29.07.2009 · Sparen hat in der Schweiz Tradition. Das Fehlen von Krieg und Inflation sowie die stabile Wirtschaft erlauben eine kontinuierliche Vermögensmehrung. Auf Ereignisse wie die globale Rezession reagieren die Eidgenossen aber schnell mit Abstrichen an ihren Konsumausgaben.
Von Jürgen DunschZÜRICH, 29. Juli. In diesem Krisensommer hat das Sparen für viele Schweizer eine neue Qualität bekommen. Das Motto lautet "Einsparen". Urlaub im Hotel? Gestrichen, man geht lieber auf den Campingplatz. Neue Klamotten? Bloß nicht, auch wenn die Geschäfte mit Sonderangeboten überquellen. Teure Lebensmittel? Nicht mehr in jedem Fall. Die Konsumentenstimmung liege auf dem tiefsten Niveau seit 2003, hatte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) im April ermittelt.
Inzwischen gibt es Zeichen der Bodenbildung, ja sogar der Aufhellung. Dennoch: "Die Zeiten der Übertreibungen und des Schnickschnacks sind vorbei", sagt Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus, der bei den Übernachtungen in diesem Jahr ein Minus von 7 Prozent erwartet. Und nicht nur das. "Die Gäste konsumieren auch weniger", hat Schmid festgestellt.
Ihre Pläne für größere Anschaffungen haben die Schweizer aber trotz steigender Arbeitslosigkeit im Land nicht wesentlich geändert. Dies hängt offenbar mit Inflationsbefürchtungen zusammen und könnte den Konsum stützen. Karin Kleinemas, Leiterin Marketing Nordeuropa bei Axa Investment Managers, glaubt "Anzeichen einer beginnenden Inflationsangst" festzustellen, wie sie formuliert.
Der Vermögensverwalter hat im Juni die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage veröffentlicht, die das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest in seinem Auftrag durchführte. Die Frage lautete: Was würden Sie mit 50 000 Franken machen? 60 Prozent der angesprochenen Schweizer würden es in Geldanlagen wie Sparkonten, Investmentfonds oder Aktien investieren. Dies ist weniger als in den Vorjahren: 2007 waren 70 Prozent in Spar-Laune, 2008 immerhin noch 66 Prozent. Größere Anschaffungen planen 42 Prozent, verglichen mit 32 Prozent im Vorjahr. Immobilienkäufe oder Renovierungen erwägen 30 Prozent nach 34 Prozent im Vorjahr. Die Aussagen zu den Immobilien erstaunen ein wenig, da die Hypothekenzinsen im Mikrobereich liegen. Selbst Festhypotheken kosten für zwei Jahre gerade einmal 1,3 Prozent Zins, und auch die Zinssätze für zehn Jahre liegen bei bescheidenen 3,5 Prozent. Aber die Haus- und Wohnungspreise sind weiterhin hoch, in den Zentren in und um Zürich sowie Genf klaffen Nachfrage und Angebot nach wie vor auseinander. Dies bremst zusätzlich den Wunsch nach dem Erwerb von Wohneigentum im traditionellen "Mieterland" Schweiz.
Die Untersuchung von Axa-Winterthur förderte noch ein weiteres interessantes Ergebnis zutage. Im Vergleich zu ihren Nachbarn in Deutschland und Österreich sind den Schweizern spezielle Fonds wie Hedge-Fonds oder Exchange Traded Funds (ETF) besser bekannt. Zu viel sollte man auf dieses Wissen indes nicht geben. Gräbt man etwas tiefer, offenbaren sich erschreckende Lücken. So sagen 48 Prozent der Befragten, Geldmarktfonds seien ihnen ein Begriff. Die Mehrheit meint allerdings unzutreffenderweise, dass sie in unterschiedliche Währungen investierten, wo es doch um kurzfristige Anlagen wie Termingelder und Ähnliches geht. Ähnliche Defizite bestehen bei anderen Fondsarten.
Eines ist in jedem Fall richtig: Das Sparen besitzt für die Eidgenossen einen hohen Stellenwert. 2007 erreichte die Sparquote der Haushalte außerhalb des "Zwangssparens", wie zum Beispiel für die Rentenversicherung und die betriebliche Altersvorsorge, einen Wert von knapp 9 Prozent. Inklusive der Pflichtbeiträge für die Altersvorsorge liegt der Prozentsatz noch deutlich höher. Angaben für 2008 und 2009 liegen noch nicht vor. Psychologisch wird das Sparen in der Schweiz durch die Tatsache gefördert, dass - im Gegensatz etwa zu Deutschland - kein Krieg und keine Inflation Vermögenswerte vernichtet haben. Hinzu kommt eine relativ berechenbare Wirtschaftsentwicklung. Da beschäftigt man sich gerne mit dem Aufbau und der Mehrung von Vermögen.
Der so geschaffene Kapitalstock im Land hält die Zinsen niedrig. Was den Schweizern jedoch zunehmend Sorgen bereitet, ist ihre Altersversorgung. Traditionell beruht diese auf drei Pfeilern, der staatlichen Rentenversicherung in der sogenannten Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV), den betrieblichen Pensionskassen und dem darüber hinausgehenden Sparen in der sogenannten dritten Säule. Hier gibt es steuerliche Vorteile bis zu einem Betrag von 6600 Franken (4400 Euro) im Jahr. "Die ersten beiden Säulen dürften bei den meisten nicht reichen, um den bisherigen Lebensstandard zu halten", sagt Thomas Metzger, Partner im VZ Vermögenszentrum. Das Geschäftsmodell dieses Unternehmens fußt auf der Beratung in der privaten Altersvorsorge. Aber auch andere Experten fällen ein ähnliches Urteil.
Das verwundert nicht, bewegt sich doch die AHV-Rente zwischen 1140 und 2280 Franken im Monat. Das sind 760 bis 1520 Euro, wobei in der Schweiz die Lebenshaltung um 15 bis 20 Prozent teurer ist als in Deutschland. Was die zweite Säule der betrieblichen Altersversorgung betrifft, zu der die Arbeitgeber Beiträge (meist 50 Prozent) leisten, so war nach Daten des Bundesamts für Sozialversicherungen bis Ende 2008 die Hälfte der Pensionskassen in die Unterdeckung geraten. Dies bedeutet, dass ihren bestehenden Verpflichtungen kein entsprechend großer Kapitalstock gegenübersteht - ein weiterer Grund für Unruhe unter den Sparern und ihre Vorsorge für spätere Tage.
Die Schweiz erscheint als reiches Land. Doch auch hier sind die Vermögen sehr ungleich verteilt. Die letzten amtlichen Zahlen existieren für 2003. Nach Schätzungen der Caritas verdienten 2005 die 10 Prozent Reichsten gut zehnmal mehr als die 10 Prozent Ärmsten. Unter Berücksichtigung von Steuerzahlungen, Transferleistungen und Haushaltsgröße vermindert sich das Verhältnis auf sieben zu eins.
Zu Metzger vom VZ Vermögenszentrum kommen Leute ab etwa 50 Jahren. Zieht man Immobilien mit heran, befinden sich nach seiner Beobachtung in dieser Gruppe viele "versteckte Millionäre". Dies zeigt für ihn, dass die Interessenten nicht zu wenig gespart haben. Allerdings werde vielfach zu kurzfristig investiert oder es werden frühere Überschussanteile in den Lebensversicherungen einfach bis zum Ablauf der Verträge fortgeschrieben. Dies könne sich gerade in der Finanzmarktkrise rächen.
Sparen heißt Konsumverzicht. Wer mit einem knappen Lohn haushalten muss, kann nicht viel zur Seite legen. Wer träumt da nicht von einem hübschen Extra-Sümmchen? Das bringt so manchen in die Lotterien, Wettbüros und Kasinos. Der Glücksspielbranche blieb 2008 die Hochkonjunktur erhalten. Die Einnahmen von 2,9 Milliarden Franken bedeuteten eine Steigerung von 2,5 Prozent und übertrafen das Rekordjahr 2006 um rund 43 Millionen Franken. Statistisch gesehen gab jeder Eidgenosse im vergangenen Jahr 370 Franken für das schnelle Glück aus.
Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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