06.12.2002 · Rund 21 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Welt werden vom privaten US-Konsum bestimmt. Oliver Plein vom dit schaut den US-Verbrauchern auf die Finger.
Von Oliver Plein, Senior Economist im dit-Team Investor InformationDer US-Konsum ist eine Schlüsselgröße. Nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für die Weltwirtschaft. Denn: Die Verbraucher steuern 70 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA bei. Und da die USA etwa 30 Prozent des Welt-BIP ausmachen, entfallen 21 Prozent des Welt-BIP auf den privaten Konsum in den USA. Daher ist die Entwicklung des privaten Verbrauchs eng mit dem Wachstumsbild im Jahr 2003 verbunden.
In den Sommermonaten zeigte sich die US-Ökonomie in überraschend guter Verfassung. Das reale BIP konnte im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 4,0 Prozent annualisiert zulegen. Der durchschnittliche Anstieg in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres liegt somit bei 3,4 Prozent. Mit einem Wachstumsbeitrag von drei Prozentpunkten war der private Konsum Stütze der Expansion. Aufgrund der großen Bedeutung des privaten Verbrauchs für die gesamte Ökonomie wird das Wachstumsbild in den nächsten Monaten von der Laune der Verbraucher geprägt.
Aktuelle Lage
Derzeit liefern die Indikatoren kein eindeutiges Bild, wie sich der private Verbrauch in den kommenden Monaten entwickelt. Nach dem deutlichen Rückgang des Verbrauchervertrauens (Conference Board) im Oktober, als der Index von 93,7 auf 79,6 Punkte sank, konnte zwar im November mit einem Anstieg auf 84,1 wieder ein Plus verzeichnet werden. Dieses fiel jedoch überraschend gering aus, zudem ist dies das geringste Niveau seit Januar 1994. Vor allem die Aussichten am Arbeitsmarkt sowie die Einkommensperspektiven wurden von den befragten Haushalten spürbar schlechter bewertet.
Auch wenn das fehlende Vertrauen ein Warnsignal im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung ist, darf der Indikator nicht überbewertet werden. Zum einen ist die Korrelation zwischen dem Vertrauensindex und den tatsächlichen Konsumausgaben recht gering (zwischen 1990 und 2002: 0,53). Zum anderen scheint sich das Muster der Rezession 1990/91 zu wiederholen. Damals brach das Verbrauchervertrauen im Oktober 1991 von 72,9 auf 60,1 Punkte und anschließend bis Februar 1992 auf 47,3 Punkte ein, ohne dass es zu einer erneuten Rezession kam (siehe unten Schaubild 1).
Ebenfalls zwiespältig ist das Bild bei den Einzelhandelsumsätzen. Sie gingen im Oktober um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Dies reflektiert vor allem eine Gegenbewegung zu den in den Vormonaten kräftig gestiegenen PKW-Absätzen, die im Oktober markant einbrachen. Ohne diesen Sondereffekt sah das Bild etwas erfreulicher aus, da die um die PKW-Umsätze bereinigte Ziffer um 4,4 Prozent zulegen konnte. Zudem ist das für den Einzelhandel so wichtige Weihnachtsgeschäft an den Einkaufstagen rund um das Erntedankfest gut angelaufen. Neben diesen kurzfristigen und volatilen Indikatoren gibt es weitere Aspekte zu beachten, die den privaten Konsum 2003 maßgeblich beeinflussen.
Privater Konsum im Jahr 2003
Die wichtigsten Einflussgrößen für den privaten Verbrauch sind die Einkommensentwicklung, die Lage am Arbeitsmarkt, die Entwicklung der Vermögenspreise, die geopolitischen Risiken und, daraus abgeleitet, die Entwicklung der Sparquote.
- Die Zahl der Beschäftigten hat sich im Laufe des Jahres 2002 kaum verändert und auch im nächsten Jahr ist nicht mit einem Aufbau zu rechnen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass aufgrund der Restrukturierungsmaßnahmen der Unternehmen die Zahl der Beschäftigten eher leicht abnehmen dürfte. Die Arbeitslosenquote als nachlaufender Indikator wird somit in den nächsten Quartalen etwas steigen. Wir erwarten eine Quote von gut 6,0 Prozent.
- Die Restrukturierungsmaßnahmen spiegeln sich nicht nur in der gestiegenen Produktivität und den gesunkenen Lohnstückkosten wider. Auch die Löhne und Gehälter blieben zuletzt spürbar hinter der Entwicklung der Vorjahre zurück. Die Reallöhne lagen über weite Teile des laufenden Jahres allerdings über ihrem Vorjahresniveau, da sich im Umfeld der Rezession der Preisauftrieb schneller zurückbildete als der Lohnanstieg. Zuletzt musste bei den Reallöhnen aber eine deutliche Abkühlung festgestellt werden.
- Der zuletzt stützend wirkende Vermögenseffekt aufgrund der gestiegenen Immobilienpreise dürfte bald auslaufen, da das bereits hohe Preisniveau zunehmend für eine Seitwärtsbewegung spricht.
- Alle bisher genannten Faktoren finden ihren Niederschlag in der Sparquote. Diese ist seit Anfang der neunziger Jahre von knapp neun Prozent auf unter ein Prozent im Tiefpunkt zurückgegangen, da die privaten Haushalte einen immer größeren Teil ihres verfügbaren Einkommens für den Konsum verwendeten. Zuletzt stieg sie aber wieder auf vier Prozent an (s. Schaubild 2).
- Um die künftige Entwicklung der Sparquote abzuschätzen, hilft ein Blick auf die Rezession 1990/91. Hier kam es anschließend zu einem Anstieg der Sparquote um etwa 1,5 Prozentpunke. Seit 1950 weisen vergangene Rezessionen eine Zunahme zwischen 0,5 und zwei Prozentpunkten aus. Die ökonomische Begründung für diese Entwicklung liegt in der unterschiedlichen Anpassungsgeschwindigkeit von Inflation und Einkommen. Da sich die Preise im Abschwung schneller als die Einkommen zurückbilden, gestaltet sich die finanzielle Konsolidierung recht einfach, da es nicht notwendig ist, den realen Konsum einzuschränken.
- Der bereits erwähnte Vermögenseffekt spielt eine nicht unerhebliche Rolle für die künftige Sparquote. Die US-Notenbank geht davon aus, dass sich die Bremseffekte der Nettovermögensverluste der letzten zwei Jahre noch nicht voll entfaltet haben. Somit dürften sich viele Konsumenten eine Zurückhaltung beim Konsum auferlegen, da die Vermögensabnahme als dauerhaft angesehen wird.
- Was heißt dies für die Sparquote? Sie dürfte in den kommenden Monaten weiter ansteigen und den Durchschnittwert der späten neunziger Jahre (2,5 Prozent) überschreiten. Eine Rückkehr zum langjährigen Durchschnitt von gut sechs Prozent ist aber nicht erwarten.
Fazit: Ein banger Blick auf den US-Konsumenten ist gerechtfertigt, zumal eine Verschärfung der vorhandenen geopolitischen Risiken auf die Stimmung drücken könnte. Aber bange werden sollte einem nicht. Das wirtschaftspolitische Umfeld wirkt expansiv und dank der moderaten Preisentwicklung dürfte die Kaufkraft nicht einbrechen. Somit dürfte der Konsum mit knapp zwei Prozent 2003 zwar schwächer zulegen als im laufenden Jahr (3,1 Prozent), aber er wächst (s. Schaubild 3).
Für die gesamte Volkswirtschaft bedeutet dies keinen Aufschwung, sondern eher ein „Auf ohne Schwung“. Das Potenzialwachstum wird deutlich verfehlt, aber eine erneute Rezession („double dip“) droht nicht.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |