http://www.faz.net/-gv6-7vb2e
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 22.10.2014, 15:14 Uhr

Angst vor Deflation Der Geldregen aus dem Hubschrauber

Aus Furcht vor einer Deflation empfehlen einige Ökonomen eine radikale Geldschwemme: Die Zentralbank sollte jedem Bürger mehrere tausend Euro schenken! Ein genialer Trick zur Ankurbelung der Wirtschaft – oder eine Schnapsidee?

von
© Wolfgang Eilmes Blick aus der künftigen EZB-Zentrale in Frankfurt: Von hier aus soll der Geldregen auf die Eurozone niedergehen

Stellen wir uns vor, dass eines Tages ein Hubschrauber über diese Gemeinde fliegt und Geldscheine über 1000 Dollar vom Himmel regnen lässt...“ Dieses Gedankenexperiment hat Milton Friedman schon vor Jahrzehnten formuliert, und noch heute regt es die Phantasie einiger Ökonomen an. Die Zentralbank druckt Geld, packt es in einen Hubschrauber und lässt es dann auf die Menschen regnen. Was passiert dann mit den Preisen? Für Friedman war die Sache klar: Das Preisniveau wird durch die zusätzlich geschaffene Geldmenge steigen. Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen, lautete Friedmans berühmter Satz. Vor elf Jahren hat Ben Bernanke, damals Vorstand der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve, aber noch nicht Vorsitzender, die Idee des „Helikopter-Geldes“ in einer Rede erwähnt. Die Rede handelte von den Möglichkeiten, wie Japan seine jahrelange Deflation überwinden könnte. Fortan trug Bernanke den Spitznamen „Helicopter-Ben“.

Philip Plickert Folgen:

Besonders angetan von der Idee der Geldschwemme aus der Luft ist der Niederländer Willem Buiter. Der frühere Yale- und LSE-Professor und heutige Chefvolkswirt des amerikanischen Citigroup-Bankkonzerns hat in der jüngsten Ausgabe des Internetjournals „Economics“ eine Analyse veröffentlicht: „Warum es funktioniert – immer“, lautet der Titel. Buiter diskutiert darin die Probleme und Möglichkeiten einer Zentralbank, trotz der Nullzinsgrenze (tiefer als null kann der nominale Leitzins nicht gesenkt werden) dennoch die Geldpolitik weiter zu lockern. Hier helfe Helikopter-Geld – im übertragenen Sinne. Denkbar wäre ein Stimulus durch einen Geldtransfer an alle Bürger, den die Zentralbank bezahle. Oder eine große „Quantitative Lockerung“ durch den Ankauf von Staatsanleihen. „Wenn der Staat ungedecktes Papiergeld (fiat money) oder Basisgeld mit null Zinssatz ausgeben kann, ...dann existiert immer eine Kombination aus Geld- und Fiskalpolitik, die die private Nachfrage stärken kann – im Prinzip unbegrenzt“, schreibt Buiter. Deflation oder zu niedrige Inflation ließe sich damit leicht und wirkungsvoll bekämpfen.

10.000 Euro für jeden

So schön ist die neue Ökonomen-Welt. Die Zentralbank druckt einfach Geld, der Fiskus verteilt es, und die Bürger kurbeln durch zusätzliche Konsumnachfrage die Konjunktur an, bis die Fabrikkapazitäten wieder voll ausgelastet sind. Wäre das nicht ein Rezept für den Euroraum, der unter einer hartnäckigen Wirtschaftsschwäche und hoher Arbeitslosigkeit leidet und dessen Inflationsrate auf nur noch 0,3 Prozent gesunken ist? Die Europäische Zentralbank flutet zwar den Banksektor mit Liquidität fast zum Nulltarif. Doch das frisch geschaffene Geld der EZB bleibt in den Banken und an den Finanzmärkten, es treibt dabei die Kurse für Vermögenswerte, kommt nicht in der Realwirtschaft an. Die Geldschöpfung durch Kredite der Banken für den privaten Sektor ist schwach. Einige Bankvolkswirte äußern deshalb Sympathien für einen Helikopter-Einsatz der EZB, um Geld direkt den Bürgern zu überweisen.

© , Deutsche Welle Was ist Deflation? Wenn alles billiger wird!

Mehr zum Thema

„10.000 Euro für jeden Bürger“, schlägt Daniel Stelter vor, Gründer des makroökonomischen Diskussionsforums „beyond the obvious“ und früherer Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group. Der Betrag scheint allerdings etwas hoch gegriffen. Nimmt man die von EZB-Chef Mario Draghi als Ziel ausgegebene Ausweitung der Zentralbank-Bilanz um eine Billion Euro zum Maßstab, wären dies für jeden der 300 Millionen Bürger der Eurozone etwas über 3000 Euro. Die Befürworter meinen, damit ließe sich die Deflationsgefahr bannen und der Euro retten. Die Zentralbank druckt Geld, und die Wirtschaft brummt wieder.

Ist ein solcher „free lunch“ – den Friedman ausschloss – wirklich denkbar? „Das klingt verlockend“, sagt Joachim Scheide, der scheidende Konjunkturchef am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. „Aber es wäre wohl die allerletzte Aktion für die Zentralbank“, meint er. „Die Anreizwirkung wäre fatal, wenn die EZB einfach Geld ohne Gegenleistung überweist.“ Ihre Glaubwürdigkeit würde schwer beschädigt, wenn die Bürger sie als beliebige Geldschleuder wahrnähmen. Dann könnten sich die Inflationserwartungen aus der Verankerung lösen. Außerdem würde das Helikopter-Geld nur ein Strohfeuer auslösen. Der IfW-Ökonom sieht die Probleme Europas mehr auf der Angebotsseite: Es fehlen echte Strukturreformen, um die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

Bilanz-Loch müsste nicht durch frisches Kapital gefüllt werden

Die Strohfeuer-Problematik verneinen die Befürworter. Sicher: Als die Bush-Regierung in der tiefen Rezession 2009 Steuerschecks an die amerikanischen Haushalte verschickte, da zeigte sich im Konsum kaum eine nachhaltige Belebung, der Stimulus verpuffte. Das lag zum Teil auch daran, dass die Bürger eine spätere Steuererhöhung antizipierten und mehr sparten. Ökonomen nennen dieses Phänomen die „ricardianische Äquivalenz“. Auch beim Geldregen der Zentralbank könnte es zu dieser Reaktion der Bürger kommen, meint der Leipziger Makroökonom Gunther Schnabl: „Die Bürger könnten sich ricardianisch verhalten, weil sie ahnen, dass es Steuererhöhungen geben wird, weil die Zentralbank rekapitalisiert werden muss.“ Gemeint ist, dass die EZB durch den Geldabwurf ohne Gegenleistung ein riesiges Loch in ihrer Bilanz hat, das durch Kapitalspritzen der Staaten gefüllt werden muss. In so einem Fall wäre der Geldabwurf neutralisiert. Buiter und die Befürworter hingegen schließen das aus. Schon Bernanke betonte in seiner Japan-Rede, dass die Bilanz einer Zentralbank nicht mit der einer Geschäftsbank zu vergleichen sei. Ihr Eigenkapital – und damit auch ein Verlust – sei von marginaler Bedeutung, wenn man von psychologischen Effekten absehe. Die Strohfeuer-Sorge hat Buiter nicht. Wenn der Geldabwurf dauerhaft sei, also die Geldmenge für alle Zeiten ausgedehnt werde, dann würden die Bürger mehr konsumieren.

Denkbar wäre aber auch, dass die Geldmenge sich nicht so leicht exogen steuern lässt. „Wenn wir die Geldmengenentwicklung als endogen ansehen, dann ist der Effekt nicht so groß“, sagt der Makroökonom Oliver Holtemöller vom Wirtschaftsforschungsinstitut Halle. Er meint damit, dass der Geldabwurf gegenläufige Effekte auslösen könnte: Der Bedarf der Bürger an Krediten geht zurück, wenn die Zentralbank mehr Basisgeld unter die Bevölkerung bringt; die Banken brauchen weniger Refinanzierung, so dass die weiter gefasste Geldmenge nicht im selben Ausmaß steigt wie das Angebot an Helikopter-Geld. Insgesamt bleibt Holtemöller skeptisch. „Es gibt zu viele Fragezeichen“, sagt er. Für die Wissenschaft sei das Gedankenexperiment wohl verlockend. Mit einer realen Währung sollte man aber doch vorsichtiger umgehen.

Lohnt die Dieselprämie? So viel Geld können Autokäufer sparen

Autohersteller locken mit Rabattaktionen: Wer seinen alten Diesel verschrottet und einen Neuwagen kauft, erhält hohe Prämien. Leider gibt es ein paar Haken. Mehr Von Anna Steiner 17 9

Name Kurs %
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --
Gold -- --

Abonnieren Sie „Finanzen“

Zur Homepage