27.01.2012 · Nach einer Umfrage des Fondsbranchenverbands BVI beklagen 50 Prozent der Anleger zu hohe Renditeerwartungen als eine der Ursachen der Finanzkrise.
Von Christian von HillerAuf der Suche nach Ursachen für die Finanz- und Euro-Schuldenkrise zeigen sich die deutschen Anleger durchaus selbstkritisch. Rund die Hälfte der Befragten gaben in einer Umfrage des Fondsbranchenverbands BVI an, dass die zu hohen Renditeerwartungen der Anleger - und somit wohl auch die eigenen - einer der Auslöser für die heutige Finanz- und Schuldenkrise seien.
Freilich weist die große Mehrheit, rund 80 Prozent, die Schuld an erster Stelle den Spekulationen der Investmentbanken und an zweiter Stelle der maßlosen Schuldenpolitik vieler Staaten zu. Rund zwei Drittel der deutschen Anleger beklagen zudem die mangelnde Transparenz von Finanzprodukten. Dieses Meinungsbild erhob das Marktforschungsinstitut Forsa Anfang Januar telefonisch unter insgesamt 1002 Teilnehmern in Deutschland.
„Diese Umfrage zeigt, wie groß der Vertrauensverlust der Anleger in die Finanzbranche, die Politik und ihre eigenen Kenntnisse über Gelddinge ausfällt“, kommentierte Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des BVI, die Ergebnisse von Forsa. „Sie zeigt außerdem, wie groß das Bedürfnis nach transparenten und verständlichen Anlageprodukten ist.“
94 Prozent der Befragten stimmten den Aussage zu, dass Banken und andere Finanzinstitute stärker für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen werden sollten. 89 Prozent der teilnehmenden Anleger wünschten sich, dass Anlageprodukte transparenter und verständlicher würden. Nur 73 Prozent - und damit vergleichsweise wenige Anleger - stimmten der Aussage zu, ein Verbot hochspekulativer Finanzgeschäfte mit komplizierten Anlagemodellen verhinderten Finanz- und Schuldenkrise wie diese.
Auch die öffentliche Wahrnehmung von Investmentfonds sieht die Fondsbranche in Deutschland arg in Mitleidenschaft gezogen. Dies zeigt sich auch an den hohen Mittelabflüssen, unter denen die Fondsbranche im vergangenen Jahr überraschend stark litt. Aus Publikumsfonds und damit aus jenen Fonds, die sich in erster Linie an private Anleger richten, zogen die Anleger in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres 13,8 Milliarden Euro netto ab. Spezialfonds dagegen, die ausschließlich von professionellen Großanlegern gekauft werden können, flossen per Ende November 33,5 Milliarden Euro netto zu, geht aus der jüngsten Investmentstatistik des BVI hervor. Zahlen für das Gesamtjahr liegen noch nicht vor.
Aufgrund der hohen Mittelabflüsse haben die Fondsgesellschaften, die Fonds für das breite Anlegerpublikum anbieten, die Informationskampagne „Investmentfonds nur für alle“ gestartet, die nun in ihr zweites Jahr geht. Dabei sieht sich die Fondsbranche auch im Wettbewerb zu anderen Finanzprodukten, die in den Banken oft lieber verkauft werden. „Wir müssen stärker die Unterschiede zwischen den einzelnen Finanzprodukten herausarbeiten“, sagt Richter. So würde derzeit intensiv über Risiken von börsengehandelten Indexfonds diskutiert und dabei häufig übersehen, dass diese ein Sondervermögen auf Börsenindizes seien. Dies sei ein entscheidender Vorteil gegenüber anderen Finanzprodukten auf Aktien-, Anleihen- oder Rohstoffindizes.
Investmentfonds bieten als Sondervermögen im Insolvenzfall der Bank, der Fondsgesellschaft oder des vermittelnden Finanzvertriebs den bestmöglichen Schutz, weil sie gar nicht erst in die Insolvenzmasse eingingen, sondern von vornherein im Eigentum der Anleger bleiben. „Den Fondsanlegern ist in der Regel nicht klar, dass sie und nicht die Fondsgesellschaft Eigentümer der im Sondervermögen enthaltenen Aktien oder Anleihen sind“, sagt Richter. Der Branche stehe ein weiter Weg bevor, um das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. „Wir müssen unser Profil schärfen und unverwechselbar werden“, sagt Richter. Dabei glaubt der Fondslobbyist: „Wer die treuhänderische und insolvenzsichere Funktion der Fondsbranche verstanden hat, wendet sich automatisch Investmentfonds zu.“
Wie sehr die Fondsbranche Chancen ungenutzt lässt, sieht Richter auch in den Ergebnissen der jüngsten Umfrage unter Anlegern. Rund die Hälfte der Befragten würde die Beiträge, die sie zurzeit in die gesetzliche Rente einzahlt, lieber selbst für die private Altersvorsorge aufwenden. Bei Anlegern von unter 44 Jahren ist die Bereitschaft dazu noch größer.
Renditeerwartung als eine Ursache
Kurt Michler (Kurt.Michler)
- 28.01.2012, 15:06 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |