27.03.2007 · Wie in keinem zweiten Land der Welt boomt in Deutschland die Anlage in Zertifikate. Anleger können - so die Produktanbieter - mit diesen Wertpapieren von nahezu allen Markttrends profitieren. Doch halten die Emittenten dieses Versprechen ein?
Von Karl Matthäus SchmidtSchon beim Kauf von Zertifikaten sind sich viele Anleger einer grundlegenden Tatsache nicht bewusst: Im Gegensatz zu Fonds, deren Sondervermögen zu Bruchteilen den Anlegern gehört, sind Zertifikate Wertpapiere in der Rechtsform einer Schuldverschreibung. Die Bonität des Emittenten ist damit von nicht unerheblicher Bedeutung, denn im Falle der Insolvenz des Emittenten kommt kein Einlagensicherungsfonds für deren Zahlungsversprechen auf.
Zertifikate werden auf Basis von OTC-Derivaten konstruiert. Bei diesen „Over-the-Counter“-Geschäften handelt es sich um bilaterale Absprachen zwischen Banken, die oft über mehrere Zwischenstationen verlaufen. Durch ihre komplizierten, auch für Finanzprofis kaum zu durchblickenden „Baupläne“ und ihre unübersichtlichen Kostenstrukturen halten sie für Privatanleger manche negative Überraschung parat, zumal der Rückzahlungswert vom Emittenten an frei definierbare Umstände oder Ereignisse gekoppelt werden kann.
Hohe verdeckte Kosten
Über den Anlageerfolg entscheiden darüber hinaus auch die Kosten, da sie den Gesamtertrag schmälern, und das nicht selten erheblich. Doch während viele Menschen beim Kauf alltäglicher Güter dem Preisvergleich eine wichtige Rolle beimessen, nehmen sie das Thema Kosten bei der Geldanlage bislang kaum wahr. Auch bei Anlagezertifikaten, mit denen Emissionsbanken vor allem konservative Privatanleger mit längerfristigem Anlagehorizont ansprechen, sind die eingebauten Kosten oft erdrückend hoch. Anbieter solcher verbriefter Derivate erzielen mittlerweile mit Zertifikaten fast immer deutlich mehr Profit als mit Optionsscheinen.
Man kann davon ausgehen, dass die jährlichen Kosten bei Zertifikaten - je nach Produkttyp - bis zu vier Prozent erreichen. Hinzu kommen einmalige Vertriebsprovisionen, die über fünf Prozent liegen können - und von den Banken häufig nicht oder nur zum Teil ausgewiesen werden. Ganz gleich, ob entgangene Dividende wie bei Bonuszertifikaten, vorenthaltene Wechselkursgewinne wie bei Nikkei-Index-Zertifikate oder zu hohe Preise wie bei Anlagezertifikaten, eine faire Beteiligung an der Wertentwicklung lässt sich mit Zertifikaten nur mit viel Glück realisieren.
Die Anbieter von Zertifikaten stört dies jedoch wenig. Im Gegenteil: Im Vergleich zu etablierten Finanzprodukten kann im Zertifikate-Markt immer noch weitgehend ungestört von staatlicher Aufsicht oder Regulierung agiert werden. Die Zertifikate-Hersteller produzieren noch schneller als die Fondsgesellschaften was sich „prozyklisch“ verkaufen lässt, denn das Genehmigungsverfahren von der Produktidee bis zur Emission benötigt oft nur 24 Stunden.
Inzwischen gibt es Anlagezertifikate, die aktiv wie Fonds gemanagt werden, mit Ausgabeaufschlägen bis über fünf Prozent und hohen laufenden Verwaltungs- und Managementkosten. Es gibt „Dachzertifikate“, die Zertifikate kaufen, Zertifikate, die Fonds kaufen und Fonds, die Zertifikate kaufen. Unter dem Strich in der Regel mit dem gleichen Ergebnis: Die höhere Kostenbelastung für den Anleger zahlt sich in den seltensten Fällen aus.
Undurchsichtige Strukturen
Da es kaum Regularien gibt, gerät neben den Kosten auch das Chance-Risiko-Verhältnis vieler Zertifikate völlig aus den Fugen. So zum Beispiel bei Bonus-Zertifikaten, die allerdings nur versteht, wer einen Blick in die Untiefen der Finanzmathematik riskiert. Das Werbeversprechen bei Bonus-Zertifikaten lautet, bei steigenden Kursen sei der Anleger „Eins zu eins“ dabei und genauso gestellt, als ob er in den Basiswert investiert.
Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Behauptung stimmt nicht, weil der Anleger sowohl bei fallenden als auch bei steigenden Kursen um die Dividende schlechter abschneidet. Nur innerhalb der Bandbreite zwischen einer vorher definierten unteren und oberen Schwelle fährt man mit einem Bonus-Zertifikat besser, weil man die Dividendenrendite meist gegen eine höhere Bonusrendite tauscht.
Bonus-Zertifikate funktionieren nur dann, wenn man auf eine Seitwärtsbewegung der gewählten Bandbreite spekuliert und wenn diese dann auch eintritt. Sobald sich das Zertifikat außerhalb der Bandbreite bewegt, schneidet es schlechter ab. Wird der Barrierewert auch nur einmal verletzt, ist am Laufzeitende nur der nackte Basiswert (Zero-Strike Call) übrig. Und das bedeutet: Der Anleger hat auf die Rendite verzichtet.
Wer fünf Jahre auf vier Prozent Dividendenrendite verzichtet - ein realistischer Wert, wenn man die Entwicklung beispielsweise des Euro-Stoxx-50 in den vergangenen Jahren betrachtet -, verliert also 20 Prozent seiner Performance.
Und zum Schluss noch ein Hinweis für all jene, die sich Gedanken über ihren Vermögensaufbau machen: Komplizierte, schwer durchschaubare Finanzprodukte und versteckte Provisionen haben keinen Platz in einer fairen und professionellen Vermögensberatung. Sie empfiehlt transparente, einfach strukturierte Produkte, die zu den Bedürfnissen und Zielen des jeweiligen Kunden passen, und kauft sie kostengünstig an der Börse, weil dort Ausgabeaufschläge und sonstige hohe Gebühren entfallen.
Ein teurer Spass
Rolf Adam (rolfopa)
- 28.03.2007, 00:36 Uhr
Klare Worte
Norman Argubi (argubi)
- 28.03.2007, 11:46 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
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| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |