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Schwere Krise : Der Dow Jones kappt seine letzte Wurzel

Bald nicht mehr dabei: General Electric Bild: AP

General Electric verlässt den Aktienindex. Die Entscheidung ist wie immer nicht nachvollziehbar.

          Der amerikanische Mischkonzern General Electric wird vom 26. Juni an nicht mehr im 30 Werte umfassenden Aktienindex Dow Jones Industrial enthalten sein. Dies teilte der Indexanbieter S&P Dow Jones Indices am Dienstagabend nach Börsenschluss mit. Ersetzt wird GE durch die Drogeriekette Walgreens Boots Alliance.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Wie immer beim Dow Jones kommt diese Entscheidung überraschend und ist nicht nachvollziehbar. Der Dow Jones hat sich seine alte Tradition beibehalten, ohne ein Regelwerk die Indexzusammensetzung zu bestimmen. Mit GE scheidet nun ein Unternehmen aus, das bei der Gründung des Aktienindex im Jahr 1896 schon dabei war, dann den Index verlassen musste, aber seit 1907 wieder durchgängig im Dow Jones vertreten war. Eine solche Tradition kann kein anderer Dow-Wert aufweisen. Exxon Mobil kam 1928 unter dem Namen Standard Oil in den Index, Procter&Gamble 1932.

          Mit einem Börsenwert von 112 Milliarden Dollar ist GE derzeit nicht das Unternehmen mit dem niedrigsten Börsenwert im Dow Jones. Fünf Unternehmen sind kleiner, darunter mit dem Versicherer Travelers ein Unternehmen mit einem Börsenwert von nur 34 Milliarden Dollar. Ersetzt wird General Electric nun durch ein Unternehmen, dass einen 40 Prozent niedrigeren Börsenwert hat.

          Das höchste Indexgewicht hat Flugzeughersteller Boeing

          Doch der Börsenwert spielt im Dow Jones ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Ginge es danach, müssten längst Amazon, Google oder Facebook im Index sein. Der Indexstand hängt nur vom Aktienkurs in Dollar ab, dividiert durch einen Dow-Divisor. Das höchste Indexgewicht hat damit derzeit der Flugzeughersteller Boeing mit knapp 10 Prozent. Dabei ist er nach Börsenwert nur auf Platz 15.

          Der Aktienkurs ist mit 341 Dollar aber der höchste. Apple kam vor drei Jahren überhaupt nur in den Index, weil es einen Aktiensplit durchführte und die Aktie damit optisch billiger machte. Berkshire Hathaway, die Beteiligungsgesellschaft von Warren Buffett, hat wegen der Weigerung eines Aktiensplits wohl nie eine Chance auf eine Dow-Mitgliedschaft. Der aktuelle Preis für eine Aktie beträgt 287000 Dollar. Nach dem Dow-Konzept käme Berkshire auf ein Indexgewicht von gut 98 Prozent. GE war hingegen mit einem Aktienkurs von 12 Dollar und einem Kursrückgang um zwei Drittel in den vergangenen eineinhalb Jahren auf ein Indexgewicht von 0,4 Prozent gesackt.

          Warum sie nun ausgetauscht werden, weiß nur das Indexkomitee von Dow Jones, das über die Indexzusammensetzung entscheidet. Früher haben Charles Dow und Edward Jones, die beiden Gründer des Wall Street Journals, über die Indexzusammensetzung entschieden. Sie wollten Ende des 19. Jahrhunderts ein Maß für die Entwicklung des amerikanischen Aktienmarktes haben und gründeten deshalb Aktienindizes.

          „Indizes sollten regelbasiert sein und den Markt adäquat abbilden“

          Ob das seither weitgehend unveränderte Konzept heute noch zeitgemäß ist, bezweifeln die Finanzmärkte. Der Dow Jones ist zwar noch einer der bekanntesten Aktienindizes. Schaut man auf das investierte Volumen in Aktienindexfonds (ETF), ist er aber nur eine Randerscheinung. Der größte Indexfonds auf dem amerikanischen Markt ist der SPDR S&P 500 von State Street mit einem investierten Volumen von 267 Milliarden Dollar.

          Es folgt der iShares Core S&P 500 mit 152 Milliarden Dollar und eine Reihe Fonds auf Indizes von Russell, MSCI und FTSE, bevor auf Platz 31 der SPDR Dow Jones Industrial Average auftaucht mit einem im Vergleich zu den Spitzenreitern mageren investierten Volumen von nur 22 Milliarden Dollar. Entsprechend unbeeindruckt blieb auch die Marktreaktion am Mittwoch auf den GE-Rauswurf: Der Aktienkurs lag 0,07 Prozent höher als am Vortag.

          „Indizes sollten regelbasiert sein und den Markt adäquat abbilden“, sagt Steffen Scheuble, Gründer und Vorstandsvorsitzender des Frankfurter Indexanbieters Solactive. „Regelbasiert ist der Dow Jones nicht und über die adäquate Marktabbildung kann man trefflich streiten. Im 19. Jahrhundert haben vielleicht 30 Aktiengesellschaften für die Abbildung der amerikanischen Volkswirtschaft gereicht, heute erscheint 30 sehr wenig.“ Noch wichtiger sei den Investoren aber das klare Regelwerk. „Die Anleger wollen wissen, in was sie investieren und wer darüber nach welchen Kriterien entscheidet.“

          „Der Dow Jones ist kein Index“

          Uwe Streich, Indexfachmann der Landesbank Baden-Württemberg sagt deshalb: „Der Dow Jones ist kein Index, er ist ein Anachronismus und nicht mehr zeitgemäß. Nur wegen seiner langen Historie ist er noch in aller Munde.“

          Andere Indexanbieter haben rechtzeitig umgesteuert. Die Deutsche Börse hat den Dax längst auf ein komplett regelbasiertes System umgestellt. Jeder, der daran interessiert ist, kann sehen, wann auf welcher Basis über Veränderungen der Indexzusammensetzung entschieden wird. Menschen spielen bei der Entwicklung des Regelwerks eine Rolle, längst aber nicht mehr bei der Entscheidung, welches Unternehmen in den Dax kommt und wer dafür weichen muss. Darüber entscheiden allein die Zahlen.

          Ob der Dax deshalb besser die Volkswirtschaft abbildet, ist auch hier Geschmackssache. Großunternehmen mit einem weit verzweigten Aktionariat werden gegenüber Unternehmen mit großen Eigentümerfamilien und Stiftungen bevorzugt und rege gehandelte Aktien denjenigen mit weniger Bewegung. Auch bei der Wertentwicklung muss sich der Dow Jones trotz aller Merkwürdigkeiten im Indexkonzept nicht verstecken. Der Dax wird nächste Woche 30. Er ist seither ohne Berücksichtigung der Dividenden um 485 Prozent gestiegen. Der S&P 500 hat in dieser Zeit 1021 Prozent zugelegt und der Dow Jones sogar 1176 Prozent.

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