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Bargeldversorgung : Kein Grund zur Panik

Wird es Geldautomaten schon in einigen Jahren gar nicht mehr geben? Bild: dpa

Wird die Bargeldversorgung in Deutschland schon bald zum Engpass? Oder ist das ein falscher Alarm? Ein Realitätscheck.

          In letzter Zeit konnte man den Eindruck gewinnen, die Versorgung mit Münzen und Scheinen könnte in Deutschland zusammenbrechen. Die „Bild“-Zeitung fragte gar: „Bald kein Geld mehr aus dem Automaten?“, andere sagten das Ende des Geldautomaten vorher. Woher der ganze Trubel, galt Deutschland nicht als Bargeldland? Zuletzt kursierten Zahlen, dass die Zahl der Bankautomaten von 61.100 im Jahr 2015 auf 58.400 Geräte im Jahr 2017 zurückgegangen ist. Das entspricht einem jährlichen Rückgang von etwas mehr als 2 Prozent, nachdem im Jahr 2015 der bisherige Rekord erreicht wurde. Ist das jetzt ein Zeichen für Alarmstimmung? Steht das Bargeld vor dem Aus? Mitnichten.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dafür gibt es zwei gewichtige Gründe. Zum einen klingt der Rückgang dramatischer, als er ist. Würde man davon ausgehen, dass jedes Jahr 2 Prozent Geldautomaten verschwinden, würde es erst im Jahr 2508 keinen Geldautomaten mehr geben. So weit in der Zukunft hat nicht einmal Star Trek gespielt, wo es schon längst kein Geld mehr gibt.

          Der andere Grund ist aber noch viel gewichtiger: Solche Schwankungen im Geldautomatennetz sind vollkommen normal. Dazu hätte man sich nur einmal die Anzahl der Geldautomaten im Zeitverlauf anschauen müssen. Dann sieht man relativ schnell: Schon im Jahr 2011 gab es 60.315 Geldautomaten. Die Zahl schmolz dann aber bis zum Jahr 2013 auf 57.840 zusammen, um dann bis 2015 wieder auf besagte 61.100 Geldautomaten zu kommen. Daran sieht man: Schwankungen sind vollkommen normal. Eine Studie kam kürzlich gar zu dem Ergebnis, Deutschland hätte die beste Geldautomatenversorgung der Welt.

          Bargeld ist teuer

          Als wäre das nicht genug, ist es im Gegenteil in den vergangenen Jahren auch deutlich einfacher geworden, an sein Bargeld zu kommen. Das liegt vor allem am Einzelhandel, der seit einigen Jahren das Geldabheben gemeinsam mit dem Einkauf ermöglicht. Valide Zahlen gibt es dazu noch nicht, weil es ein relativ neues Phänomen ist. Im Jahr 2016 wurden so mehr als 800 Millionen Euro abgehoben. Allerdings ist es nicht allen Instituten möglich, solche Barauszahlungen zu melden, weswegen die Daten auf eine kleine, womöglich nicht repräsentative Meldepopulation zurückgehen, wie die Bundesbank selbst einräumt.

          Zwar steigt tendenziell die Anzahl an Kartenzahlungen, und der Bargeldanteil sinkt, aber nicht in so bedrohlichem Ausmaße, dass es bald keine Geldautomaten mehr geben dürfte. Auch sind Schwankungen nicht nur bei Geldautomaten normal, sondern auch bei Abhebungen: So gab es im Jahr 2012 mehr als 21,27 Milliarden Abhebungen, während es 2014 nur 20,21 Milliarden waren, um dann im Jahr 2016 wieder auf mehr als 21,5 Milliarden Abhebungen zu steigen.

          Warum dann also diese Warnungen? Bargeld kostet die Banken viel Geld. Eine (von der Kartenindustrie gesponserte) Studie kam einmal zu dem Ergebnis, dass es sie Jahr für Jahr 4,5 Milliarden Euro kosten würde. Dazu gehören aufwendige Sicherheitstechnik und die Verwaltung des Bargeldbestandes, aber auch die ausbleibende Möglichkeit, das Geld anzulegen. Was im Geldautomaten liegt, bleibt auch dort und wird nicht verzinst.

          Apropos Geldautomaten, diese wurden auch als große Kostentreiber ausgemacht: „Wir haben die Daumenregel, dass das Betreiben eines Geldautomaten in etwa zwischen 20 000 und 25 000 Euro im Jahr kostet“, sagt Jürgen Gros, Chef des Bayerischen Genossenschaftsverbands, zu dem die Volks- und Raiffeisenbanken gehören.

          Doch die Rechnung ist unvollkommen, denn der Betrag basiert auf Vollkostenbasis, wie der Verband einräumt: Das heißt, dass nicht nur die Wartung der Geräte oder die Versicherungskosten dort einfließen, sondern noch alle möglichen anderen Posten: etwa die Abschreibungen für den Automaten oder die Gebäudekosten. Genauer wollen sich die Banken dort auch nicht in die Kalkulation reinschauen lassen, um der starken Konkurrenz nicht zu viel Einblick in die eigenen Zahlen zu geben. Mit rund 1,5 Milliarden Euro würde da allein in Deutschland die Bargeldversorgung für die Banken zu Buche schlagen. Doch frühere veröffentlichte Kalkulationen gingen nur von rund 10 000 Euro im Jahr aus.

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          Und hier schließt sich der Kreis: Die Banken wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Bargeld eben Geld kostet. Das sagt auch Gros ganz offen: „Das muss auch verdient werden. Dauerhaft ist Zuschießen kein Geschäftsmodell.“ Deswegen haben zahlreiche Banken noch mehr Initiativen gestartet, um die Geldautomaten aus der Verlustzone zu holen. Manche Geldinstitute verlangten nun Mindestgeldbeträge, die abgehoben werden müssen. Andere begrenzten die Zahl der kostenlosen Abhebevorgänge. Einige waren einfallslos und erhöhten einfach die Gebühren für alle, andere hatten zu viele Einfälle und überlegten sich, dass Geldabheben nur zu bestimmten Uhrzeiten kostenlos sein sollte. Doch von einer Automatenknappheit kann keine Rede sein.

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