13.05.2004 · Google will die eigenen Aktien in Form einer Auktion an die Börse bringen. Wirtschaftsprofessor Elmar Wolfstetter äußert sich über strategisches Verhalten und Fallstricke bei diesem Verfahren im folgenden Interview.
Google will die eigenen Aktien in Form einer Auktion an die Börse bringen. Damit unterscheidet sich das Verfahren von den meisten Börsengängen der Vergangenheit. Grund genug, sich in einem Interview näher mit den Vor- und Nachteilen des gewählten Verfahrens auseinanderzusetzen.
Elmar Wolfstetter ist Professor für Wirtschaftstheorie an der Humboldt-Universität in Berlin und beschäftigt sich mit dem optimalen Design von Auktionen und optimalen Bietstrategien. Wolfstetter setzt seine wissenschaftlichen Erkenntnisse als Berater bei großen Auktionen auch in die Praxis um. So hat er unter anderem Mannesmann und D2-Vodafone bei der Vorbereitung zur Auktion der GSM- und UMTS-Lizenzen in Deutschland unterstützt.
Herr Wolfstetter, kann es bei der Google-Auktion zu Übertreibungen kommen?
Grundsätzlich kann es bei Auktionen immer zu Übertreibungen kommen, wenn die Bieter zu hohe Preisvorstellungen haben. Natürlich hat aber auch das Design einer Auktion Einfluß auf das Bieterverhalten.
Wie kann das aussehen?
Bei offenen englischen Auktionen - der Preis steigt an, bis die Nachfrage mit dem Angebot übereinstimmt - kann es dann zu hohen Preisen kommen, wenn nichtinformierte Bieter sehen, wie andere scheinbar oder tatsächlich informierte Bieter ein hohes Gebot abgeben, und dieses Gebot als Hinweis auf den wahren Wert des zu versteigernden Objektes interpretieren und mehr bieten.
Also könnte Google einen höheren Preis erzielen, wenn man eine offene englische Auktion gewählt hätte?
Das kann man so nicht sagen. Wenn nur ein Objekt versteigert wird, dann ist die offene ansteigende Auktion in der Regel profitabler als die holländische Auktion. Wenn jedoch zahlreiche Objekte - wie beispielsweise Aktien - versteigert werden, dann ändern sich die Eigenschaften einer Auktion schlagartig. Man kann zeigen, daß es in offenen englischen Auktionen von mehreren Objekten zu Niedrigpreisgleichgewichten kommen kann: Die Bieter schätzen, daß sie nicht mehr als eine bestimmte Menge bei der Auktion erwerben können. Wenn sie nun ihre echte Nachfrage bieten, treiben sie den Preis unnötig hoch, bis sie dann genau diese Menge zu einem hohen Preis bekommen. Deswegen fragen sie schon bei den Anfangspreisen weniger nach. Wenn das alle Bieter tun, ist die Auktion bei einem niedrigen Preis beendet. Das erfordert noch nicht einmal eine Absprache unter den Bietern, es sieht nur so aus. In der Realität konnten wir so etwas 1999 bei der Auktion der GSM-Lizenzen beobachten.
Deswegen läßt Google die Finger von der englischen Auktion?
Nach allem, was man in den Medien lesen kann, plant Google ein "Uniform price"- Verfahren: Die Interessenten geben an, wieviel Aktien sie zu welchem Preis haben wollen. Der Auktionator summiert dann die angegebenen Nachfragefunktionen und ermittelt den Preis, zu dem Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Anschließend bekommen dann Interessenten alle die Aktien, für die sie mindestens diesen Preis geboten haben, zugeteilt - aber zu diesem einheitlichen Preis.
Würde Google nicht mehr verdienen, wenn jeder Bieter den Betrag zahlen würde, den er auch geboten hat?
Diese Form der Auktion finden Sie beispielsweise auf dem Geldmarkt bei den sogenannten Repo-(Wertpapierpensions-)Geschäften. Aber es ist nicht gesagt, daß Google damit mehr Geld einnehmen würde: Bei diesen veränderten Auktionsregeln würde sich auch sofort das Bieterverhalten ändern - und damit die Höhe der Einnahmen. Vermutlich könnte die Europäische Zentralbank bei Umstellung auf ein "Uniform price"-Verfahren mehr Einnahmen erzielen.
Welche Probleme ergeben sich denn bei der von Google gewählten Auktionsart?
Zum einen besteht die Möglichkeit, daß Bieter vorsichtiger agieren - sie können nicht beobachten, welche Signale die anderen Bieter aussenden, und darauf reagieren. Zudem stellen große Bieter wie beispielsweise institutionelle Investoren bei dieser Auktion strategische Überlegungen an, weil sie wissen, daß ihre Nachfrage den Preis beeinflußt. Wenn sie ein Gebot abgeben, das geringer ist als ihre tatsächliche Nachfrage, dann reduziert das die gesamte Nachfrage und damit auch den Preis. Dann steigen die Chancen, daß sie die gewünschte Aktienmenge zu einem geringeren Preis zugeteilt bekommen.
Warum hat Google dann die holländische Variante gewählt?
Ein Vorteil der holländischen Variante besteht darin, daß Absprachen zwischen den Bietern deutlich erschwert werden: Man kann nur ein Angebot abgeben, weshalb vorweg getroffene Absprachen leicht gebrochen werden können. Zudem besteht keine Möglichkeit, daß große Bieter im Verlauf der Auktion ihre Gebote aufeinander abstimmen können. Daß die Auktion den Berichten zufolge nicht offen sein soll, deutet darauf hin, daß man Angst vor Absprachen und vor Niedrigpreisgleichgewichten hat, die in offenen Auktionen wahrscheinlicher sind.
Was ist so revolutionär an dem Weg von Google?
Die Innovation besteht meines Erachtens darin, direkt an den Endverbraucher zu versteigern. Damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Man umgeht die Zwischenhändler und verhindert zugleich eine strategische Nachfragereduktion, die ja für kleine Anleger keinen Sinn macht. Wenn die Rechnung aufgeht, dann wird das die Branche mächtig aufmischen.
Wie sollte man als Anleger mit dem von Google gewählten Verfahren umgehen?
Die institutionellen Investoren werden sich sicherlich darüber Gedanken machen, wie ihre Nachfrage den Preis beeinflußt, und dementsprechend strategisch bieten. Für Kleinaktionäre gibt es da strategisch nichts zu holen. Sie sollten sich eine Meinung über den Wert der Aktie bilden und diesen Preis bieten. Das ist dann wie bei der Schönheitskonkurrenz: Sie müssen erraten, was der Rest des Publikums für attraktiv hält.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |