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Aktienhandel : Anleger, schaut auf Europa!

Börse in Frankreich: Vor allem auf die Wahl Emmanuel Macrons zum französischen Präsidenten haben Anleger begeistert reagiert. Aber auch deutsche Aktien sind bei Amerikanern begehrt. Bild: dpa

Da kann Trump noch so sehr auf Amerika setzen: Die Anleger vertrauen auf europäische Aktien. Und das völlig zu Recht.

          Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre der Schreck groß gewesen, wenn die Bundeskanzlerin die Wörter „Europäer“ und „Schicksal“ in einem Satz verwendet hätte. Aber nun, nachdem die schlimmste Euro-Krise weitgehend ausgestanden ist und die Herausforderungen eher aus Übersee kommen, erhalten Angela Merkels Worte eine positive Wendung.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn sie sagt: „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen“, dann meint sie „Schicksal“ nicht im Sinne von „Verhängnis“, sondern appelliert an die „Bestimmung“ zusammenzurücken. Als Treiber einer solchen europäischen Einigkeit fungiert Donald Trump, dem Amerika über alles geht und der dagegen wettert, was bei uns angeblich im Argen liegt: Verteidigungsausgaben, Handelspolitik, Klimapolitik.

          Sosehr Trump auf Distanz geht: Von Anlegern, die nicht zuletzt aus Amerika kommen, wird Europa gerade wiederentdeckt. Während der Präsident unentwegt über den deutschen Handelsüberschuss krittelt, zeigen sie großes Vertrauen in die europäische Wirtschaft, insbesondere in die deutsche Wirtschaft. Am Freitag hat der Deutsche Aktienindex Dax ein neues Rekordhoch von 12.878 Punkten erreicht, als Nächstes könnte die Marke von 13.000 Punkten fallen.

          Gute Argumente für deutsche Aktien

          Zum einen sind deutsche Aktien trotz ihres kräftigen Kursanstiegs im Vergleich zu den amerikanischen Titeln immer noch recht günstig. „Zum anderen ist der deutsche Aktienmarkt sehr prozyklisch ausgerichtet und profitiert vom globalen Wirtschaftsaufschwung“, sagt Maximilian Kunkel, Chefanlagestratege der Schweizer Großbank UBS. So setzt auch der amerikanische Starinvestor Warren Buffett auf deutsche Werte. Über seine Firma General Reinsurance hat er vergangene Woche 200 Millionen in den Kölner Chemiekonzern Lanxess investiert und damit drei Prozent der Anteile übernommen.

          Es sind nicht nur Großinvestoren wie Buffett, die in Deutschland und dem Rest des alten Kontinents neue Chancen sehen. So zeigen die jüngsten Zahlen der französischen Fondsgesellschaft Amundi zum ETF-Markt, wie sehr Anleger ihr Geld umgeschichtet haben. Von Ende November vergangenen Jahres bis Ende April sind 3,7 Milliarden Euro in Aktien-ETF der Eurozone geflossen, gefragter waren nur globale Aktien-ETF.

          Robuster Euro als Anreiz zum Anlegen

          Vor allem auf die Wahl Emmanuel Macrons zum französischen Präsidenten haben Anleger begeistert reagiert und in den drei Wochen seither zwölf Milliarden Euro in europäische Aktienfonds investiert. Dass seit langem aufgestautes Kapital nach Europa geflossen sei, liege auch daran, dass sich der Euro gegenüber dem Dollar als robuster erweist als lange befürchtet. Seit ihrem Tiefstand Mitte Dezember 2016 hat die Gemeinschaftswährung um fast neun Prozent an Wert gewonnen. „Internationale Investoren sehen den stärkeren Euro als Zeichen, dass sie ihr Kapital nach Jahren der Enttäuschungen wieder in Europa anlegen können“, sagt Kunkel.

          Nach Trumps Wahlsieg Anfang November hatte es noch so ausgesehen, als würden die amerikanischen Börsen allen anderen enteilen. Trumps Ankündigungen von Steuersenkungen, einem milliardenschweren Investitionsprogramm und der Deregulierung der Banken weckten enorme Phantasien. Inzwischen sind große Zweifel aufgekommen, ob Trump seine vollmundigen Wahlversprechen wirklich so umsetzen kann.

          Sein erstes Vorhaben, die weitgehende Abschaffung der Krankenversicherungspflicht für Amerikaner („Obamacare“), konnte er nur mit Mühe und Not im Repräsentantenhaus durchsetzen, obwohl seine republikanische Partei dort eine Mehrheit hat. Zudem bekommt es der Präsident mit einem Sonderermittler zu tun, der die Russland-Kontakte in Trumps Umfeld untersucht. Das alles nährt Zweifel an Trumps Potenz, die gut laufende Konjunktur weiter anzukurbeln. „Misst man den Präsidenten nicht an seiner Rhetorik, sondern an seinen Taten, kam bislang sehr wenig von ihm“, sagt Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege der Fondsgesellschaft Fidelity.

          Europa als Hort der Entspannung?

          Angesichts der Höchststände der amerikanischen Börsen setzt Starinvestor George Soros 800Millionen Dollar darauf, dass es bald zu erheblichen Verlusten kommen wird. Und zwar vor allem bei Industriekonzernen, die bislang als mögliche Nutznießer der von Trump angekündigten Steuererleichterungen und Importzölle gegolten haben.

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