23.09.2009 · Eine hohe Sparrate schützt die Franzosen vor den Folgen der Finanzkrise. Wie die Deutschen bevorzugen sie Immobilien. Aus Aktien sind sie vor Jahren ausgestiegen. Ökonomen kritisieren eine Steuerpolitik, die das Sparvermögen zum Spielball der Politik macht.
Von Christian Schubert, ParisDie Franzosen zählen zu den eifrigsten Sparern Europas. Vor der Finanzkrise ging das Präsident Nicolas Sarkozy sogar zu weit, so dass er eine französische Art von Subprime-Krediten ins Leben rufen wollte. Er forderte, dass Immobilieneigentümer ganz leicht ihre Häuser und Wohnungen für andere Ausgaben zusätzlich beleihen dürfen - eine „wiederaufladbare Hypothek“, wie er es nannte.
Das Dummgeschwätz von gestern
In seinem Wahlprogramm 2007 schrieb der spätere Präsident: „Die französischen Haushalte haben heute in Europa die geringste Verschuldung. Doch eine Volkswirtschaft, die sich nicht ausreichend verschuldet, ist eine Volkswirtschaft, die nicht an die Zukunft und an ihre Stärken glaubt . . . Daher muss das System der Hypothekendarlehen reformiert werden . . . Wenn der Zugang zu Hypothekendarlehen leichter wäre, dann würden sich die Banken weniger auf die Fähigkeiten der Kunden zur Tilgung konzentrieren. Stattdessen würden sie auf die mit Hypotheken belasteten Objekte mehr Kredite ausgeben . . . Man muss den Banken Anreize geben, dass sie Kredite an alle vergeben und nicht nur an die Wohlhabenden.“
Eineinhalb Jahre später - Lehman Brothers ist inzwischen insolvent - spricht Sarkozy ganz anders. In seiner programmatischen Rede Ende September in Toulon sagte er: „Man hat die Banken auf den Märkten spielen lassen, anstatt dass sie Ersparnisse für die wirtschaftliche Entwicklung mobilisieren und dabei die Kreditrisiken richtig analysieren.“
Vor allem Immobilien
Auch einem Präsidenten muss freilich das Recht zugestanden werden, hinzuzulernen. Von den „wiederaufladbaren Hypotheken“ spricht in Frankreich heute niemand mehr. Bis sie möglich wurden, stiegen die Zinsen schon wieder, außerdem wurde ihre Benutzung durch etliche Vorschriften eingeengt. So diskutieren die Franzosen ihre hohe Sparrate heute weniger kontrovers als vor der Krise, zumal der Konsum der privaten Haushalte schon seit langem eine Stütze der französischen Wirtschaft ist - in viel höherem Maße als in Deutschland.
Ein Großteil der französischen Ersparnisse steckt in schwer beweglichen Anlagen: Zwei Drittel des Sparvermögens bestehen aus Immobilien. Der Anteil der Finanzanlagen ist seit seinem Höhepunkt Ende der neunziger Jahre von rund 45 Prozent auf ein Drittel gefallen. Dafür waren die Enttäuschungen nach dem Platzen der Internet-Blase verantwortlich sowie der kräftige Preisanstieg für Häuser und Wohnungen.
Weil sie wenig in Aktien investiert sind, haben die Franzosen auch die Kursverluste des vergangenen Jahres weniger hart getroffen als andere. Ihre Ersparnisse bewegen sich auf einer beeindruckenden Höhe: Ende 2008 beliefen sie sich auf 10.500 Milliarden Euro, der Immobilienbesitz eingeschlossen. Das entspricht dem 5,6fachen des Bruttoinlandsproduktes.
Genug auf der hohen Kante
Auf der anderen Seite entspricht die Verschuldung der Haushalte nur 62 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Selbst wenn die Staatsverschuldung hinzugerechnet wird, müssen die Franzosen nicht in Angstschweiß ausbrechen. „Geht man davon aus, dass die Bruttostaatsverschuldung am Ende der Finanzkrise bei 90 bis 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegen wird, sind die französischen Haushalte immer noch reich - sogar dann noch, wenn sie zur Rückzahlung aller Staatsschulden gezwungen würden“, meint Jacques Delpla, Mitglied des Conseil d'Analyse Economique (CEA), eines Beratungsgremiums des Premierministers.
Im vergangenen Jahr lag die Sparquote der Franzosen nach Angaben des staatlichen Statistikamtes Insee bei 15,3 Prozent der verfügbaren Bruttoeinkommen. Seit 2002 schwankt sie zwischen 16,9 und 14,9 Prozent. Wo das optimale Niveau liegt, ist wissenschaftlich nicht geklärt, wie der Ökonom David Thesmar von der Hochschule HEC sagt. „Auf jeden Fall kann Frankreich damit seine Investitionen decken, anders als etwa die Vereinigten Staaten.“
Steuerfreies Sparbuch
Wenn man nur auf die Finanzanlagen blickt, dann bevorzugen die Franzosen liquide und gering besteuerte Anlagen. Weniger als ein Viertel der Haushalte besitzt direkt oder indirekt Aktien. Zu einem großen Teil geht dies auf das staatliche Rentenversicherungssystem zurück, das aus einem Umlageverfahren besteht.
Daneben ist eine allgemeine Skepsis gegenüber dem Finanzkapitalismus verbreitet. Durch die Finanzkrise dürfte sie stärker geworden sein - zusammen mit der Angst vor Vermögensverlusten. So erlebten flüssige Sparanlagen wie das steuerbefreite Sparbuch „Livret A“ Ende des vergangenen Jahres einen bemerkenswerten Aufschwung. 46 Millionen Franzosen besitzen heute dieses Sparbuch, das 1818 von König Ludwig XVIII. ins Leben gerufen wurde, um die Kosten der napoleonischen Kriege zu decken.
Heute fließen die Ersparnisse, die von der staatlichen Beteiligungsgesellschaft Caisse des Dépôts zentral gesammelt werden, vor allem in den sozialen Wohnungsbau. Das Livret A ist attraktiv, weil es immer wieder gut verzinst wird und steuerfrei ist. Zwischen August 2008 und Februar 2009 bot es netto 4 Prozent Zinsen. Seither hat die Regierung zwar entschieden, die Verzinsung schrittweise auf 1,25 Prozent zu senken - den niedrigsten Stand der Geschichte -, doch von einer großen Flucht in andere Anlageformen ist bisher keine Rede.
Die ängstlichen Ökonomen
Manche Ökonomen machen sich schon Sorgen, dass die Franzosen den Aufschwung an den Börsen verpassen. „Die Entscheidungen zugunsten von kurzfristigen liquiden Anlagen wegen Sicherheitserwägungen und der niedrigen Rendite anderswo könnten dazu führen, dass die Franzosen zum Aktienmarkt besonders lange auf Distanz gehen“, schrieb Elisabeth Fonteny, Ökonomin bei der französischen Finanzaufsicht AMF im Frühsommer. „Dadurch entgehen ihnen möglicherweise die mittelfristig wieder möglichen Kursgewinne, und dies könnte auch die langfristigen Ersparnisse beeinträchtigen, die vor allem für die Finanzierung der Renten gebraucht werden.“ Aktien, direkt oder indirekt über Fonds gehalten, machten Ende des vergangenen Jahres nur noch 11,1 Prozent aller Finanzanlagen aus - rund 5,5 Prozentpunkte weniger als vor der Wirtschaftskrise.
Neben dem Sparbuch sind in Frankreich Lebensversicherungen beliebt. Oft sind sie mit einem garantierten Mindestzins und einer Steuerbefreiung verbunden. Der Versicherungsschutz für den Todesfall ist zweitrangig. „Er verringert zwar die Rendite, doch die Steuerbefreiung hebt diesen Effekt auf“, sagt Ökonom Thesmar. „Die Franzosen haben nicht mehr Angst vor dem Tod als andere. Sie rechnen durchaus scharf nach.“
Hier doppelt, da gar nicht besteuert
Dem Wirtschaftsprofessor ist freilich die teils willkürlich wirkende, von Lobbyeinfluss geprägte Steuerpolitik der Regierung ein Dorn im Auge. Abgesehen davon, dass er die Belastung von Ersparnissen für eine Doppelbesteuerung hält, weil das Ersparte aus besteuertem Einkommen gebildet wird, prangert er an, dass die Steuersätze von null bis 30 Prozent variieren.
Durch diese Eingriffe kommt das Sparvermögen nicht den produktivsten Verwendungen zugute. Eine „flat tax“ zu zwei Zinssätzen wäre sinnvoller, meint Thesmar. Delpla stimmt ihm zu: „Die Förderung geht vom Waldbestand bis zum Wohnungsbau. All das ist sehr ineffizient.“ Delpla kritisiert auch, dass die Regierung durch die steuerliche Förderung von Bausparverträgen den Immobilienboom mit angefacht habe. „Die steuerlichen Anreize belohnen in erster Linie die Vermittler der geförderten Produkte, also die Banken und die Fondsgesellschaften.“
Trotz ihrer Inkonsistenz hat die Steuerpolitik die Sparrate auf hohem Niveau gehalten. In Zeiten der Krise ist das ein willkommener Schutzschild. Auch das Immobilienvermögen ist nicht schlagartig verfallen. Die boomartigen Preisanstiege sind zwar vorbei, doch sie hatten ohnehin nicht die Spitzenniveaus von Ländern wie Spanien, Irland oder Großbritannien erreicht. Die Regel, dass kein Hypothekendarlehen das Dreifache des Nettogehalts des Kreditnehmers überschreiten darf, verhinderte ein Überschießen der Nachfrage, Überschuldung und die Erschütterung einer größeren Bank.
Der Teufel steckt im Detail
Mihaly Hegedues (Hegedus)
- 23.09.2009, 18:25 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |