14.09.2009 · Die Finanzkrise zwingt uns zum Nachdenken: Wie kompetent sind wir im Umgang mit Risiken? Anleger können mit ihnen schlecht umgehen. Doch auf Anlageberater trifft es ebenfalls zu.
Von Gerd GigerenzerDie Finanzkrise hat uns überrascht. Nun müssen wir mit ihr leben. Doch liegt in jeder Krise eine Chance: die Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, wie kompetent und ehrlich wir im Umgang mit Risiken tatsächlich sind, unabhängig von der Krise. Wir - das ist Otto Normalverbraucher einerseits und die Finanzwelt andererseits. Ich beginne mit einer Frage, die an das Versagen von Analysten anknüpft, die Risiken richtig abzuschätzen.
Sind komplexe Strategien der Geldanlage besser als die Intuition?
Harry Markowitz erhielt 1990 den Nobelpreis für seine bahnbrechenden Arbeiten zur Portfolio-Optimierung. Er befasste sich mit einem Problem, das jeder kennt, der für seinen Ruhestand spart oder mit Aktien spekuliert: Wie verteile ich mein Geld auf die verschiedenen Anlagemöglichkeiten? Markowitz wies nach, dass es ein optimales Portfolio gibt, welches die Rendite maximiert und das Risiko minimiert. Als Markowitz selbst Geld für seine Altersversorgung investierte, hat er seine nobelpreisgekrönte Optimierungsmethode angewandt - so könnte man meinen. Nein. Er hat sich auf eine einfache Intuition verlassen: Verteile dein Geld gleichmäßig auf n Alternativen. Dieses Gefühl ist als 1/n Regel bekannt, wobei n die Anzahl der Anlagemöglichkeiten ist. Bei 2 Alternativen also 50 zu 50 und so weiter. Ist das nicht naiv und töricht?
In einer Studie wurde die Optimierungsmethode von Markowitz (und ein Dutzend neuerer komplexer Strategien zur Portfolio-Optimierung) mit 1/n verglichen. Eine Aufgabe war beispielsweise, Geld auf zehn amerikanische Industriefonds zu verteilen. Die Optimierungsmethoden erhielten die Aktienkurse der vergangenen 10 Jahre, um ihre Parameter zu schätzen. Keine konnte jedoch die einfache Intuition schlagen, welche meist bessere Resultate als die komplexen Strategien erzielte.
Optimierungsmethoden haben ihre Grenzen
Wie kann weniger mehr sein? Ein Grund liegt darin, dass eine Optimierungsmethode nur dann zu optimalen Ergebnissen führen kann, wenn sie genügend Daten hat, um die Schätzfehler hinreichend klein zu halten. Zehn Jahre Daten waren zu wenig, obgleich dies mehr ist, als viele Investmentfirmen verarbeiten. Welches Zeitfenster wäre notwendig, damit die Optimierung von Markowitz zu besseren Ergebnissen führt als 1/n? Bei 50 Anlagemöglichkeiten bräuchte man Informationen über etwa 500 Jahre Aktienkurse. Das heißt, im Jahr 2500 würden sich die Berechnungen lohnen - vorausgesetzt, dass es noch die gleichen Aktien geben wird und den Aktienmarkt selbst.
Vor einiger Zeit habe ich von meiner Anlagebank eine Broschüre erhalten. Der Titel war „Mit nobelpreisgekrönter Strategie zum Anlageerfolg“. Sie begann so: „Kennen Sie Harry Markowitz? Nein. Dann sollten Sie ihn kennenlernen.“ Dann wurde mir erklärt, dass er den Nobelpreis für seine Optimierungsmethode erhalten hat und meine Bank dieser Methode jetzt folgt. Und ich wurde davor gewarnt, mich auf Intuition statt Optimierung zu verlassen. Meine Bank hat offenbar nicht verstanden, dass sie die Broschüre um 500 Jahre zu früh versandt hat.
Blindes Vertrauen in komplexe Methoden kann nicht nur im Finanzbereich unnötige Kosten und mittelmäßige Ergebnisse zur Folge haben. Meine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat allgemein gezeigt, dass mehr Information, Berechnung und Zeit nicht immer zu besseren Entscheidungen führen. Oft kann man mit einem guten Grund bessere Vorhersagen treffen als mit einem teuren statistischen Softwareprogramm. Die Frage ist: In welcher Situation lohnt sich der ganze Aufwand, und wann kommt man mit schnelleren, intuitiven Prinzipien weiter? Weniger kann mehr sein.
Wie ehrlich werden wir informiert?
Etwa 40 Prozent der drei Billionen Dollar an Hypothekendarlehen in den Vereinigten Staaten im Jahr 2006 waren Subprime oder mit einem anderen hohen Risiko behaftet. Den Extremfall bildeten sogenannte „Ninja“-Darlehen (no income, no job, no assets). Der Subprime-Markt handelte weitgehend mit unerfahrenen und uninformierten Kunden, von denen viele heute vor dem Aus stehen und Haus und Geld verloren haben. Diese Menschen sind oft von Darlehensverkäufern verführt worden, die kurzfristig Profit machten. Aber hätten sie das nicht wissen sollen?
Die meisten Leute sehen in ihrem Anlageberater jedoch jemanden, der nur ihr Interesse im Auge hat. Und wer liest Verträge schon Wort für Wort, insbesondere wenn diese nicht geschrieben wurden, um verständlich zu sein? Viele unerfahrene Opfer waren der irrigen Meinung, dass ihre Darlehen einen fixen statt einen flexiblen Zinssatz hätten. Wer hat ihnen das suggeriert?
Sehen wir uns einmal die Beziehung zwischen Otto Normalverbraucher und Finanzberater genauer an. Sie steht und fällt mit Vertrauen. Es gibt zwei Arten davon: Vertrauen in die Motivation und in die Kompetenz des Gegenübers. Motivation betrifft die Gier mancher Manager, aber auch die alltägliche Irreführung des Kunden. Zur Kundenberatung ist gut sichtbar eine Grafik aufgestellt, die den zeitlichen Verlauf eines Fonds zeigt. In welcher Bank Sie auch immer sind, die Kurve geht nach oben, während eine Vergleichskurve deutlich weniger ansteigt. Wie kann es sein, dass alle angebotenen Produkte immer besser sind? Nun, indem man einen günstigen Anfangszeitpunkt und Vergleichsstandard wählt.
Oder denken Sie an die Kampagne österreichischer Banken, die auf Plakaten mit 9 Prozent staatlicher Prämie zur Pensionsvorsorge warben. Erhalten Sie 9 Prozent von Ihrer Bank? Viele Österreicher dachten, dass es sich zu Zeiten historisch niedriger Zinssätze dabei um einen staatlich geförderten Zins von 9 Prozent handelt, wohingegen es sich in Wirklichkeit um eine einmalige Zahlung auf jeden Beitrag handelte, also der Bürger am Ende 109 Prozent seiner Einzahlungen erhält. Dieses Missverstehen wurde durch Werbung wie „Üben Sie schon einmal reich sein“ genährt. Eine Studie an der Universität Klagenfurt zeigte, dass etwa die Hälfte der Bankangestellten absichtlich oder durch eigenes Missverstehen die Kunden über dieses Produkt falsch informierten, indem sie zum Beispiel auf die Frage des Kunden, ob die Prämien wirklich Zinsen seien, mit „ja“ antworteten.
Wie kompetent sind wir im Umgang mit Risiken?
Es geht hier nicht um Bildung im klassischen Sinne, also Aristoteles im Original lesen zu können oder zu wissen, wie lange die Erde braucht, um die Sonne zu umrunden (gemäß einer Umfrage wussten etwa 40 Prozent der Amerikaner die Antwort nicht). Es geht vielmehr um Risikokompetenz, das heißt den intelligenten Umgang mit Risiken. Dazu gehört es zu wissen, welche Fragen man stellen soll, und elementare Konzepte wie Prozent, Zins oder Volatilität zu verstehen. Wenn Kunden diese Kompetenz nicht haben, können sie die Kompetenz ihrer Berater auch nicht einschätzen und müssen deren Vertrauenswürdigkeit alleine aus dem freundlichen Lächeln erschließen.
Hier ist ein Minimaltest zum Begriff „Prozent“, der angeblich das häufigste Substantiv in den deutschen Medien ist. Wollen Sie es einmal versuchen? Eine Person, die Medikament A nimmt, bekommt mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 in 1000 eine allergische Reaktion. Welcher Prozentsatz von Personen, die das Medikament nehmen, werden eine allergische Reaktion haben?
Es geht also darum, 1 in 1000 in Prozent auszudrücken. In einer repräsentativen Stichprobe von 450 Amerikanern konnten lediglich 25 Prozent die richtige Antwort finden (0,1 Prozent). Selbst unter Experten, hier Ärzten, waren es nur 75 Prozent. Da Nutzen und Schaden von medizinischen Behandlungen meist in Prozentzahlen ausgedrückt werden, kann man sich vorstellen, wie gut die anderen 25 Prozent der Ärzte ihre Patienten informieren können.
Aber in Deutschland weiß doch so gut wie jeder Bescheid, nicht wahr? In einem vergleichbaren Test mit 520 repräsentativ ausgewählten Deutschen gaben 46 Prozent die richtige Antwort. Das ist besser als in Amerika, aber mehr als die Hälfte der Deutschen kann selbst diese einfache Aufgabe nicht bewältigen. Ich habe selbst etwa 1000 Ärzte im Umgang mit Risiken trainiert; viele verstehen die Ergebnisse der medizinischen Forschung nicht wirklich. Das liegt an der unbefriedigenden Ausbildung in statistischem Denken im Medizinstudium. Damit haben wir ein Bildungsproblem: In vielen Arzt-Patienten-Interaktionen wie auch Finanzberater-Kunden-Gesprächen wissen beide Seiten nicht genau, wovon sie sprechen.
Viele Anlageberater verstehen ihre Risikomodelle nicht
Nun, wie sieht es mit der Risikokompetenz von Finanzexperten aus? Verstehen diese immer die Zahlen, die sie uns präsentieren? Ein wichtiges Maß für die Schwankungen von Aktien, Fonds und anderen Finanzmarktparametern ist deren Volatilität. In einer Studie wurden 87 Experten untersucht, meist Portfolio-Manager und professionelle Investment-Banker. Das interessante Ergebnis war, dass viele die Formel richtig hinschreiben konnten, aber diese nicht verstanden. Die meisten verwechselten Volatilität mit der absoluten mittleren Abweichung, ein Fehler, der zur Unterschätzung des Ausmaßes der Schwankung und damit des Risikos führt. Nur 3 der 87 Experten verstanden, was Volatilität bedeutet. Anschließende Interviews zeigten, dass wenige in der Lage waren, ihre Fehler zu verstehen, selbst wenn ihnen diese erklärt wurden.
Fassen wir zusammen: Blinder Glaube an komplexe Anlagestrategien, irreführende Information und kaum vorhandene Risikokompetenz - dies sind drei Probleme, die wir angehen müssen. Ich denke, wir sollten der nächsten Generation die Grundbegriffe wirtschaftlichen und statistischen Denkens schon in der Schule beibringen. Die Finanzkrise wird nicht die letzte Überraschung des 21. Jahrhunderts für uns und unsere Kinder sein. Risikokompetenz ist der beste Schutz gegen Krisen, die wir noch nicht kennen.
Herzlichen Grlückwunsch!
Hermann H. (hermann.12)
- 14.09.2009, 14:26 Uhr
Mathe ist also doch das wichtigste Schulfach...
Sebastian Seyfert (sejose)
- 14.09.2009, 15:23 Uhr
Mathematik ist uncool!
Christian Treczoks (treczoks)
- 14.09.2009, 16:07 Uhr
Risikogefühl
Kurt Michler (Kurt.Michler)
- 14.09.2009, 20:46 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |