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Verhaltensökonomie „Schauen Sie nicht zu, wenn die Kurse sinken“

Der Verhaltensökonom Shlomo Benartzi gilt als der Pragmatiker unter den Verhaltensökonomen. Im FAS-Interview spricht er über häufige Fehler der Anleger, wie man sie vermeidet und wie man gute Vorsätze einhält.

© F.A.Z.-Thilo Rothacker Vergrößern

Shlomo Benartzi ist der Pragmatiker unter den Verhaltensökonomen. Er belässt es nicht bei der Erkenntnis, dass Anleger Fehler machen. Sondern er erforscht, wie Investoren über diese Fehler hinwegkommen können. Dabei kümmert er sich besonders um Privatanleger.

Um die Erkenntnisse der Verhaltensökonomik in die Praxis zu tragen, hat er das „Behavioural Finance Forum“ gegründet. Darin bringt er andere berühmte Forscher wie Daniel Kahnemann, Richard Thaler und Robert Shiller mit Banken und Regierungen an einen Tisch. Das Ziel: Banken und Regierungen sollen den Verbrauchern das Anlegen leichter machen. Im Hauptberuf ist er Finanzprofessor an der Universität Los Angeles.

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Herr Benartzi, man kann mit Aktien mehr Geld verdienen als mit Anleihen und Sparbüchern. Warum tun das trotzdem so wenige Leute?

Das hat zwei Gründe: Erstens mögen die Menschen Verluste nicht. Wenn wir Geld verlieren, ist der Schmerz größer als die Freude, wenn wir Geld gewinnen. Und zweitens schauen die Menschen zu oft in ihr Portfolio, das zeigen unsere Daten.

Was hat denn das miteinander zu tun?

Manche Anleger beobachten jeden Tag im Internet, wie sich ihre Aktien entwickeln. Nun wissen wir aber: Etwa an der Hälfte der Tage gehen die Kurse nach unten. Das sind kurzfristige Verluste, aber die Menschen sehen sie wie durch eine Lupe. Diese kurzfristigen Verluste sollten sich die Menschen aber nicht ansehen. Denn sie ärgern sich an jedem Tag, an dem der Markt nach unten geht. Und dieser Ärger ist so viel größer als die Freude beim Geldverdienen - darum meiden sie den Aktienmarkt am Ende ganz.

Viele Anleger nehmen sich vor, seltener auf die Kurse zu schauen, aber sie werden dann doch neugierig. Was können sie dagegen tun?

Die Banken könnten einiges tun. Denn wenn Sie Ihr Portfolio ansehen, müssen Sie das ja zum Beispiel auf der Website Ihrer Depotbank tun. Dort könnte die Bank die Daten anders präsentieren. Sie könnte zum Beispiel auf der ersten Seite zeigen, wie sich Ihr Depot in den vergangenen zehn Jahren entwickelt hat, dann die Entwicklung aus dem vergangenen Jahr, aus dem vergangenen Monat und dann erst die des vergangenen Tages. So können Banken die Menschen glücklicher machen, indem sie ihr Verhalten berücksichtigen.

Meine Bank tut das nicht. Gibt es einen Trick, mit dem ich mir selbst helfen kann?

Sie können jemanden beauftragen. Dem könnten Sie 1000 Euro geben, die er auf ein Konto legt. Wenn Sie sich an Ihren Vorsatz halten, also zum Beispiel nicht ständig ins Depot zu schauen, bekommen Sie am Jahresende die 1000 Euro plus Zinsen zurück. Wenn Sie es nicht schaffen, gehen die 1000 Euro an einen guten Zweck.

Wie kann derjenige das kontrollieren?

Sie könnten ihm zum Beispiel die Website Ihres Depots zeigen. Dort steht meistens, wann Sie zum letzten Mal dort waren.

Das hätten wir also geklärt. Aber Anleger machen ja auch vieles andere falsch.

In der Tat. Wir wissen zum Beispiel, dass Anleger sehr auf die Kursentwicklung einer Aktie achten. Wenn sie gut lief, stecken sie mehr Geld hinein. Das Problem ist: Die frühere Entwicklung sagt uns nicht viel über die Zukunft - und frühere Kursgewinne bedeuten nicht, dass die Anlage in Zukunft viel Rendite bringt.

Das wissen viele Leute. Warum machen sie diesen Fehler trotzdem?

Es ist so einfach. Die Kursgrafik ist das Erste, was man von einer Aktie sieht. Wenn man etwas anderes analysieren möchte, kostet das eine Menge Aufwand - also gibt man der bisherigen Kursentwicklung zu viel Gewicht.

Worauf müssen Privatanleger noch achten?

Sie vergessen oft die Gebühren. Und sie kaufen zu oft Aktien von bekannten Unternehmen, vor allem aus ihrem Heimatland. Für ein gut gestreutes Portfolio muss man aber in vielen Ländern investieren, und man braucht 25, vielleicht 50 verschiedene Aktien. Viele kaufen nur drei oder vier Aktien und glauben, dass sie ihr Geld auf diese Weise gut verteilt haben. Die Menschen sind einfach keine guten Statistiker.

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Veröffentlicht: 07.01.2008, 12:32 Uhr

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