Belastet von einem neuen Höhepunkt der Finanzkrise ist der deutsche Aktienmarkt am Montag sehr schwach gestartet. Der Leitindex Dax bricht um 2,9 Prozent auf 6.053 Punkte ein. Auf diese Weise rückt laut Händlern das Jahrestief bei 5.999 Punkten in den Fokus. Aus technischer Sicht werde es spannend, ob diese Marke gehalten wird. Der MDax verliert 3,1 Prozent auf 7862 Zähler, der TecDax steht 3,2 Prozent bei 740 Punkten im Minus.
„Auf der Nachrichtenseite ist sehr viel los, es wird ein extrem spannender Handelstag und eine spannende Woche“, sagt ein Händler am Morgen. Aus den Vereinigten Staaten überschlugen sich die Nachrichten um die angeschlagenen Finanzunternehmen: Lehman Brothers beantragte Gläubigerschutz nach Kapitel 11 und die ebenfalls angeschlagene amerikanische Investmentbank Merrill Lynch wird von der Bank of America übernommen.
Der durch die Kreditkrise schwer getroffene größte amerikanische Versicherer American International Group (AIG) steht ebenfalls vor harten Einschnitten. Es bleibe abzuwarten, wie sich die Lage im amerikanischen Finanzsystem und bei den weltweiten Banken weiter entwickele und wie die Notenbanken gegebenenfalls reagierten, sagte der Börsianer.
Hausse am Rentenmarkt
Angesichts der Hiobsbotschaften aus dem Finanzsektor sind die deutschen Renten-Futures mit kräftigen Aufschlägen in die neue Woche gestartet. „Der Markt spielt das Thema einer Leitzinssenkung durch die amerikanischen Notenbank“, sagt ein Händler. Der Dezember-Kontrakt auf den Bund steigt um 153 Basispunkte auf 115,47 Prozent, der Bobl-Future zieht um 103 Basispunkte auf 109,92 Prozent an.
Vor dem Hintergrund der Entwicklungen im amerikanischen Finanzsystem am Wochenende dürften die am Nachmittag erwarteten amerikanischen Konjunkturdaten in den Hintergrund treten und kaum Auswirkungen auf die Rentenmärkte haben. Auf der Agenda stehen unter anderem die Industrieproduktion und die Kapazitätsauslastung für August. Darüber hinaus wird der Empire-State-Manufacturing-Index für September erwartet.
Aus charttechnischer Perspektive trifft der Bund-Future nunmehr im Bereich von 115,50 Prozent auf Widerstand, unterstützt ist er auf dem Niveau von 114,25 Prozent
Drohendes Aus von Lehman treibt Euro zeitweise über 1,44 Dollar
Das drohende Aus der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers hat den Euro in der Nacht zum Montag zeitweise über die Marke von 1,44 amerikanischen Dollar getrieben. Die europäische Gemeinschaftswährung büßte im frühen Handel allerdings mit 1,4377 Dollar einen Teil ihrer Gewinne wieder ein. Eine Dollar war 0,6955 Euro wert. Im Vergleich zum Freitag hat der Euro damit gleichwohl um drei Cent zugelegt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Freitag auf 1,4066 (Donnerstag: 1,3934) Dollar fest gesetzt.
Lehman Brothers Holdings beantragte am Morgen Insolvenzschutz nach Kapitel 11. Die amerikanische Regierung schloss die zuvor in anderen Fällen geleisteten Staatshilfen bis zuletzt aus. Die amerikanische Notenbank kündigte bereits am Sonntagabend eine Reihe von Maßnahmen zur Stützung der Finanzmärkte an. Damit sollten die „möglichen Risiken und Störungen der Finanzmärkte“ abgefedert werden, sagte Notenbank-Chef Ben Bernanke.
Turbulenzen in amerikanischen Finanzsektor belasten asiatische Börsen
Die jüngsten Turbulenzen in der amerikanischen Finanzwirtschaft haben sich teils deutlich auf die asiatischen Börsen niedergeschlagen. In Indien fiel der Sensex in Bombay bis zum frühen Morgen 4,66 Prozent auf 13.345,51 Punkte. Händler waren sich uneins, ob die Talsohle der Finanzkrise nun erreicht sei, hieß es. In Australien fiel der S&P/ASX 200 Index um 2,03 Prozent 4.804.3 Punkte. Die Anleger warteten erst einmal ab, wie die amerikanischen Börsen auf die jüngsten Nachrichten reagierten und hielten sich derweil mit dem Handeln zurück, lautete die Begründung für den vergleichsweise geringen Ausschlag. In Japan sind die Börsen wegen eines Feiertags geschlossen.
Ölpreis sinkt deutlich unter 100 Dollar
Der Ölpreis ist am Montag deutlich unter die Marke von 100 Dollar gesunken. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Auslieferung im Oktober sackte im asiatischen Handel auf 99,02 Dollar ab - das sind 2,16 Dollar weniger als zum Handelsschluss am Freitag. Zum Wochenschluss war der amerikanischen Ölpreis kurzzeitig erstmals seit Anfang April vorübergehend wieder unter 100 Dollar gefallen. Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent zur Auslieferung im Oktober sank am Montag um 1,59 Dollar auf 95,99 Punkte.
Händler führten den deutlichen Rückgang auf geringer als befürchtet ausgefallene Schäden durch den Hurrikan „Ike“ an den Öleinrichtungen in Texas zurück. Darüber hinaus belaste die jüngste Zuspitzung der Finanzkrise die Ölmärkte.
AIG mit Kapitalnöten nachbörslich unter Druck
American International standen am Freitag im nachbörslichen Handel weiter unter Abgabedruck. Hier lastete die Sorge über die Chancen, Kapital aufnehmen zu können. Die Aktie verlor 2,1 Prozent auf 11,88 Dollar. Abschläge verbuchten auch Pharmanet, nachdem ein Analyst von Jefferies darauf hingewiesen hatte, dass das Unternehmen fundamentale Probleme habe und auf Jahressicht einen Verlust erwarte. Die Aktie fiel um 7 Prozent auf 10,47 Dollar.
Merck & Co konnten dagegen zulegen, nachdem das Unternehmen für Gardasil eine erweiterte Zulassung erhalten hat. Die Aktie gewann bis 19.39 Uhr um 1,7 Prozent auf 34,39 Dollar.
Der Index Nasdaq-100 After Hours Indicator stieg um 0,12 Prozent auf 1769,27 Punkte.
Wall Street schließt uneinheitlich
Die Finanzmarktkrise war schon am Freitag das zentrale Thema an Wall Street. Die Anleger schwankten zwischen der Angst, dass noch mehr Unternehmen der Krise zum Opfer fallen könnten, und der Hoffnung, dass die schon in Schwierigkeiten geratenen gerettet würden. Auf den großen amerikanischen Indizes lastete abermals die Ungewissheit um die Zukunft der Investmentbank Lehman Brothers, die am Montag Gläubigerschutz für die Holding beantragte. Vor allem aber ein Kurseinbruch der Aktien des Versicherers AIG verhinderte, dass der Dow-Jones-Index in positives Terrain gelangte.
Gestützt wurde der Markt vom Energiesektor. Dieser profitierte von Hurrikan „Ike“, der sich der texanischen Küste nähert. Der Dow-Jones-Index für 30 Industriewerte (DJIA) fiel um 0,1 Prozent oder zwölf Punkte auf 11.422. Vorübergehend schaffte es der DJIA in positives Terrain, nachdem der Index der Universität Michigan zur Verbraucherstimmung überraschend gut ausgefallen war. Der S&P-500 gewann 0,2 Prozent oder drei Punkte auf 1.252. Der Nasdaq Composite stieg um 0,1 Prozent oder drei Punkte auf 2.261.
Tagesverlierer im DJIA waren die Aktien des Versicherungskonzerns AIG, die um 30,8 Prozent auf 12,14 Dollar einbrachen. Der Versicherer schreibe seit drei Quartalen rote Zahlen, und die Investoren seien skeptisch, ob die vom neuen Vorstandschef Robert Willumstad geplanten Maßnahmen zum Turnaround Erfolg haben würden, hieß es am Markt. Die AIG-Aktien hatten schon in den vergangenen Tagen hohe Verluste verzeichnet. Insgesamt verlor das Unternehmen in dieser Woche rund ein Drittel seines Marktwerts.
Lehman Brothers, die die ganze Woche hindurch stetig unter Druck gestanden hatten, verloren am Freitag „nur“ 14 Prozent auf 3,65 Dollar. Schon Anfang der Woche hatten Spekulationen um die Finanzlage der Bank den Aktienkurs belastet. Lehman reagierte am Mittwoch auf diese Entwicklung, indem sie einige Eckdaten zum Verlauf des dritten Geschäftsquartals vorab veröffentlichte. Die Zahlen überzeugten den Markt aber ebenso wenig wie die Restrukturierungspläne des Unternehmens. Am Donnerstag hatte das „Wall Street Journal“ nach Börsenschluss berichtet, dass Lehman mit einigen potentiellen Käufern verhandele. Auf staatliche Unterstützung dürfe die Bank aber nicht hoffen, so die Zeitung unter Berufung auf informierte Personen.
Der Aktienkurs der Investmentbank Merrill Lynch büßte 12 Prozent auf 17,05 Dollar ein, nachdem Beobachter Vergleiche mit Lehman gezogen hatten. Der Einzelhandelssektor litt unter den enttäuschenden Daten zu den Umsätzen der Branche im August. Wal-Mart fielen um 1,2 Prozent auf 62,41 Dollar und Home Depot um 2,4 Prozent auf 28,80 Dollar.
Unterdessen profitierten Energiewerte von Hurrikan „Ike“, der sich der texanischen Küste nähert. Wegen des Hurrikans haben viele Raffinerien in der Region den Betrieb eingestellt. Das dadurch knappere Angebot an Benzin hat die Benzin-Futures an den Warenterminmärkten beflügelt. Der Rohölpreis erholte sich indessen nur geringfügig; hier bremste die Angst, dass die weltweite Konjunkturschwäche die Nachfrage dämpfen werde. Die Papiere der Raffineriebetreiber Tesoro und Valero stiegen um 6,0 Prozent auf 19,06 Dollar und um 8,6 Prozent auf 35,87 Dollar. Die im DJIA notierten Aktien der Ölkonzerne Chevron und Exxon Mobile legten um 1,7 Prozent auf 84,24 Dollar und um 2,6 Prozent auf 77,50 Dollar zu.
Amerikanische Anleihen im späten Handel schwach
Überraschend gute Daten zum Verbrauchervertrauen haben die amerikanischen Anleihen am Freitag belastet. Vor allem das lange Ende der Zinskurve geriet unter Druck, nachdem der von der Universität Michigan ermittelte Index des Verbrauchervertrauens im September auf einen Stand von 73,1 gestiegen war. Volkswirte hatten den Index bei 64,0 gesehen. Die Anleihen hätten ferner darunter gelitten, dass der Aktienmarkt seine Verluste im Laufe der Börsensitzung verringerte, erklärten Händler.
Bevorstehende Emissionen von Industrieanleihen hätten ebenfalls belastet: Vor der Platzierung solcher Schuldtitel verkauften die Emittenten normalerweise Staatsanleihen, um sich gegen steigende Zinsen abzusichern, hieß es. Sobald die Industrieanleihen platziert seien, würden die Staatsanleihen zurückgekauft.
Im späten New Yorker Handel sanken zehnjährige Titel mit einem Kupon von 4,00 Prozent um 20/32 auf 102-9/32 und rentierten mit 3,72 Prozent. Der mit 4,50 Prozent verzinste Longbond verlor 1-20/32 auf 103-1/32. Seine Rendite stellte sich auf 4,32 Prozent.
Unter den übrigen Konjunkturdaten wiesen die Einzelhandelsumsätze im August einen unerwarteten Rückgang um 0,3 Prozent auf. Volkswirte hatten mit einem Anstieg um 0,2 Prozent gerechnet. Die Lagerbestände waren im Juli um 1,1 Prozent gestiegen statt um 0,5 Prozent, wie Volkswirte vorhergesagt hatten. Die Erzeugerpreise waren im August mit minus 0,9 Prozent stärker gesunken als erwartet. Hier war ein Rückgang um 0,4 Prozent erwartet worden. In der Kernrate wurde ein Anstieg um 0,2 Prozent verzeichnet, der sich mit der Konsenserwartung deckte.
Die im Zusammenhang mit der Verbraucherstimmung von der Universität Michigan ermittelten Inflationserwartungen der amerikanischen Konsumenten waren gesunken. Die offenbar nachlassende Inflation sei für den Anleihemarkt positiv, merkten Beobachter an. Eine schwächere Teuerung erleichtere der amerikanischen Notenbank geldpolitische Lockerungen. An den Terminmärkten wurde zum Wochenausklang eine Chance von 34 Prozent eingepreist, dass die amerikanische Notenbank ihren Leitzins im Oktober um 25 Basispunkte senkt.
