Home
http://www.faz.net/-gv6-recq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Geschlossene Fonds „Ich glaub' das erst, wenn's durch ist“

10.11.2005 ·  Ist doch lustig, in seiner Villa über die steuermindernden Effekte einer Geldanlage in Medienfonds zu reden, während gegenüber das Finanzamt sitzt: Wie Regisseur und Fondsinitiator Uwe Boll mit dem Ende eines Geschäftsmodells umgeht.

Von Steffen Uttich
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wenn ein Blitz aus heiterem Himmel einschlägt, ist es besser, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Die Nachricht, daß Steuersparfonds am Donnerstag dieser Woche der Garaus gemacht werden soll, ist erst wenige Stunden alt, da macht Uwe Boll wieder Scherze.

Ist doch lustig, hier in dieser Villa zu sitzen und über die steuermindernden Effekte einer Geldanlage in Medienfonds zu reden, während auf der anderen Straßenseite das Finanzamt sitzt, ruft er in die Runde. „Die werden jeden filmen, der heute abend hier rein- und rausgeht“, bekommt er zur Antwort. Und schon ist der Schock, daß das Steuersparmodell Medienfonds nur noch wenige Stunden zu leben hat, ein wenig abgemildert.

Business as usual

Die Kundenveranstaltung in Bingen am Rhein hatte Boll schon seit längerem geplant. Deshalb denkt der Fondsinitiator nicht einmal im entferntesten an eine Absage des Termins, obwohl die verbleibende Zeit für einen Schlußverkauf denkbar knapp ist. Vielmehr führt er in dem herrschaftlichen Raum mit der hohen Decke und der modernen Malerei an den Wänden zuerst den Werbetrailer für seinen neuesten Film vor, in dem sich vor einer grandiosen Bergkulisse edle Ritter und wüste Monster aufeinanderstürzen.

Dem folgt die übliche Unternehmenspräsentation - als wäre nichts geschehen. Boll, im blauen Pullover und Bluejeans, läßt hier eine Bemerkung über abgeschlossene Betriebsprüfungen und dort einen Hinweis zu Einsparmöglichkeiten bei Dreharbeiten fallen. Und allmählich findet er dabei in seine Rolle, die ihn zu einer Größe und einem bunten Farbtupfer in der Medienfondslandschaft gemacht hat.

Der abgebrochene Betriebswirt und promovierte Literaturwissenschaftler ist Fondsinitiator, Filmproduzent und Regisseur in einer Person - eine einmalige Mischung. Nicht zuletzt deshalb erwarten die acht Gäste - oder neun, wenn man den ausgewachsenen Dobermann mitzählt, der gelegentlich an den Stühlen vorbeistreift - einen unterhaltsamen Abend. Sollte der selbstbewußte Mittelpunkt der Runde mit seinem Hang zum Dompteurhabitus tatsächlich so etwas wie Sorge oder Enttäuschung empfinden, so läßt er es sich nicht anmerken.

Hollywood in Babelsberg wäre möglich gewesen

Lieber plaudert er darüber, wie man an den Gagen selbst von Stars wie Burt Reynolds und Ben Kingsley spart, wenn man sie erst kurz vor Drehbeginn engagiert. Er legt Wert darauf, daß er als einziger Medienfonds alle Erlösquellen offenlegt. Er gewinnt sogar der originellen Idee, seinen Fondsanlegern auf Wunsch einen Auftritt in einer Statistenrolle zu ermöglichen, einen Nutzen ab: „Da sparen wir Gehalt.“ Bei seinem jüngsten Projekt sollen sich bis zu 40 Investoren zum Drehort an der Westküste Kanadas aufgemacht haben, um dort eine Rolle etwa als Sklave zu übernehmen.

Zu später Stunde, mit einem Glas Rotwein in der Hand, läßt er seinem aufgestauten Ärger schließlich doch freien Lauf. „Ich hatte gehofft, daß die deutsche Politik es einmal schafft, etwas zum Positiven zu drehen“, schimpft er. Schließlich habe er einen praktikablen Vorschlag unterbreitet; daß nämlich nur noch für Medienfonds, mit deren Geld Filme in Deutschland gedreht werden, die alte Regel der steuerlichen Verlustzuweisung gelten soll. Keine Steuerflucht mehr nach Hollywood, statt dessen Förderung des Filmstandorts Deutschland. „Was glauben Sie, was in Babelsberg dann los wäre.“

Ein CDU-Politiker aus der Koalitionsrunde in Berlin habe ihm noch vor zwei Tagen am Telefon versprochen, daß es nicht zu einer Radikallösung kommen werde. Und jetzt liegt da diese Kabinettsvorlage mit dem Stichtag 10. November. Es ist spät geworden an diesem Abend in Bingen. Boll nimmt einen Schluck Rotwein. Dann sagt er: „Ich glaub' das erst, wenn's durch ist.“

Quelle: F.A.Z., 10.11.2005, Nr. 262 / Seite 23
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1970, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.

Jüngste Beiträge

25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%