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Oldtimer: Abgefahrene Porsche

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Abgefahrene Porsche

Von NADINE OBERHUBER

31.05.2017 · Porsche hat den einmillionsten 911er gebaut. Echte Liebhaber bevorzugen die unrestaurierten Oldtimer.

Das Erste, was bei diesem Auto so richtig auf Touren kommt, ist die Pumpe. Aber nicht die Ölpumpe des Sportwagens, sondern das Herz seines Betrachters. Wenn dann der Motor eines „Urelfers“ leise hämmernd anspringt und ein Druck aufs Gaspedal ihm ein Jauchzen entlockt, schießt der Puls so schnell hoch wie der Drehzahlmesser des 911ers bei Vollgas. Für diesen Sound und den Anblick eines alten Porsche geben Liebhaber so viel Geld aus wie für ein Einfamilienhaus, 200 .000 bis 300. 000 Euro können es locker sein. Worauf die Käufer abfahren? Auf ein Stück Technik, das für viele ein Kindheitstraum ist. Denn vor 54 Jahren wurden die ersten Urelfer gebaut, in der vergangenen Woche ist der einmillionste produziert worden. Sie waren von Beginn an Traumwagen. Einen Porsche 911 aus den Baujahren von 1963 bis 1973 nur ein altes Auto zu nennen grenzt an Frevel. Er ist ein Klassiker, für Liebhaber einer der schönsten Oldtimer der Welt.

© Imago Dieser Porsche 911 2,4 S Coupé, Baujahr 1972, gehörte zu den Fahrzeugen, die im vergangenen Februar bei der Oldtimermesse in Paris zum Verkauf standen.

Genau das ist der Grund, weshalb sich ein eigener Sammlermarkt für die Modelle bis 1973 entwickelt hat und die Preise des Urelfers zuletzt mächtig gestiegen sind. Für einen der Wagen, die in den sechziger Jahren neu für 22. 000 bis 33. 000 D-Mark auf den Markt kamen, zahlten Käufer schon im Jahr 2000 rund 100 .000 Euro. Heute sind es locker 250 .000 Euro und mehr, sagen die Oldtimer-Statistiken, und zwar schon bei ganz normalen Serienwagen. Bei sehr seltenen Modellen, Prototypen oder Rennwagen mit Geschichte reichen die Gebote auf Auktionen auch schon mal an die Millionenmarke heran. Damit hat der 911er inzwischen eine Preisklasse erreicht, die früher nur Kultautos wie der Porsche 356 kannten, der legendäre Spyder 550, den James Dean im Film und im Privatleben fuhr, oder der Mercedes 300 SL Flügeltürer.

Quelle: VDA; © F.A.Z.-Grafik Niebel

Doch nicht nur die Porsche-Preise gehen nach oben, der ganze Markt für Oldtimer zieht seit Jahren kräftig an. In Oldtimer zu investieren, so nannten es jüngst Analysten des Nachrichtendiensts Bloomberg, sei eine der ertragreichsten Anlageformen. Der Verband der Automobilindustrie ermittelt jährlich aus den tatsächlichen Verkaufspreisen den Dox, den Deutschen Oldtimer Index, und vermeldete für 2016 einen Preisanstieg um 4,4 Prozent. Lag der Index 1999 bei 1000 Punkten, so ist er inzwischen auf 2516 Punkte gestiegen. Und das, obwohl der Index bei weitem nicht nur Edelkarossen erfasst, sondern vor allem Alltagsmodelle wie den VW-Bus, den Opel Ascona oder die Citroën-Ente.

© Imago Der knallrote Porsche 911 Targa, Baujahr 1969, besticht durch sein „Soft Window“. Er wurde Anfang April in Essen präsentiert.

Gerade bei vielen Porsche-Modellen haben sich die Bewertungen weitaus rasanter entwickelt: Allein in den vergangenen fünf Jahren hat sich der Preis des 356er etwa verdoppelt, ein Carrera aus den achtziger Jahren kostet auch fast doppelt so viel. Für einen 959 aus den späten achtziger Jahren legen Käufer sogar das Vierfache hin. Zurzeit ziehen vor allem die Preise der Porsche 944, 968 und 928 an.

„Selbst für breite Massenmodelle sind die Preise 2014 und 2015 geradezu explodiert“, sagt Martin Heinze vom Oldtimer-Bewerter Classic Analytics. „Auch für Autos der Zustandsnote 3, also in mäßigem Zustand, werden inzwischen Beträge bezahlt wie sonst nur für den Zustand 2.“ Im Zustand 3 kommt der Großteil der Autos auf den Markt, rund 80 Prozent der Oldtimer, schätzen Branchenbeobachter wie Matthias Mangold. Es sind meist unrestaurierte oder teilrestaurierte Klassiker oder auch Fahrzeuge, die vor zehn Jahren rundum restauriert wurden, aber inzwischen deutliche Gebrauchsspuren aufweisen. Das drückt normalerweise den Preis. Als Zustand 2 wird dagegen bezeichnet, was bereits komplett restauriert wurde, und zwar handwerklich perfekt und originalgetreu. Es darf aber kleinere Gebrauchsspuren geben wie Steinschläge oder Putzspuren im Lack. Weil solche gut erhaltenen Exemplare bisher selten waren, zahlten Liebhaber hohe Aufschläge für sie. Die vergangenen Jahre aber haben den Markt stark verändert.

© Hans G. Lehmann Der Porsche 356 Speedster wurde als Sportvariante des legendären 356 verkauft. Er kostete damals 12.000 D-Mark. Heute bringt ein Speedster auf Auktionen bis zu 100.000 Dollar. Billiger ist eine Replik wie auf dem Foto abgebildet. Sie kostet nur rund 40.000 Dollar.

Seitdem sehen viele Käufer in den automobilen Klassikern ein wertbeständiges Investment. Nicht nur Liebhaber und Sammler, sondern auch Privatanleger, Jungunternehmer oder Erben deckten sich massenhaft mit gut erhaltenen Schätzchen ein und möbelten sie auf. Mit dem Kalkül: Die alten Wagen werden ja nicht zahlreicher, sondern ihre Menge wird sich verringern, also steigen sie weiter im Wert. Zudem lassen sich Oldtimer auf Messen und Internetbörsen leicht wieder zu Geld machen angesichts des kleinen Angebots und der großen Nachfrage. Privatverkäufer müssen die Veräußerungsgewinne nicht versteuern. „Einige Händler verkauften ihre Wagen sogar mit dem Hinweis: In zwei Jahren kaufe ich ihn dir für einen höheren Preis wieder ab“, sagt Heinze. „So wurden gefragte Modelle wie der Urelfer plötzlich zu Spekulationsobjekten.“

© action press Schön unrestauriert: Der Porsche 550 Spyder, Baujahr 1956, wurde vom britischen Auktionshaus Bonhams 2016 für 5,4 Millionen Euro versteigert. Mit einem ähnlichen Spyder-Modell verunglückte James Dean tödlich.

Daraufhin begannen viele Händler, die Autos zu bunkern. Sie kauften alle verfügbaren 911er aus Amerika oder Japan auf. Sie riefen auch viele Modelle aus dem Inland zurück. „Mittlerweile herrscht keine Knappheit mehr, und jeder Käufer kann seine Lieblingsfarbe und Wunschausstattung bekommen“, sagt Heinze. Bei Manfred Hering zum Beispiel, der in Wuppertal die Fachwerkstatt „Early911s“ betreibt, stehen allein 50 Porsche 911 2.2 S bereit. Insgesamt hat er über 200 unrestaurierte Porsche auf Lager, die er für seine Kunden „zu 100 Prozent in ihren Auslieferungszustand versetzt“. Rund 600 Fachwerkstätten zur Oldtimer-Restaurierung gibt es hierzulande. Vielen davon laufen die Autofans die Türen ein. Wartezeiten von fünf Jahren sind inzwischen normal.

Das Skurrile am Markt ist dabei: Gerade weil so viele Wagen aus dem Ausland zurückgeholt worden sind, werden die unrestaurierten Modelle inzwischen teurer gehandelt als aufwendig restaurierte Wagen. Denn bei vielen ausländischen 911ern haben die Besitzer jahrelang nicht Hand angelegt oder sie sogar lediglich in ihren Garagen geparkt. Das sind wahre automobile Zeitzeugen. Selbst Autos, die gar nicht fahrtüchtig sind, bei denen aber alle Teile noch original sind, bringen daher oft mehr Geld ein als ein Zustand-2-Wagen, der komplett überholt wurde und bei dem viele Schrauben gar nicht mehr echt sind, sondern nur nachgebaut. Oder als viele der umgebauten Urelfer, die einst als Rennwagen durch Europa rasten. Gerade bei denen sind viele Originalteile abhandengekommen.

© Imago So etwas nennt man einen „Scheunenfund“: der Porsche 911 T, Baujahr 1966, wurde bei einem Privatmann auffindig gemacht und Anfang April in neuer Pracht bei der Techno Classica in Essen vorgeführt.

„Für den Originalzustand mit Patina zahlen Liebhaber deutlich mehr als für Oldtimer, die auf Neuwagen gemacht sind“, wissen die Analysten von Classic Analytics. Kommt ein unrestauriertes Auto aus erster Hand, können die Aufschläge sogar sechsstellig sein, beziffert Porsche-Händler Ande Votteler. Zudem werden die Autos heute auf einem ganz anderen Niveau restauriert als noch vor zehn Jahren, beobachtet Porsche-Restaurator Ingo Stimming. Die Techniken sind besser geworden. Bei Bremsanlagen oder Radlagern ersetzt man heute längst nicht mehr so bedenkenlos Teile wie früher. Und es wandert nicht mehr jede Schraube ins Chrombad, nur damit sie glänzt. Es komme aber auch auf die richtige Patina an, sagt Analyst Heinze: „Alles, was auf Gebrauch hindeutet, ist gut. Verbrauch oder Verschleiß dagegen ist immer schlecht.“ Beim Anblick zerrissener Sitze oder zerkratzter Motorhauben pocht das Herz zwar auch vor Aufregung. Aber nicht vor Freude.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 30.05.2017 11:00 Uhr