27.08.2009 · Zwischen Bregenz und Eisenstadt halten die Bürger wenig von risikoreichen Geldanlagen. Erspartes wird noch immer am liebsten auf das Sparbuch gelegt.
Von Michaela Seiser, WienIm Umgang mit Geld verhalten sich die Österreicher schizophren: Beim Sparen herrscht Vorsicht; beim Verschulden hingegen Wagemut, wie die Neigung zu Fremdwährungskrediten zeigt. Traditionell legen die Bürger zumindest ein Zehntel ihres verfügbaren Einkommens auf die Seite, um einen Notgroschen zu haben. Derzeit werden im Durchschnitt je Person nach einer Erhebung der Direktbank ING Direct rund 290 Euro im Monat gespart.
Sicherheit hat eine hohe Tradition bei den Bürgern, deren Vorfahren vor und zwischen den beiden Weltkriegen durch den Währungsverfall beträchtlich an Vermögen verloren haben. Diese Erfahrung und das ungebrochene Vertrauen in einen fürsorglichen Staat dürften mitbegründen, dass sich die Österreicher risikoreichen Anlageformen nur zaghaft und erst spät angenähert haben. So sind erst weniger als 10 Prozent der Bevölkerung Aktionäre. Hingegen spielen Bargeld und Einlagen eine herausragende Rolle. Nach Darstellung der Cronos-Datenbank von Eurostat betrug deren Anteil 49,2 Prozent am Finanzvermögen der Haushalte im vergangenen Jahr, während er in den meisten anderen europäischen Ländern wesentlich unter der Marke liegt.
Vergleichsweise bedeutend für die österreichischen Haushalte sind auch festverzinsliche Wertpapiere. Ende 2007 belief sich deren Anteil am Finanzvermögen der Haushalte auf 8,2 Prozent, nur in Italien war er höher. Interessant sind für die Österreicher zudem staatlich geförderte Sparformen, wie eine prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge, steuerbegünstigte Wohnbaudarlehen und Bausparen. Nach wie vor spielt das staatliche Rentenwesen in dem bis vor zehn Jahren sozialistisch geprägten Land eine dominante Rolle, erst vergleichsweise spät wurde mit einer zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge begonnen. Die private Vorsorge ist noch stark unterentwickelt.
Sparbuch erlebt Renaissance
Seit Ausbruch der Krise hat sich die Risikoscheu verschärft. Mit der Konjunkturflaute beobachten Fachleute, dass die Österreicher verstärkt eine eiserne Reserve zu Hause, "unter der Matratze", zurückhalten. Das in der Zwischenzeit als altmodisch geltende Sparbuch erlebt eine Renaissance, aber auch Gold und Immobilien sind gefragt. Hingegen ebbt das Interesse an Wertpapieren deutlich ab. Dies bestätigt auch die Erhebung des Meinungsforschungsinstituts GfK Austria über die bevorzugten Anlageformen der Österreicher für das zweite Quartal. Entsprechend dieser Auswertung war für 52 Prozent der Bürger das Sparbuch die beliebteste Anlageform im Vergleich zu lediglich 15 Prozent im Jahr 2000.
Alexander Zeh, Finanzmarktforscher bei GfK, begründet diese Entwicklung mit der Unsicherheit der vergangenen Monate. "Man vertraut einerseits dem, was man kennt, und möchte andererseits sein Geld nicht zu lange binden. Es könnte ja bald wieder aufwärtsgehen." Das Sparbuch hat sich diesen Daten zufolge in den zurückliegenden acht Jahren in der Beliebtheit fast vervierfacht; damit entscheiden sich die Österreicher für die Strategie Abwarten und parken ihr Geld am täglich fälligen Sparbuch selbst bei unattraktiven Zinsen.
Insgesamt gibt es 24 Millionen Sparbücher im Land. Auf einem Großteil davon finden sich Beträge bis zu 10 000 Euro. Viele davon stammen noch aus der Zeit, als es möglich war, anonym Geld anzulegen. Erst auf Druck der Geldwäschebehörde FATF hatte Österreich seinerzeit seine Sparbuch-Anonymität aufgeben müssen. Lange und letztlich vergebens hatten die Österreicher gegenüber der FATF argumentiert, dass sich das kleine österreichische Sparbuch nicht zur Geldwäsche eignen würde: Seit November 2000 herrscht Legitimationspflicht - beim Abheben wie auch bei der Einzahlung müssen sich Sparer nun am Bankschalter ausweisen. Das auf diese Weise Ersparte wird mit einer Kapitalertragsteuer von 25 Prozent endbesteuert, so dass hier auch der Fiskus nicht zu kurz kommt.
Zwei Drittel der Bürger sind Eigentümer
Parallel zum gestiegenen Interesse an Gold setzen die Österreicher verstärkt auf Investitionen in Haus, Wohnung, Grund und Boden. Schon jetzt sind zwei Drittel der Bürger Eigentümer der vier Wände, in denen sie leben. Vor allem der Nachhaltigkeitseffekt spielt hier aus Sicht von GfK eine große Rolle.
In ihrem Reiseverhalten haben sich die Österreicher trotz Konjunkturflaute kaum einschüchtern lassen - allerdings ist hier eine deutliche Spargesinnung erkennbar. Die Urlauber vergleichen verstärkt die Preise und bevorzugen Länder, in denen der Euro einen höheren Wert hat. Obwohl die Österreicher im Vergleich zum vergangenen Jahr mehr knausern und im Durchschnitt um 93 Euro je Haushalt weniger ausgeben, liegen sie mit einem durchschnittlichen Urlaubsbudget von 2333 Euro an der europäischen Spitze, geht aus einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Ipsos im Auftrag der Marketingagentur Europ Assistance hervor. Das Durchschnittsbudget, das europäische Konsumenten in diesem Jahr für ihren Urlaub einplanen, liegt bei 2066 Euro.
Hingegen wirkt sich die Rezession mittlerweile auf die österreichischen Autofahrer aus. Kürzere Strecken werden vermehrt mit dem Rad oder zu Fuß zurückgelegt, Diskonttankstellen erfreuen sich steigenden Zuspruchs. Im ersten Halbjahr wurde nach Berechnungen des Verkehrsclubs Österreich um 2,5 Prozent weniger getankt als im Vorjahr. Kraftstoffsparendes Fahren gilt als besonders vorteilhaft. Sieben von zehn Autofahrern versuchen durch "Gleiten statt Hetzen" das Budget für ihr Auto zu entlasten.
Ein geändertes Verhalten zeigt sich auch in den eigenen vier Wänden: Rund ein Viertel der Österreicher renovieren oder sanieren derzeit oder in den kommenden zwei bis drei Jahren ihr Zuhause. Damit wollen sie nach einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Imas in erster Linie die Wohnkosten senken. "Geld in angreifbare Werte zu stecken ist derzeit sicher ein Trend", stimmen Fachleute überein.
Traditionell konservative Anlagestrategie
Österreich zählt zu den reichsten Ländern der Welt. Die Wohlhabenden sind auch dort seit Ausbruch der Krise im vergangenen Herbst ärmer geworden. Doch haben die Österreicher dabei deutlich weniger verloren als der europäische Durchschnitt. Während sich das Finanzvermögen in Europa von 7,6 Billionen Euro um 22 Prozent verringerte, schrumpfte es in Österreich nach Schätzung von Booz & Company um nur etwa 8,5 Prozent auf 119 Milliarden Euro.
Dass in Österreich viel weniger Geld verloren worden ist, liege an der traditionell konservativen Anlagestrategie in der Alpenrepublik, begründet der Leiter der Abteilung Private Banking in der Wiener Erste Bank, Wolfgang Traindl. Wohlhabende setzen bei ihrer Anlagestrategie derzeit fast ausschließlich auf das Segment "Heimat" und "Bekanntes". Zu seinen Kunden zählen sogenannte Reiche mit einem frei verfügbaren Geldvermögen ab 300 000 Euro, Haus und Eigentumswohnung fließen in diese Betrachtung also nicht ein. Davon gibt es in Österreich rund 70 000 bis 80 000 Personen, was rund einem Prozent der Bevölkerung entspricht.
Gleichzeitig gibt es rund eine Million Österreicher, die gefährdet sind, in die Armut abzurutschen. Als armutsgefährdet gilt nach EU-Definition, wer monatlich weniger als 60 Prozent des Nettomedianeinkommens zur Verfügung hat. Die Schwelle liegt damit in Österreich derzeit bei 912 Euro für einen Einpersonenhaushalt. Mit dieser Armutsgefährdungsquote lag Österreich deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 16 Prozent.
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |