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Wie die Welt spart Die Japaner sparen nicht mehr viel

13.08.2009 ·  Jahrzehntelang galten die Japaner als fleißige Sparer. Heute ist das Vorurteil überholt. Die Krise der neunziger Jahre hat Misstrauen gegenüber den Banken geschürt. Aber auch stagnierende Einkommen und niedrige Zinsen drücken die Sparquote.

Von Patrick Welter, Tokio
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Jahrzehntelang galten die Japaner als fleißige Sparer. Im Westen waren die Sorgen vor dem Konsumverzicht und dem damit verbundenen großen Leistungsbilanzüberschuss Japans zeitweise so groß, dass sie zu internationalen Querelen führten. Noch Ende der achtziger Jahre forderten die Vereinigten Staaten, die dem Exportansturm aus Japan scheinbar hilflos gegenüberstanden, brüsk eine Neuausrichtung der japanischen Wirtschaft und eine Stärkung des dortigen Binnenkonsums. Es drohte ein Handelskrieg. Doch schon damals stimmte das Bild der fleißigen japanischen Sparer mit der Wirklichkeit nicht mehr ganz überein. Heute erst recht ist das Vorurteil überholt.

Seit Mitte der siebziger Jahre ist die Sparquote der privaten Haushalte in Japan, die damals mehr als 20 Prozent erreichte, stetig gesunken. „Derzeit sparen die japanischen Privathaushalte so wenig wie noch nie“, sagt Takahide Kiuchi, Chefvolkswirt des Wertpapierhauses Nomura Securities. In dem im März 2008 geendeten Haushaltsjahr - aktuellere Zahlen gibt es noch nicht - legten die Japaner nur noch 2,2 Prozent ihres verfügbaren Einkommens als Vorsorge beiseite. Japan, das noch Anfang der achtziger Jahre beim Sparen einen Spitzenplatz unter den OECD-Ländern einnahm, ist fast auf den letzten Platz dieser Rangliste gefallen.

Populäre These entspricht nicht der Historie

Die sinkende Sparquote der privaten Haushalte macht sich auch gesamtwirtschaftlich bemerkbar. In den Aufschwungjahren nach der Jahrtausendwende haben die Unternehmen, die nach der Krise der neunziger Jahre ihre Schulden zunehmend abbauten und deren Gewinne im Exporthoch stiegen, zwar große Reserven angelegt. In gewisser Weise haben sie so den Sparausfall der Haushalte zeitweise kompensiert. Auch die Verringerung des Staatsdefizits in den Jahren nach 2004 hat die nationale Sparquote hoch gehalten. Gleichwohl liegt die Bruttosparquote, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, nach OECD-Statistiken 2007 mit 27 Prozent gut 6 Prozentpunkte niedriger als noch Anfang der neunziger Jahre.

Für den strukturellen Rückgang der Sparquote wird eine Vielzahl von Erklärungen diskutiert. Nicht alle sind überzeugend. Westliche Beobachter, denen das Land fremd blieb, dichteten den Japanern früher schnell eine kulturell bedingte hohe Sparneigung an. Im Umkehrschluss müsste der Fall der Sparquote nun bedeuten, dass die genügsamen Japaner diese Tradition aufgeben und stärker dem Konsumtrieb anhängen. Ein Blick nicht nur am Wochenende in die großen Tokioter Einkaufszentren in Ginza oder Shinjuku bestätigt zwar, dass viele Japaner am ausgiebigen Einkaufen viel Freude empfinden. Daraus eine Abkehr von traditionellen kulturellen Werten zu sehen, führt indes in die Irre. Denn die früher populäre These der kulturell bedingten hohen Sparneigung krankte schon immer daran, dass sie mit der Historie nicht übereinstimmt: Noch vor dem Zweiten Weltkrieg war die Sparquote in Japan nicht außergewöhnlich hoch. Sparen als kulturelles Wesensmerkmal der Japaner fällt damit aus.

Der Fall der Sparquote

Kiuchi von Nomura begründet den Rückgang der Sparquote ökonomisch. Als wichtigsten Faktor nennt er, dass die Inflationsrate in Japan, die Mitte der siebziger Jahre zeitweise an die 25 Prozent heranreichte, seither im Trend gesunken ist - bis hin zur Deflation zur Jahrtausendwende und dem aktuellen Rückgang der Preise. „Der reale Wert des Finanzvermögens stieg mit der sinkenden Inflationsrate“, sagt Kiuchi. Zum sinkenden Sparanreiz trug zugleich bei, dass mit dem geringeren Inflationsdruck auch die Zinsen drastisch fielen und die Erträge des Ersparten entsprechend geringer wurden.

Seit dem verlorenen Jahrzehnt der neunziger Jahre haben andere Gründe den Fall der Sparquote verschärft. Obwohl seither das Einkommen der japanischen Haushalte stagnierte und in manchen Jahren auch sank, sei der Konsum weitgehend aufrechterhalten worden, sagt Hiromochi Shirakawa, Chefökonom von Credit Suisse in Japan: „Man kann den notwendigen Konsum nicht einfach zurückschneiden.“ Die These des geringeren Sparens aus Notwendigkeit wird gestützt von Umfragen des Zentralen Rats für Informationen über Finanzdienste. Gut die Hälfte der Befragten nennt in der Umfrage schon seit Jahren als Grund für den Rückgang ihres Sparvolumens, dass das Einkommen schrumpft. Kein anderer Grund findet mehr Zustimmung. Die sich in den vergangenen Jahren weitende Einkommensschere zwischen Reichen und Geringverdienern hat diese Entwicklung nach Shirakawas Ansicht noch verschärft.

Alterung der japanischen Gesellschaft

Weniger Gewicht messen Ökonomen dagegen der Alterung der japanischen Gesellschaft zu, die vielfach als Hauptgrund für die rückläufige Sparquote genannt wird. „Der Einfluss der Alterung auf das Sparen ist erst in den vergangenen drei bis vier Jahren spürbar geworden“, sagt Mikihiro Ma-tsuoka, Chefökonom von Deutsche Securities, der Tochtergesellschaft der Deutschen Bank in Tokio. Auf ein Minus der Sparquote von etwa 0,2 Prozentpunkte im Jahr beziffern Volkswirte den Einfluss der alternden Gesellschaft, weil Rentner weniger oder gar nicht mehr sparen.

Die Banken- und Wirtschaftskrise in den neunziger Jahren hat nicht nur das Sparvolumen gedrückt, sondern auch das Risikoempfinden der Haushalte gestärkt. Die Sorge, dass Banken untergehen könnten, ließ die Japaner seit Ende der neunziger Jahre einen großen Bargeldbestand „unter der Matratze“ anhäufen, den Kiuchi von Nomura auf rund 20 Billionen Yen schätzt. Der niedrige Zinssatz sorge dafür, dass sich daran bis heute nicht viel geändert habe, sagte Kiuchi.

Zugleich ist das Risikoempfinden der Japaner schon vor den Turbulenzen an den Finanzmärkten wieder gestiegen. Der ohnehin nicht stark ausgeprägte Wunsch, Aktien oder Aktienfonds zu halten, sinkt. Matsuoka verweist darauf, dass die japanischen Sparer generell sichere Anlagen bevorzugen. 55 bis 60 Prozent würden in Bankeinlagen gespart; dieses Muster sei sehr stabil, trotz gelegentlicher Schwankungen im Konjunkturzyklus. „Wir brauchen mehrere Jahre lang stabile und günstige Bedingungen an den Finanzmärkten, damit ein Wechsel hin zu risikoreicheren Anlageformen möglich würde“, sagt er.

Sparquote wird weiter sinken

Auf kurze Sicht wird die Sparquote in Japan weiter sinken, meint nicht nur Matsuoka. Die Haushaltseinkommen seien in den vergangenen zwölf Monaten drastisch gesunken. Die Unternehmen haben vor allem kurzfristig Beschäftigte entlassen, und die Arbeitslosenquote steigt. Zugleich wurde der riesige Arbeitsausfall in den Wintermonaten, als die Nachfrage stark zurückging, meistens nicht entlohnt. Die Bonizahlungen, die einen sehr großen Anteil am Jahreseinkommen der Arbeiter ausmachen, wurden radikal gekürzt. All dies dürfte vorerst die Sparneigung dämpfen.

Mittelfristig wird die schneller als in anderen Industriestaaten alternde Bevölkerung einen steten Abwärtsdruck auf die Sparquote garantieren. Kiuchi von Nomura Securities glaubt indes, dass die Sparquote den Boden erreicht habe. Mit einer wirtschaftlichen Erholung und steigenden Zinsen könne die Sparleistung der Haushalte auch wieder zunehmen.

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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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