06.11.2008 · Eine Börsenweisheit lautet: „Sell in May and go away“. Nie war sie so wahr wie in diesem Jahr. Die langfristige Historie zeigt, dass der Zeitraum November bis Mai mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für eine positive Kursentwicklung spricht.
Von Sam StovallWas soll man über einen Monat sagen, in dem der Aktienindex S&P-500 um 18,2 Prozent an Wert verlor und per 30. Oktober die neuntschlechteste Kursentwicklung aller Monate seit 1929, das drittschlechteste Oktober-Ergebnis seit 79 Jahren und - wenn der im bisherigen Jahresverlauf erlittene Kursrutsch von 35 Prozent mit dem Jahresergebnis identisch wäre - das drittschlechteste Jahr seit der Börsenkrise von 1931 (minus 47,1 Prozent) und dem Kurseinbruch von 1937 (minus 38,6 Prozent) verzeichnete? Am ehesten vielleicht: „Gut, dass wir ihn hinter uns haben!“
„Sell in May and go away“: Nie so wahr wie in diesem Jahr
Doch alles hat sein Gutes, und so kann man der zuletzt miserablen Performance des Marktes wenigstens einen positiven Aspekt abgewinnen: Das alte Wall-Street-Sprichwort „Sell in May and go away“, also im Mai verkaufen und anschließend den Börsenurlaub antreten, war nie so wahr wie in diesem Jahr. Seit dem Zweiten Weltkrieg konnte der S&P-500 im Zeitraum von November bis April um durchschnittlich 6,8 Prozent zulegen, während er von Mai bis Oktober im Schnitt nur um 1,1 Prozent anstieg. Dieses saisonale Muster tritt außerdem unabhängig davon auf, ob der Beobachtungszeitraum im Jahr 1929, 1945, 1970 oder 1990 beginnt. Vom 30. April bis zum 30. Oktober des laufenden Jahres fiel der S&P-500 um 31,1 Prozent und markiert damit den stärksten Mai-Oktober-Rückgang seit 1928.
Hätte ein Anleger sein Index-Papier auf den S&P-500 am 30. April dieses Jahres verkauft, dann wäre der bis 30. Oktober eingetretene 31-prozentige Kurssturz amerikanischer Standardwerte (mit einem Rückgang von allein 18 Prozent im Oktober) spurlos an ihm vorbeigezogen. Hätte der Anleger zudem die „Sell in May“-Regel der Sektorrotation befolgt, indem er ein Papier auf den Gesamtindex S&P-500 verkauft und in einen der S&P-500-Sektorindizes Verbrauchsgüter oder Gesundheitswesen investiert hätte, dann wäre die Jahresrate der relativen Outperformance seit 1990 um über 400 Basispunkte höher ausgefallen, da diese beiden Sektoren nur etwa die Hälfte der vom Gesamtmarkt erlittenen Verluste verzeichneten.
Am 3. November traten wir in den Sechsmonatsabschnitt mit der für gewöhnlich stärksten Wertentwicklung des S&P-500 ein. Seit dem Zweiten Weltkrieg zog der S&P-500 im Zeitraum von November bis April um durchschnittlich 6,8 Prozent an und lag damit in 72 Prozent aller Fälle über der zwischen Mai und Oktober erzielten mittleren Performance. Und auch hier tritt diese Saisonalität unabhängig davon auf, ob man mit der Beobachtung im Jahr 1929, 1945, 1970 oder 1990 beginnt.
Die Gründe für diese Diskrepanz
Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Nach unserer Ansicht könnte die Kursschwäche zwischen Mai und Oktober das Ergebnis saisonaler Überlegungen sein, da sich Investoren in diesem Zeitraum stärker auf ihren Urlaub als auf ihre Portfolios konzentrieren. Hinzu kommt, dass sich der September als schlechtester Monat für amerikanische Aktien erwiesen hat, vermutlich in Reaktion auf die übliche Praxis der Analysten, kurz vor Veröffentlichung der Drittquartalszahlen ihre Gewinnschätzungen für das Gesamtjahr nach unten zu korrigieren.
Der Zeitabschnitt von November bis April profitiert dagegen nicht nur von dem üblicherweise niedrigen Ausgangsniveau, sondern auch von der Tatsache, dass Pensions- und andere Fonds zu Beginn des neuen Jahres aufgrund von Prämienzahlungen und Steuerrückerstattungen besonders starke Mittelzuflüsse verzeichnen und diese anlegen. Darüber hinaus liegt der November auch in jener Zeit des Jahres, in der die Analysten damit beginnen, fünf Quartale in die Zukunft zu blicken, anstatt sich nur auf das letzte Quartal zu konzentrieren.
Sektoren mit überdurchschnittlicher Wertentwicklung
Da die defensiven Sektoren Verbrauchsgüter und Gesundheitswesen den S&P-500 im schwächeren Mai-Oktober-Zeitraum traditionell überflügelten, dürfte es wenig verwundern, dass sich die zyklischen Sektoren im stärkeren November-April-Halbjahr besser schlugen. Und tatsächlich übertrafen sechs der zehn Sektoren des S&P-500 zwischen November und April den Gesamtmarkt. Berücksichtigt man zudem die Häufigkeit, mit der Sektoren den marktbreiten S&P-500 zwischen November bis April in den Schatten stellten, dann sind seit 1990 die drei Sektoren Finanzdienstleistungen, Industrie und Grundstoffe ganz vorn dabei.
Für den Fall, dass sich Geschichte wiederholt (wofür es natürlich keine Garantie gibt): Könnte dies der Auftakt zu einem kurzfristigen Kursanstieg zyklischer Werte sein? Er wäre zumindest ein frühes und sehr willkommenes Weihnachtsgeschenk.
Wenig überzeugend
Kurt Michler (Kurt.Michler)
- 06.11.2008, 19:38 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |