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Veröffentlicht: 15.12.2016, 11:02 Uhr

Anlagen Negativzinsen sind für Sparer die rote Linie

Sinkende Zinsen nehmen die meisten Sparer schulterzuckend hin. Doch bei Negativzinsen hört der Gleichmut auf. Deshalb wird bislang auch nur bei kleinen Banken die Reaktion der Kunden getestet.

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© dpa Viele Kunden werden bereits unruhiger oder sparen insgesamt weniger. Das Einführen von Negativzinsen wäre für viele ein Vertrauensbruch.

Das Anlageverhalten der Deutschen hat sich durch den Niedrigzins kaum verändert. Der Blick in die Statistiken der Deutschen Bundesbank zeigt ein stabiles Verhältnis von gut 2 Billionen Euro auf Giro- und Sparkonten, gut 2 Billionen in Versicherungsverträgen und Pensionskassen und knapp eine Billion in Aktien, Anleihen und Fonds. Doch unter der ruhigen Oberfläche brodelt es, zeigt nun ein Forschungsprojekt des Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim im Auftrag der ING-Diba.

Daniel Mohr Folgen:

Demnach werden die Kunden unruhiger, sind für das Thema Geldanlage sensibilisierter und warten quasi nur auf das große Beben, um ihre Geldanlage neu auszurichten. „Es gibt eine Erdrutsch-Gefahr bei der Einführung von Negativzinsen“, sagt Martin Schmidberger, Leiter Produkt- und Zielgruppenmanagement der ING-Diba bei der Vorstellung der Ergebnisse am Dienstag in Frankfurt. Deswegen hätten auch nur kleine Institute als Test der Reaktionen von Politik, Verbraucherschützern, Medien und Kunden Negativzinsen eingeführt, aber keine Bank mit größerer Kundenzahl. „Die Quintessenz der Studie ist für mich: keine Negativzinsen einführen. Diese rote Linie ziehen die Verbraucher. Sonst würde viel Vertrauen zerstört.“

Die Deutschen fürchten Verluste

28 Prozent der für die Studie befragten ING-Diba-Kunden halten die Einführung von Negativzinsen auf breiter Front in den nächsten 12 Monaten für gut möglich, 31 Prozent immerhin vielleicht für möglich. Nur 7 Prozent sind sich sicher, dass dies bestimmt nicht auf breiter Front in Deutschland kommen wird. Wenn es dazu käme, deuten die Befragten deutliche Reaktionen an, viel deutlichere als bei einer Zinssenkung, die nicht die Nulllinie unterschreitet.

„Die Deutschen haben eine ausgeprägte Verlustaversion“, sagt Martin Weber vom ZEW, Autor der Studie und Professor für Bankbetriebslehre in Mannheim. „Ein Minus vor dem Zins ist ein Verlust und das hassen die Leute.“ So geben die Befragten an, auf eine Zinssenkung von 1,4 auf 0,9 Prozent allenfalls mit der Suche nach einem besseren Tagesgeldangebot reagieren zu wollen.

Negativzinsen werden als kundenschädlich wahrgenommen

Geht es von 0,9 auf 0,4 Prozent, würde die Suche womöglich intensiviert. Würde aber ein weiterer gleich großer Zinsschritt von 0,4 auf minus 0,1 Prozent erfolgen, dann würden die Sparer aus ihrer Lethargie erwachen und ihr Verhalten deutlich ändern. Plötzlich kämen für die Anleger andere Anlageformen viel stärker in Betracht. Sie wären bereit, mehr Risiko in der Geldanlage einzugehen oder längere Laufzeiten in der Geldanlage zu akzeptieren.

Negativzinsen, so zeigt es die Studie, werden als eine rein kundenschädliche Maßnahme ohne Gegenleistung wahrgenommen und damit viel negativer beurteilt als Gebühren auf Abhebungen oder die Kontoführung. Deswegen führen derzeit viele Banken Gebühren ein oder erhöhen bestehende. Doch auch hier sehen die Kunden gemäß der Umfrage mehrheitlich keine Leistung der Bank hinter den Gebühren. Entsprechend fallen die Reaktionen aus.

„Wir haben die Ankündigung der Gebühreneinführung der Postbank im August sehr stark gemerkt“, sagt Schmidberger von der ING-Diba. „Statt wie üblich 800 bis 1000 Girokontoeröffnungen am Tag, schnellten die Zahlen im August und September auf 3500 bis 4000 am Tag in die Höhe.“ Bei der Direktbank mit mehr als 1,5 Millionen Girokonten wird daher so lange wie möglich versucht, Kontogebühren zu vermeiden. Die günstige Kostenstruktur gilt als gute Grundlage dafür.

Doch üppige Zinsen gehören auch für ING-Diba-Kunden der Vergangenheit an. Auf den als Extra-Konten bezeichneten Tagesgeldkonten der Bank werden für Kunden mit mehr als 100.000 Euro gerade noch 0,05 Prozent gezahlt. Für weniger wohlhabende Kunden gibt es 0,35 Prozent. Das ist offenbar noch attraktiv genug: Mehr als 400.000 Extra-Konten sind dieses Jahr hinzugekommen.

Mehr Interesse an anderen Anlageformen

Doch das geringere Zinsniveau führt bei den Kunden zumindest zu einem gewissen Umdenken. 3 Milliarden Euro wurden dieses Jahr von Tagesgeldkonten in Wertpapiere umgeschichtet. Bei 120 Milliarden Euro auf den Extra-Konten entspricht dies 2,5 Prozent.

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In der Umfrage sehen sich mittlerweile 44 Prozent von den Niedrigzinsen in ihrem Sparverhalten beeinflusst. Die meisten sparen weniger. Das Interesse an anderen Anlageformen nimmt zu. Wertpapiere und Immobilien sind gefragt, Lebensversicherungen nicht mehr. Die meisten sparen aber weiterhin ganz einfach das, was am Monatsende übrig bleibt.

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