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Kampf gegen Korruption : Indien vollzieht radikale Bargeldreform

Geschlossene Bankautomaten: In Indien werden derzeit nur noch geringe Mengen Bargeld rausgegeben. Bild: dpa

Im Kampf gegen Korruption werden große Geldscheine eingezogen. Es kommt zu zahlreichen Panikkäufe bei Juwelieren und Tankstellen.

          Überraschend hat Indien über Nacht seine wichtigsten Banknoten ausgetauscht. Die indische Regierung will mit ihrem Verbot die grassierende Korruption, Falschgeld und das Schwarzgeld eindämmen. „Ein Element der Überraschung war notwendig, weil sie sonst ihre Vorkehrungen getroffen hätten“, sagte Ministerpräsident Narendra Modi mit Blick auf die Kriminellen in einer Fernsehansprache. An Tankstellen und bei Schmuckhändlern kam es nach der Ankündigung zu Panikkäufen. Die Aktion strahlte sofort aus: Am Finanzplatz Singapur nahm am Mittwoch keiner der staatlich geprüften Geldwechsler mehr Rupien an. Auch die Dependancen der indischen Banken dort erklärten sich außerstande, indisches Geld zu tauschen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Verwendung von Noten im Wert von 500 und 1000 Rupien (13,52 Euro) ist in Indien seit Mitternacht am Mittwoch untersagt. Sie machten bislang 80 Prozent der umlaufenden Währung aus. Es ist das erste Mal seit 1978, dass Indien ganze Sorten von Banknoten aus dem Verkehr zieht. „Wir sind die Nummer eins der Welt bei der Wachstumsrate, haben uns im Korruptionsindex trotz unserer Anstrengungen aber nur von einhundert auf Nummer 76 vorgearbeitet“, sagte Modi. Der nächste große Schritt gegen Schwarzgeld und Korruption soll die Einführung der Mehrwertsteuer in ganz Indien sein.

          Den Menschen bleibt nun offiziell bis Ende Dezember Zeit, um ihre alten Noten bei indischen Banken umzutauschen. Am Mittwoch blieben die Geldautomaten im Land geschlossen. Ab Donnerstag sollen dann neue Noten im Wert von 500 und 2000 Rupien ausgegeben werden. Geldautomaten sollen nur noch 10.000 Rupien (135,20 Euro) täglich oder 20.000 Rupien in der Woche abgeben - für die Mittelschicht kaum genug. Zugleich grassierte am Mittwoch die Furcht, die meisten Geldautomaten würden sofort geplündert und leer sein, weil sie zunächst nur 100-Rupien-Scheine ausgäben.

          Sturm auf Juweliergeschäfte

          Auch deshalb kauften die Menschen mit ihren Scheinen Gold. Noch in der Nacht setzte ein Sturm auf Juweliere und Goldhändler ein, von denen viele in den Basaren ihre Läden die Nacht über offen hielten. Sie nutzten die Gunst der Stunde und erhöhten die Preise für Schmuck und Edelmetalle teilweise um mehr als 20 Prozent. Es könnte ein letztes Aufbäumen sein: Denn wenn der Markt der großen Scheine nun ausgetrocknet wird, dürfte das Geldwaschen über den Kauf von Schmuck ein Ende finden. Indien ist weltweit der zweitgrößte Verbraucher von Gold.

          Der Zeitpunkt der Änderungen ist überaus wichtig: Sie kommen kurz vor wichtigen Regionalwahlen. Traditionell werden Stimmen dafür zumindest von kleineren Parteien mit Bündeln von Bargeld gekauft, was nun erschwert wurde. Allerdings darf es sich die Regierung auf keinen Fall leisten, in den Ruf zu geraten, die Bevölkerung nicht mit ausreichend Bargeld zu versorgen. Wenn nun reiche Inder gezwungen werden, ihre oft immens hohen Bargeldbestände offenzulegen, dürfte das auch zu einer künftigen Versteuerung führen. Diese ist dringend notwendig, um die hohen geplanten Staatsausgaben etwa für Infrastruktur zahlen zu können. Bislang zahlen nur etwa 1,6 Prozent der 1,3 Milliarden Inder Abgaben. Schon zuvor hatte Modi Steuerbetrügern eine begrenzte Amnestie angeboten, um sie zurück ins System zu führen. Sie blieb aber weitgehend folgenlos: Gerade einmal 25 Milliarden Rupien wurden offengelegt.

          Neben dem Eindämmen krimineller Handlungen ist das Ziel der Regierung auch, Asiens drittgrößte Volkswirtschaft rascher in Richtung einer bargeldlosen Volkswirtschaft umzusteuern. Damit würden Zahlungsströme kontrollierbar. Forscher schätzen, dass mindestens 60 Millionen Dollar als Falschgeld in Indien kursieren. Die illegale Schattenwirtschaft dürfte rund ein Fünftel der gesamten indischen Wirtschaftsleistung ausmachen. Schätzungen von Analysten aus Industrieländern zufolge könnten in Indien zwischen 160 Milliarden und 1,6 Billionen Euro an Schwarzgeld im Umlauf sein.

          Gold

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          Analysten glauben, der Wechsel der Scheine werde die Deflation fördern. Ein Effekt werde die Verbilligung von Wohneigentum sein, das immer noch oft in bar und mit Schwarzgeld beglichen wurde. „Der falsche Einsatz von Bargeld hat die Landpreise in die Höhe getrieben“, sagte Modi. Die Notenbank gibt an, dass die 500-Rupien-Scheine rund 15,7 Milliarden Rupien und die 1000-Rupien-Noten gut 6,3 Milliarden Rupien der zirkulierenden Geldmenge im Volumen von 17,8 Billionen Rupien ausmachten. Die alten Scheine werden in den nächsten Tagen allerdings noch in ausgewählten Institutionen angenommen: Milchhändler und Krematorien, Eisenbahnschalter und Krankenhäuser zählen dazu. Das soll den Druck von der Normalbevölkerung nehmen.

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