Home
http://www.faz.net/-gvf-12j3z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zertifikatehandel Hunderttausende Karteileichen

29.05.2009 ·  Am Dienstag war es wieder einmal so weit: Mit 1.179 neuen Cap-Bonuszertifikaten versuchte das Bankhaus HSBC Trinkaus den Zertifikatemarkt zu bereichern. Von 380.000 Zertifikaten in Deutschland findet nur in wenigen Zehntausend Handel statt.

Von Daniel Mohr
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Am Dienstag war es wieder einmal so weit: Mit 1179 neuen Cap-Bonuszertifikaten versuchte das Bankhaus HSBC Trinkaus den Zertifikatemarkt zu bereichern. Allein 42 Papiere entfielen zum Beispiel auf den M-Dax-Wert Stada. Ein Einzelfall sind solche Massenemissionen nicht, an einem durchschnittlichen Handelstag kommen mehr als 2.000 neue Zertifikate auf den Markt.

Die Mehrheit der emittierten Anlagezertifikate und Hebelpapiere bleibt in ihrem Dasein jedoch ohne jegliche Handelsumsätze. Von 380.000 an der Börse Stuttgart notierten Zertifikate werden monatlich nur gut 40 000 auch wirklich gehandelt. Der große Rest von 340.000 Produkten bleibt ohne Umsatz. An der zweitgrößten deutschen Zertifikatebörse Scoach sieht es nicht anders aus: „In nur rund 15 Prozent aller Produkte findet während der Laufzeit ein Umsatz statt“, teilt der Börsenbetreiber Deutsche Börse mit. Zwar findet ein erheblicher Teil des Zertifikatehandels außerbörslich statt, die Emittenten geben jedoch unumwunden zu, dass eine ganze Menge ihrer Produkte nie einen Käufer findet.

Branche schafft bewusst ein Überangebot

„Wir wollen eine breite Range abdecken, jeder Anleger soll sich mit seinen Produktwünschen bei uns wiederfinden“, sagt Mathias Schölzel von X-Markets, dem Zertifikateanbieter der Deutschen Bank. 4.000 bis 5.000 neue Zertifikate emittiert die Deutsche Bank deshalb im Monat, also durchschnittlich mehr als 200 je Handelstag. „Das ist ein standardisierter Prozess, der weitgehend automatisch läuft.“ Da nicht nur die Deutsche Bank für jedes mögliche Marktszenario und auf möglichst viele Basiswerte Produkte anbieten möchte, sondern die Wettbewerber auch, kommt eine riesige Zahl an Produkten zustande. „Es ist wie beim Blumenhändler“, beschreibt Christian Köker von HSBC Trinkaus den Markt: „Sie müssen jeden Tag mit frischen Produkten an den Start gehen, um das Kundeninteresse zu finden und am Ende des Tages bleiben eben ein paar welke Blumen übrig.“ Die Branche schaffe daher zwar bewusst ein Überangebot, keiner der Marktteilnehmer wolle aber auf Produkte verzichten. Man wolle dem Kunden nicht sagen müssen, dass man das passende Zertifikat gerade nicht anbiete.

Für den Zertifikatekäufer ist dieses große Angebot zwar unübersichtlich, von Nachteil jedoch nicht. Da die Emittenten zum Stellen von Kursen verpflichtet sind, können auch Produkte, in denen sonst nie ein Handel stattfand, ohne Probleme oder Nachteile erworben werden. Dass eine Vielzahl von Produkten nie einen Käufer findet, stört auch in der Branche nicht. „Ein Zertifikat aufzulegen ist nicht kostenintensiv“, sagt Anouch Wilhelms von der Commerzbank. „Ob Sie nun eines oder 10 auflegen, macht aus Kostengesichtspunkten kaum einen Unterschied.“ Mit rund 90.000 Produkten bietet die Commerzbank mit Abstand die meisten Zertifikate an.

Manche Produkte verfallen sehr schnell

Viele Produkte gehen aber nicht nur in der Masse des Angebots unter, sie erledigen sich auch oftmals von selbst: „Bei Turbo-Zertifkaten legen wir bereits einen Tag vor Handelsaufnahme die Bedingungen fest“, sagt Wilhelms. „Bei starken Marktschwankungen kommt es vor, dass einzelne Zertifikate bereits zur Handelseröffnung ausgestoppt werden.“

Zahlreiche Zertifikate ergeben nur einen Sinn, wenn bestimmte Schwellen noch nicht gerissen wurden. Gerade bei hochspekulativen Papieren reichen aber bereits kleinere Marktbewegungen, um die Produkte ein für allemal unattraktiv zu machen. Die Zertifikateanbieter durchforsten deswegen immer wieder ihre Produktpalette und legen bereits durch Marktentwicklungen überholte Produkte mit neuen Konditionen wieder auf.

Die Emissionsflut wird durch eine geringe staatliche Regulierung begünstigt. Für Zertifikateanbieter ist es ausreichend, einen Basisprospekt bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungaufsicht Bafin genehmigen zu lassen. Für die Auflage der einzelnen Zertifikate werden der Bafin dann nur die jeweiligen Zertifikatsbedingungen zugesendet, ohne dass diese einer gesonderten Genehmigung bedürfen. Für Fonds hingegen - von denen es gut 6.000 in Deutschland gibt - muss für jeden ein gesonderter Verkaufsprospekt erstellt werden, dessen Prüfung im Regelfall drei bis sechs Wochen dauert.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

25.05.2012
Tops & Flops Fonds Kurs Prozent

DWS Biotech Typ O

75,52 € +31,82 %

ESPA STOCK BIOTEC (T)

167,62 € +30,20 %

Allianz Biotechnologie A (EUR)

70,37 € +23,40 %

SEB Concept Biotechnology B

41,83 € +23,39 %

M&G Japan Smaller Companies Fund A

12,29 € +22,86 %

Delta Lloyd L New Energy Fund B

3,10 € −42,94 %

Earth Exploration Fund UI (EUR R)

34,20 € −45,89 %

Craton Capital Precious Metal Fund A

180,26 $ −48,05 %

KEPLER Öko Energien (T)

35,95 € −48,35 %

LUXEMBOURG SELECTION FUND - Asian Solar & Wind Fund A1

32,40 € −61,16 %
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%