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Zertifikate Ruhigere Börse verschreckt die Spekulanten

26.07.2010 ·  Die Derivateumsätze sind angesichts weniger schwankender Kurse deutlich gefallen. Dies gilt vor allem für Optionsscheine. Denn Börsen müssen sich bewegen, damit Anleger gut spekulieren können.

Von Kerstin Papon
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Die Kursschwankungen an den Aktienmärkten haben in den vergangenen Wochen deutlich nachgelassen. Diese geringere Volatilität spiegelt sich auch am Derivate-Markt. Hier sind die Umsätze mit Hebelprodukten besonders stark gefallen, denn gerade sie sind vor allem für die Spekulation auf kurzfristige Kursbewegungen gedacht. Doch auch bei den konservativeren Anlagezertifikaten schlägt sich die ruhigere Marktlage an der Börse nieder.

Ein Maß für die Volatilität des deutschen Aktienmarktes ist der V-Dax-New. Er gibt die von Marktteilnehmern in 30 Tagen erwartete Schwankungsbreite des Dax an. Noch im Mai erreichte dieses Volatilitätsmaß, das ein Spiegel der Unsicherheit der Marktteilnehmer ist, einen Wert von bis zu 44 Prozent.

Rückläufiges Volumen der an den Börsen in Stuttgart und Frankfurt umgesetzten Derivate

Damals lasteten die Sorgen über die hochverschuldeten südeuropäischen Staaten besonders stark auf den Märkten. Im Juni ging der V-Dax-New deutlich zurück, aktuell liegt er auf rund 23 Prozent - ein historisch eher niedrigerer Wert. In der Regel gehen fallende Aktienkurse mit steigenden Volatilitäten einher, und umgekehrt. Der Dax zählte zuletzt fast 6200 Punkte.

Das Volumen der an den Börsen in Stuttgart und Frankfurt umgesetzten Anlagezertifikate und Hebelprodukte (Optionsscheine und hochriskante Knock-Outs) sank im Juni im Vergleich zum Vormonat insgesamt um rund ein Viertel auf etwa 4,4 Milliarden Euro. Dies ergibt die jüngste Marktstatistik des Deutschen Derivate Verbandes (DDV). Gleichwohl handelten die Anleger im Vergleichsmonat Mai angesichts der hohen Volatilitäten auch besonders rege. In der Regel werden Zertifikate sehr viel weniger gekauft und verkauft als riskante Hebelpapiere, deren Anlageziel es ja gerade ist, den möglichst schnellen Gewinn zu machen. Dagegen liegen fast 99 Prozent des in Derivaten investierten Geldes - Ende April waren es nach Schätzungen des DDV 106 Milliarden Euro - in Zertifikaten.

Am deutlichsten - und zwar um 40 Prozent - fielen im Juni die Handelsumsätze in Optionsscheinen. Sie sind das klassische Instrument, um auf steigende (mit Calls) oder fallende Kurse (Puts) von Aktien, Indizes oder Rohstoffen zu setzen. Durch den ihn eigenen Hebel bewegen sie sich stärker als der Basiswert. Anleger können daher mit einem vergleichsweise geringen Einsatz überproportional gewinnen, jedoch auch verlieren. Sinkende Volatilitäten wie zuletzt machen solche Wetten uninteressanter und drücken in der Tendenz zudem die Preise der Scheine. So kann es im Extremfall sein, dass Anleger zwar auf die richtige Richtung der Kurse setzen, aber dennoch verlieren.

Die Umsätze in konservativeren Anlagezertifikaten gingen dagegen nach der Statistik des DDV im Juni nur um rund 20 Prozent zurück. Besonders gefragt blieben Zertifikate, die das Kapital vollständig schützen. Hier stiegen die Handelsumsätze sogar leicht. Dagegen wurden Discount- und Bonus-Zertifikate, die das Geld nur teilweise vor Verlusten sichern, ebenfalls deutlich weniger gehandelt. Ein Grund hierfür dürften die geringeren Volatilitäten sein. Denn je stärker die Aktienkurse schwanken, desto höher können mögliche Sicherheitspuffer und Renditen bei beiden Zertifikateformen sein. Je weniger sich die Kurse bewegen, desto unattraktiver werden diese Konditionen.

Geringere Volatilitäten und saisonale Faktoren dämpfen die Umsätze

Nicht ganz in dieses Bild passt die Entwicklung bei Aktienanleihen, die sich direkt mit Discount-Zertifikaten vergleichen lassen. Ihr Handelsvolumen an den beiden Börsenplätzen Stuttgart und Frankfurt wuchs im Juni um mehr als 40 Prozent. Statt eines expliziten Risikopuffers - wie bei den Discountern - bieten sie einen hohen Zinskupon, der ebenfalls von der Höhe der Volatilitäten abhängt. "Viele Anleger wissen nicht, dass beide in ihrer Funktionsweise eigentlich identisch sind und werden durch den hohen Zinskupon gelockt", sagt Holger Bosse, Derivateexperte der Deutschen Bank. Selbst für eine Aktienanleihe auf einen defensiven Wert wie die Deutsche Telekom würde derzeit bei einen 10-prozentigen Sicherheitspuffer ein Kupon von 7 Prozent geboten. Mit der Einführung der Abgeltungssteuer im Jahr 2009 haben Aktienanleihen zudem ihren steuerlichen Nachteil verloren. Seither nimmt die Nachfrage nach ihnen zu, gleichwohl ist ihr Marktanteil nur halb so groß wie derjenige der Discounter. Zwei Drittel des in Zertifikaten investierten Geldes liegt in Produkten mit vollständigem Kapitalschutz.

Unabhängig von den geringeren Volatilitäten am Aktienmarkt drücken sicherlich auch saisonale Faktoren die Umsätze. Gemeinhin gelten die Sommermonate als eher umsatzschwach. Aktuell werden Bosse zufolge börslich und außerbörslich an einem Tag Derivate in einem Volumen von 300 bis 400 Millionen gehandelt. Im Jahresdurchschnitt seien es 1 Milliarde Euro, an einem guten Handelstag mehr als 4 Milliarden Euro. Vermutlich seien auch durch die Fußball-Weltmeisterschaft weniger Derivate umgesetzt worden.

Insgesamt zeigen sich Zertifikateemittenten mit der bisherigen Geschäftsentwicklung dieses Jahres in Deutschland aber mehr als zufrieden. Dies ergibt der erstmals erhobene Scope-Geschäftsklimaindex. An der Umfrage von Scope Analysis haben sich wichtige Zertifikate-Vertriebe und Banken beteiligt, die für 60 Prozent des Anlagevolumens in Zertifikaten stehen. Während die Berater weiterhin Kapitalschutz-Zertifikaten eine große Bedeutung zumessen, sehen dies die Banken anders. Sie verweisen auf das niedrige Zinsniveau, das sich weiterhin negativ auf die Konditionen auswirke. Einig waren sich aber beide Gruppen über den Trend hin zu Aktienanleihen.

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