dem Eintritt von China und Indien in den Weltmarkt sei eine neue Ära angebrochen, in der die Inflation niedrig und das Wachstum hoch bleiben werde. Deshalb verschöben sich nun viele tradierte Maßstäbe. Bleibt zu hoffen, dass die Optimisten diesmal recht behalten. Sonst reden nicht mehr alle vom Wetter.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.848,03 | +1,42% |
| FAZ-INDEX | 1.526,72 | +1,43% |
| TecDAX | 778,36 | +0,73% |
| MDAX | 10.441,40 | +1,41% |
| SDAX | 5.048,27 | +1,17% |
| REX | 422,26 | −0,26% |
| Eurostoxx 50 | 2.520,31 | +1,24% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,56 | +1,37% |
| Dow Jones | 12.949,90 | +0,35% |
| Nasdaq 100 | 2.584,24 | −0,31% |
| S&P500 | 1.361,23 | +0,23% |
| Nikkei225 | 9.384,17 | +1,58% |
| EUR/USD | 1,3138 | +0,07% |
| Rohöl Brent Crude | 119,95 $ | −0,08% |
| Gold | 1.723,00 $ | +0,58% |
| Bund Future | 138,50 € | −0,16% |