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Im Gespräch: Byron Wien, Stratege von Blackstone „Die Börsen sind zu weit vorausgelaufen“

29.01.2010 ·  Amerikanische und europäische Aktien bieten vorerst kaum Kurspotential, japanische Aktien dagegen seien interessant, erklärt Byron Wien von Blackstone. Er setzt taktisch auf den Dollar. Und die Volcker-Regel sei eine gute Idee.

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Die amerikanischen und europäischen Aktienmärkte bieten im laufenden Jahr nur wenig Kurspotential, sagt Byron Wien von Blackstone. Dagegen hält er japanische Aktien für interessant und setzt taktisch auf den Dollar. Obamas versuch einer stärkeren Regulierung der Banken sei ein Schritt in die richtige Richtung.

Wien ist bei der Beteiligungs- und Vermögensverwaltungsgesellschaft Blackstone für die Beobachtung und Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung und der Finanzmärkte verantwortlich. Es war früher in derselben Funktion bei Morgan Stanley und dem Hedge-Fund Pequot Capital Management tätig.

Wie beurteilen Sie die von Präsident Obama kürzlich verkündete Regel zur stärkeren Regulierung der Banken?

Ich halte sie für eine sehr gute Idee. Sie führt in die richtige Richtung. Allerdings geht sie etwas weiter, als ich persönlich es für richtig halten würde. Sollten Banken wieder zu Banken im traditionellen Sinne gemacht werden, indem sie auf Eigenhandel und Leverage verzichten müssten, kehrten wir praktisch zurück in die Sechziger Jahre. Das mag zunächst sinnvoll klingen, allerdings haben sich die Zeiten im Finanzbereich inzwischen geändert.

Inwiefern?

Die Banken sind heutzutage komplexer und vernetzter als damals. Das heißt, sie wären empfindlich für eine zu strikte Regulierung. Sie müssen in der Lage sein, ihre Wechselkurs-, Zins- und anderen Risiken absichern zu können. Auf der anderen Seite sind die Investmentbanken in der Realität ein Teil des so genannten „Schattenbankensystem“. Es gibt zwar schon genug Gesetze und Regeln, die das hätten verhindern können. Allerdings wurden sie nicht angewandt.

Was würden Sie tun?

Ich würde zunächst einmal den Verschuldungsgrad der Banken auf 12 oder 15 zu 1 begrenzen. Faktisch war die Finanzkrise doch nur bedingt auf die Größe und die Kapitalausstattung der Finanzinstitute zurückzuführen, vielmehr auf die Entwicklung am Immobilienmarkt und die Qualität der Schuldner dort. Das muss sich ändern. Außerdem sollten die Konsumenten vor überhöhten Zinsen und Belastungen im Kreditkartengeschäft geschützt werden.

Was halten Sie von der Diskussion über Bonuszahlungen?

Viele denken, die Regierungen beziehungsweise die Öffentlichkeit würden davon profitieren, wenn Managergehälter und Boni stärker besteuert oder gar beschränkt würden. Das jedoch ist falsch, denn gewinnen würden in erster Linie die Aktionäre und die Anleihegläubiger der Unternehmen.

Was ist mit dem Derivatemarkt, der in den vergangenen Jahren gewaltige Dimensionen angenommen und sich so stark von der Realwirtschaft entfernt hat?

Ja, dieser Bereich ist in den vergangenen 20 Jahren außerordentlich stark gewachsen. Ich denke, er muss deutlich transparenter werden. Es sollte erkennbar sein, wie die Produkte bewertet werden und mit welchen Gebühren die Transaktionen verknüpft sind. Das erreichte man am besten, wenn die Produkte an Börsen gehandelt werden würden.

Wie schätzen Sie die Lage an den Finanzmärkten ein?

Ich denke, die Börsen sind den Fakten weit vorausgelaufen. Das zeigt sich daran, dass sich der S&P 500 in den vergangenen Wochen mehr als eine Standardabweichung vom langfristigen Trend nach oben entfernt hatte. Die Aktienmärkte in Europa und den Vereinigten Staaten und dürften im laufenden Jahr nicht viel hergeben. Und das, obwohl sich die amerikanische Wirtschaft wahrscheinlich stärker entwickeln wird als allgemein erwartet und obwohl die Unternehmensgewinne positiv überraschen werden. Ich bin auch optimistisch für die Schwellenländer. China hat sich in positivem Sinne abgekoppelt. Seine Exportwirtschaft bleibt stark.

Wie positionieren Sie sich als Anleger?

Ich würde fünf Prozent der Mittel in Gold investieren, um mich gegen die Schwäche von Papierwährungen und inflationäre Tendenzen zu schützen. Aktien in Europa und den Vereinigten Staaten werden untergewichtet. Dagegen sind japanische Anteilsscheine interessant, da der Pessimismus ausgeprägt ist und die konjunkturelle Entwicklung Japans unterschätzt wird. Am Devisenmarkt werden Yen und Euro fallen, dagegen wird der Dollar auf Sicht weiter zulegen.

Wieso?

Der Euro ist gemessen an der Kaufkraftparität zu teuer. Zudem spürt er im Moment die strukturellen Schwächen der Eurozone. Allerdings wird sie kaum auseinanderbrechen. Immerhin bietet sie starke Vorteile. Dagegen wird die amerikanische Zentralbank die Zinsen schon im laufenden Jahr erhöhen müssen, um die Carry Trades zu stoppen. Der amerikanische Leitzins wird Ende des Jahres bei zwei Prozent liegen. Das kann die amerikanische Währung in nächster Zeit unabhängig von den langfristigen Aussichten beflügeln.

Wie können Sie so optimistisch sein für die amerikanische Wirtschaft? Die Verbraucher sind überschuldet, die Verbindlichkeiten des Staates nehmen rasant zu und die Konjunktur hängt an den Staatsausgaben.

Ja, aber die geplanten Stimulusprogramme wurden bisher erst zu 38 Prozent umgesetzt, der Rest wird in der Zukunft wirksam. Die Exportnachfrage, der Lagerhaltungszyklus und Technologieinvestitionen sorgen für Impulse. Auch die Märkte für Wohn- und Gewerbeimmobilien scheinen langsam ihre Böden zu finden. Selbst der Arbeitsmarkt dürfte sich erholen, wenn auch nur sehr langsam und unterdurchschnittlich im Vergleich mit der Vergangenheit.

Die Verschuldung ist weniger ein Problem, als vielmehr der Schulddienst und die Bedienung zu großzügig verteilter Anwartschaften. Hier muss es zu Anpassungen kommen. Manche Branchen werden jedoch kaum zu alter Größe zurückkehren, zum Beispiel der Automobilsektor und die Fertigungswirtschaft. In der Energiebranche, im Gesundheitswesen, bei Technologieunternehmen und nicht zuletzt auch in der Werkstofftechnik sollten die Geschäfte jedoch gut laufen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

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