Home
http://www.faz.net/-gw7-70p8b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Blick auf den Finanzmarkt Deutsche Aktien nach Wahl in Griechenland fester

 ·  Nach dem Wahlsieg der konservativen Kräfte in Griechenland tendieren die deutschen Aktien fester. Anfängliche höher Kursaufschläge reduzierten sich aber rasch.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Die Erleichterung über den Wahlsieg der Euro-Befürworter in Griechenland hat dem deutschen Aktienmarkt einen freundlichen Wochenauftakt beschert. Der Dax steigt um 0,9 Prozent auf 6288 Punkte. Der marktbreite FAZ-Index gewinnt 1 Prozent auf 1364 Zähler. „Kurzfristig ist ein Euro-Ausstieg Griechenlands weniger wahrscheinlich geworden“, sagt ein Börsianer. Nach Auszählung fast aller Stimmen kommt die Neo Dimokratia auf 29,7 Prozent. Zusammen mit der sozialistischen Pasok-Partei, die auf 12,3 Prozent kommt, würde sie über eine Mehrheit von 162 Mandaten im 300 Sitze zählenden Parlament verfügen. Sozialisten-Chef Evangelos Venizelos schlug allerdings die Bildung einer möglichst breiten Regierung vor, die die Radikallinken bereits als lächerlich bezeichneten. Die Devisenexperten der Commerzbank befürchten abermals schwierige Koalitionsverhandlungen und sehen auch im moderaten Euro-Anstieg eine „enttäuschende Marktreaktion“.

Der Kurs von Thyssen-Krupp steigt um 2,75 Prozent. Der brasilianische Stahlkonzern CSN will möglicherweise das Stahlwerk in Brasilien übernehmen. Ein Händler sagt: „Das dürfte gut für die Stimmung sein, auch wenn CSN noch weit von einem konkreten Angebot entfernt ist.“ Auch der Rohstoffkonzern Vale soll Interesse an der Anlage haben. Die Anlage in Brasilien hat sich gemeinsam mit einem ebenfalls neu eröffneten Werk in den Vereinigten Staaten als Milliardengrab erwiesen.

Banken und Versicherer folgten zunächst dem starken europäischen Trend. Papiere der Commerzbank gewinnen mittlerweile aber nur noch 0,8 Prozent, Deutsche Bank 1,1 Prozent. Nach einem Medienbericht liegen Deutsche Post nur 0,2 Prozent im Plus. Die KfW habe sich demnach an Investmentbanken gewandt mit dem Ziel, sich von mindestens 30,5 Prozent ihres Anteils am Logistikkonzern zu trennen. Dies sei aus mit der Sache vertrauten Kreisen durchgesickert. Einen offiziellen Auftrag an die Investmentbanken gebe es aber noch nicht. Ein Börsianer rechnete bereits mit einer unterdurchschnittlichen Kursentwicklung. Von der KfW wurden die Spekulationen nicht kommentiert.

Kräftige Verluste am Anleihenmarkt

Die deutschen Staatsanleihen haben am Montag mit kräftigen Verlusten auf die Ergebnisse der griechischen Parlamentswahlen reagiert. Auch die sehr festen asiatischen Aktienmärkte hätten Druck ausgeübt, hieß es aus dem Handel. Der richtungweisende Terminkontrakt auf die zehnjährige Bundesanleihe, der Bund-Future, verliert 66 Basispunkte auf 141,63 Prozent, der kürzer laufende Bobl-Future 19 Basispunkte auf 126,18 Prozent.

Skepsis für den Euro bleibt auch nach der Wahl in Griechenland

Devisenmarktexperten trauen dem Europa nach dem Wahlsieg der dem Sparpaket konstruktiv gegenüberstehenden politischen Kräfte in Griechenland nur eine kurzlebige Erholung zu. Niveaus von über 1,27 Dollar sollten insofern zu Verkäufen genutzt erden, rät Fabian Eliasson, Devisenexperte von Mizuho in New York. Zeichen für einen weiter zulegenden Euro sieht er in dem Anstieg nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses nicht. Die grundlegenden Probleme Griechenlands wie der Schuldenberg seien damit nicht aus der Welt.

Auch RBC-Devisenstrategin Sue Trinh sieht die Situation für den Euro nach der Wahl als nicht geklärt an. Dass der Euro seine Höchststände bereits wieder hinter sich gelassen habe, sieht sie als Indiz dafür, dass die Situation in Griechenland die Stimmung noch weiter belasten dürfte.

Paresh Upadhyaya von Pioneer Investments schlägt in die gleiche Kerbe. „Die Erwartung jetzt ist, dass es eine Koalitionsregierung geben wird und dass die Verhandlungen schwierig werden. Damit besteht für den Euro eher ein Risiko nach unten“. Der Experte sieht den Euro im kommenden Monat bis auf 1,24 Dollar fallen, belastet von den Problemen in Spanien und der schwachen Konjunktur in Europa.

Aktuell kostet der Euro 1,2685 Dollar nach 1,2640 am Freitag in New York. Im Tageshoch hatte er im asiatisch dominierten Geschäft am Montag schon 1,2748 Dollar erreicht.

Asiatische Märkte reagieren erleichtert auf Wahlen in Griechenland

Mit einer kleinen Erleichterungsrally reagieren die Finanzmärkte in Ostasien am Montag auf das Wahlergebnis in Griechenland. Der knappe Sieg der politischen Kräfte, die dem Rettungspaket der internationalen Gläubiger konstruktiv gegenüberstehen, nährt die Hoffnung, dass ein Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone und damit die negativen Folgen für die Währungsgemeinschaft erst einmal vom Tisch sind. Die Indizes an den Börsen der Region legen um bis zu 2 Prozent zu, die Futures auf die amerikanischen Aktien-Indizes liegen etwa 0,5 Prozent im Plus.

Der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte WTI steigt von 84 auf knapp 85 Dollar. In Japan gewinnt der Nikkei-Index 1,8 Prozent auf 8.720 Punkte und notiert damit auf dem höchsten Stand seit einem Monat. In Sydney klettert der S&P/ASX-200 um rund 1,5 Prozent und der Kospi in Südkorea macht 2,1 Prozent gut. Lediglich in Schanghai fällt das Plus mit 0,4 Prozent deutlich moderater aus.

„Ich bin überrascht, dass der Markt nicht stärkere Ausschläge zeigt“, sagt Paul Mackel, Devisenexperte in Asien für HSBC. „Ich sehe immer noch Raum für Enttäuschungen. Das ist ein kleiner Lichtblick, der aber schnell wieder erlöschen kann“, bemerkt er mit Blick auf die nun anstehende Bildung einer stabilen Regierung in Griechenland, die abermals schwierig werden dürfte. So haben die Parteichefs der dem Rettungsprogramm positiv gegenüberstehenden Parteien, insbesondere Angelos Venizelos von den Sozialdemokraten, bereits angekündigt, eine Koalition der nationalen Einheit anzustreben. Dazu müsste aber die radikale Linke Syriza-Partei, die klar gesagt hat, die Sparauflagen nicht erfüllen zu wollen, mit ins Boot geholt werden.

Daneben dürfte die sich verschärfende Schuldensituation Spaniens schnell wieder das beherrschende Thema an den Finanzmärkten werden, so Mackel weiter. „Das ’Worst-Case-Szenario’ wäre, wenn die Nea Dimokratia eine Minderheitsregierung bilden müsste, was
sicher neue Unsicherheit zur Folge hätte“, sagt UBS-Devisenstratege Geoffrey Yu. Wichtig werde nun auch zu sehen, was vom G-20-Gipfel in Mexiko komme und welche Entscheidungen die amerikanische Notenbank im Wochenverlauf treffen werde. Darüber hinaus richte sich der Blick bereits auf den EU-Gipfel Ende Juni.

„Solange bis wir wissen, was die Staatschefs in Europa auf dem Gipfel Ende des Monats beschließen, um breite Fortschritte hin zu einer besser funktionierenden monetären Union zu erzielen, bleiben die Abwärtsrisiken bestehen“, warnt auch John Horner von der Deutschen Bank.

Nachbörsliche Kurse und Meldungen aus Amerika

Gut behauptet präsentierten sich die Aktienkurse im nachbörslichen amerikanischen Handel am Freitag im Vergleich zum regulären Geschäft. Der Nasdaq After Hours Indicator stieg um 0,19 Punkte auf 2571,42 Zähler.

Hoffnung auf Notenbank-Intervention hilft Wall Street

Die Aussicht auf eine konzertierte Aktion der wichtigsten Zentralbanken nach der Wahl in Griechenland hat am Freitag zu Kursgewinnen an der Wall Street geführt. Für einen Dämpfer sorgten allerdings enttäuschende Zahlen von der amerikanischen Konjunktur. Zudem bleibt die Sorge um spanische Banken. Aus Kreisen der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer war am Donnerstag verlautet worden, dass die Notenbanken die Finanzmärkte notfalls stabilisieren und eine Kreditklemme verhindern würden.

Der Dow-Jones-Index der 30 Standardwerte stieg am Freitag um 0,9 Prozent auf 12.767 Punkte, der S&P 500 um ein Prozent auf 1342 Stellen. Der Index der Technologiebörse Nasdaq legte sogar um 1,3 Prozent auf 2872 Zähler zu. Börsianer bezeichneten die Gewinne als nicht nachhaltig, da sich viele Anleger wegen der Wahl nicht aus der Deckung wagten. „Leider sind die Märkte und politischen Entscheidungsträger so sehr von geldpolitischen Lösungen entzückt, dass sie vergessen haben, wie die Dinge eigentlich funktionieren sollen“, kritisierte der Derivateexperte Peter Cecchini von Cantor Fitzgerald. Wichtig seien Innovationen und eine wachsende Produktivität.

Zur Enttäuschung der Börsianer belegten neue Daten die Schwäche der amerikanischen Wirtschaft. Die Industrie im Staat New York verlor im Juni deutlich an Fahrt: Der Index für das Verarbeitende Gewerbe sank unerwartet kräftig auf den tiefsten Stand seit November. Auch die Industrieproduktion im gesamten Land ging überraschend etwas zurück. Einige Investoren gegen davon aus, dass die enttäuschenden Konjunkturdaten die amerikanische Notenbank dazu bewegen könnte, in der kommenden Woche eine lockere Geldpolitik zu signalisieren. Die Federal Reserve wird am Mittwoch nach einem zweitägigen Treffen
ihre Politik erklären.

Unter den Einzelwerten stand der Softwarekonzern Microsoft im Interesse der Anleger. Das Unternehmen will nach einem Bericht des „Wall Street Journals“ die Internetfirma Yammer für 1,2 Milliarden Dollar kaufen. Die Microsoft-Aktien stiegen um 2,3 Prozent.

Im Kampf gegen eine feindliche Übernahme durch den britischen Pharmariesen Glaxo-Smith-Kline drängt das Biotech-Unternehmen Human Genome andere Interessenten zu einem Gegengebot und legte hierfür eine Frist fest. Die Aktien von Human Genome legten
0,7 Prozent zu. Weniger positiv reagierte der Markt dagegen auf einen Führungswechsel beim Baby-Nahrungshersteller Mead Johnson - die Titel gaben um 0,5 Prozent nach, nachdem der Konzernchef seinen Rückzug ankündigte.

Deutlich nach oben ging es mit Papieren des angeschlagenen Lastwagenherstellers Navistar : Sie verteuerten sich um 7,6 Prozent. Die Investmentfirma MHR Fund Management hatte bekanntgeben, einen Anteil in Höhe von 13,6 Prozent des Unternehmens gekauft zu haben. Die Aktie war schon in der vergangenen Woche gefragt, als Fiat Industrial sein Interesse bekundete. Einem Zeitungsbericht zufolge soll auch Volkswagen einen Einstieg prüfen.

Quelle: FAZ.NET, dpa-AFX, Reuters, dpa, AP, AFP, Bloomberg, Dow Jones
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen
Finanzmärkte aktuell
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --
Wertpapiersuche