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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Verhaltensökonomie „Schauen Sie nicht zu, wenn die Kurse sinken“

 ·  Der Verhaltensökonom Shlomo Benartzi gilt als der Pragmatiker unter den Verhaltensökonomen. Im FAS-Interview spricht er über häufige Fehler der Anleger, wie man sie vermeidet und wie man gute Vorsätze einhält.

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Shlomo Benartzi ist der Pragmatiker unter den Verhaltensökonomen. Er belässt es nicht bei der Erkenntnis, dass Anleger Fehler machen. Sondern er erforscht, wie Investoren über diese Fehler hinwegkommen können. Dabei kümmert er sich besonders um Privatanleger.

Um die Erkenntnisse der Verhaltensökonomik in die Praxis zu tragen, hat er das „Behavioural Finance Forum“ gegründet. Darin bringt er andere berühmte Forscher wie Daniel Kahnemann, Richard Thaler und Robert Shiller mit Banken und Regierungen an einen Tisch. Das Ziel: Banken und Regierungen sollen den Verbrauchern das Anlegen leichter machen. Im Hauptberuf ist er Finanzprofessor an der Universität Los Angeles.

Herr Benartzi, man kann mit Aktien mehr Geld verdienen als mit Anleihen und Sparbüchern. Warum tun das trotzdem so wenige Leute?

Das hat zwei Gründe: Erstens mögen die Menschen Verluste nicht. Wenn wir Geld verlieren, ist der Schmerz größer als die Freude, wenn wir Geld gewinnen. Und zweitens schauen die Menschen zu oft in ihr Portfolio, das zeigen unsere Daten.

Was hat denn das miteinander zu tun?

Manche Anleger beobachten jeden Tag im Internet, wie sich ihre Aktien entwickeln. Nun wissen wir aber: Etwa an der Hälfte der Tage gehen die Kurse nach unten. Das sind kurzfristige Verluste, aber die Menschen sehen sie wie durch eine Lupe. Diese kurzfristigen Verluste sollten sich die Menschen aber nicht ansehen. Denn sie ärgern sich an jedem Tag, an dem der Markt nach unten geht. Und dieser Ärger ist so viel größer als die Freude beim Geldverdienen - darum meiden sie den Aktienmarkt am Ende ganz.

Viele Anleger nehmen sich vor, seltener auf die Kurse zu schauen, aber sie werden dann doch neugierig. Was können sie dagegen tun?

Die Banken könnten einiges tun. Denn wenn Sie Ihr Portfolio ansehen, müssen Sie das ja zum Beispiel auf der Website Ihrer Depotbank tun. Dort könnte die Bank die Daten anders präsentieren. Sie könnte zum Beispiel auf der ersten Seite zeigen, wie sich Ihr Depot in den vergangenen zehn Jahren entwickelt hat, dann die Entwicklung aus dem vergangenen Jahr, aus dem vergangenen Monat und dann erst die des vergangenen Tages. So können Banken die Menschen glücklicher machen, indem sie ihr Verhalten berücksichtigen.

Meine Bank tut das nicht. Gibt es einen Trick, mit dem ich mir selbst helfen kann?

Sie können jemanden beauftragen. Dem könnten Sie 1000 Euro geben, die er auf ein Konto legt. Wenn Sie sich an Ihren Vorsatz halten, also zum Beispiel nicht ständig ins Depot zu schauen, bekommen Sie am Jahresende die 1000 Euro plus Zinsen zurück. Wenn Sie es nicht schaffen, gehen die 1000 Euro an einen guten Zweck.

Wie kann derjenige das kontrollieren?

Sie könnten ihm zum Beispiel die Website Ihres Depots zeigen. Dort steht meistens, wann Sie zum letzten Mal dort waren.

Das hätten wir also geklärt. Aber Anleger machen ja auch vieles andere falsch.

In der Tat. Wir wissen zum Beispiel, dass Anleger sehr auf die Kursentwicklung einer Aktie achten. Wenn sie gut lief, stecken sie mehr Geld hinein. Das Problem ist: Die frühere Entwicklung sagt uns nicht viel über die Zukunft - und frühere Kursgewinne bedeuten nicht, dass die Anlage in Zukunft viel Rendite bringt.

Das wissen viele Leute. Warum machen sie diesen Fehler trotzdem?

Es ist so einfach. Die Kursgrafik ist das Erste, was man von einer Aktie sieht. Wenn man etwas anderes analysieren möchte, kostet das eine Menge Aufwand - also gibt man der bisherigen Kursentwicklung zu viel Gewicht.

Worauf müssen Privatanleger noch achten?

Sie vergessen oft die Gebühren. Und sie kaufen zu oft Aktien von bekannten Unternehmen, vor allem aus ihrem Heimatland. Für ein gut gestreutes Portfolio muss man aber in vielen Ländern investieren, und man braucht 25, vielleicht 50 verschiedene Aktien. Viele kaufen nur drei oder vier Aktien und glauben, dass sie ihr Geld auf diese Weise gut verteilt haben. Die Menschen sind einfach keine guten Statistiker.

Das heißt, Privatanleger sollten ihre Aktien nicht mehr selbst aussuchen?

Dafür gibt es einige gute Argumente. Denken Sie mal an andere komplizierte Dinge, zum Beispiel an die Gesundheit und an Rechtsfragen. Da besucht man einen Arzt oder beauftragt einen Anwalt. Es ist also ganz gebräuchlich, einen Experten zu beauftragen. Aber vom Investieren denken wir, dass wir das selber machen müssen. Warum delegieren wir das nicht?

Viele Forscher sagen, die meisten Fondsmanager seien auch nicht viel besser.

Dann sollte man über Indexfonds nachdenken. Letztlich geht es ja für einen Privatanleger nicht darum, ob er den Markt schlägt oder nicht. Wichtig ist einfach, ein vernünftiges, breit gestreutes Portfolio zu schaffen, und zwar eines mit niedrigen Gebühren und angemessenem Risiko.

Aber woher weiß ich, was ein angemessenes Risiko ist?

Das ist gar nicht so leicht. Wir haben aus Experimenten gelernt, dass die Menschen gar nicht genau wissen, was sie wollen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Es gibt ein Experiment mit Joghurt. Die Forscher haben den Probanden etwas Joghurt zu essen gegeben und sie danach gefragt, ob sie noch mehr wollten. Viele Menschen wollten mehr, und das bekamen sie auch. Aber dann sagten viele plötzlich, dass sie diesen Joghurt gar nicht mochten. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass die Menschen nicht genau wissen, was sie mögen und was nicht.

Was hat denn das mit meinem Anlagerisiko zu tun?

Mit dem Essen haben die Menschen noch viel Übung. Geldanlage ist dagegen ziemlich kompliziert - kein Wunder, dass die Menschen verwirrt sind. Einige Regierungen haben Anlageberatern vorgeschrieben, ihren Kunden einen Risikofragebogen vorzulegen. Dabei ist gar nicht gesagt, dass ein Anleger auf dem gleichen Fragebogen nach einem Jahr wieder die gleichen Antworten gibt. Es gibt hier noch eine Menge Fragen.

Und was jetzt?

Wir sollten zumindest darüber nachdenken, wie die Banken und Regierungen mit diesen Erkenntnissen umgehen sollten. Ich schlage vor: Sie sollten ein Standard-Anlageprodukt vorgeben für Menschen, die wenig über Risiko, Anlagestreuung und Fondsgebühren wissen. Dieses Standardprodukt kann auch für die meisten Menschen den gleichen Risikograd haben. Möglicherweise sollte man das Risiko nach dem Alter unterscheiden. Ob alte Menschen aber tatsächlich sicherere Geldanlagen brauchen als junge, das ist für Wissenschaftler noch nicht klar beantwortet.

Meine Bank hat keinen Standardfonds.

Sie können sich einen Berater nehmen. Oder Sie kaufen einen ausgewogenen Indexfonds. Das ist eine einfache, billige und auch sehr gute Lösung.

Und welche Fondsgesellschaft ist die richtige?

Entscheiden Sie sich für eine große, die schon eine Weile im Geschäft ist. Aber das Wichtigste ist: Stellen Sie sicher, dass die Gebühren nicht zu hoch sind. Deren Wirkung unterschätzen nämlich viele Menschen. Aber schon wenn Sie jedes Jahr ein Prozent Ihres Depotwerts an Gebühren zahlen, haben Sie nach 30 Jahren rund 30 Prozent weniger Vermögen gebildet.

Jetzt muss ich nur noch eines wissen: Wie bringe ich mich dazu, dass ich tatsächlich Geld spare und nicht alles ausgebe?

Dafür haben wir das „Save More Tomorrow“-Programm entwickelt . . .

... das heißt: Spare morgen mehr.

Dabei geht es um Altersvorsorge. Auch hier ist das Problem: Die Menschen wollen sparen, aber sie haben die Disziplin nicht. Wir schlagen dann vor: Die Menschen sollten immer dann mehr sparen, wenn sie eine Gehaltserhöhung bekommen.

Das machen die Menschen eher mit?

Sie finden das attraktiv, denn sie haben ja trotzdem nach jeder Gehaltserhöhung mehr Geld in der Tasche. Und die Sparraten steigen mit jeder Gehaltssteigerung.

Natürlich kann man jederzeit aus dem Programm aussteigen, aber die große Mehrheit der Teilnehmer bleibt dabei.

Und das funktioniert?

Bei einem unserer ersten Experimente sparten die Teilnehmer am Anfang drei Prozent ihres Einkommens. Nach dreieinhalb Jahren und vier Gehaltserhöhungen waren wir bei 14 Prozent angekommen.

Das Gespräch führte Patrick Bernau.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.12.2007, Nr. 52 / Seite 49
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