Herr Boersma, Sie steuern den Templeton Growth Fund, einen der größten Aktienfonds der Welt. Ist die Zeit der Erholung für Europas Aktienmärkte vorbei?
Was haben Sie erwartet? Natürlich konnten die Geldspritzen der Europäischen Zentralbank (EZB) die Stimmung an den Märkten zunächst verbessern. Aber es war aus meiner Sicht klar, dass diese Rallye nicht lange anhalten konnte. Dazu ist die Lage in den südeuropäischen Ländern weiter zu schwierig, der Sparzwang zu hoch - das zeigt allein schon die Situation in Spanien. Der Geldsegen der Zentralbanken hat die Probleme kurzfristig in den Hintergrund gerückt, jetzt sind sie wieder da. Geldspritzen allein helfen eben nicht.
Das klingt nicht optimistisch. Trotzdem investieren Sie weiter in europäische Aktien, Sie haben die Papiere sogar übergewichtet. Wie passt das zusammen?
Das mag auf den ersten Blick erstaunlich sein: Aber aus unserer Sicht passt das sehr gut. Denn speziell die europäischen Börsen bieten derzeit etwas, worüber sich Anleger freuen sollten: Volatilität.
Meinen Sie das ernst? Sie finden es also gut, dass europäische Aktien stark im Kurs schwanken?
Ja. Wissen Sie, eines kann ich wirklich nicht verstehen: Dass sich Anleger darüber beklagen, dass die Aktienkurse stark ausschlagen. Genau das ist es doch, woraus wir Investoren unseren Vorteil ziehen: Bewegen sich die Kurse kaum, lässt sich auch nichts verdienen. Und wenn alle Aktienkurse gleichmäßig in eine Richtung klettern, kann sich ein professioneller Investor ebenfalls nicht auszeichnen. Das geht nur, wenn Sie besondere Chancen bei einer Aktie entdecken, die die übrigen Marktteilnehmer übersehen. Die beste Bedingung dafür ist Volatilität.
Daran herrscht ja zurzeit kein Mangel. Wo in Europa sehen Sie denn besondere Chancen?
Bei Bankaktien zum Beispiel. Wir haben keine deutschen Geldhäuser im Portfolio, dafür aber Anteile an Banken in Frankreich und in Nordeuropa. Auch in Italien haben wir uns an einigen Instituten beteiligt.
Italienische Banken mitten in der Schuldenkrise? Manchem Privatanleger dürfte allein bei dem Gedanken schwindelig werden.
Klar, das erscheint intuitiv als falsch. Aber es entspricht exakt unserer Anlagephilosophie: Aktien dann zu kaufen, wenn alle anderen sie verschmähen - das ist der Grundsatz des sogenannten Value-Investing, dem wir bei Templeton seit mehr als 50 Jahren folgen. Bei Banktiteln waren wir übrigens auch lange sehr skeptisch. Aber selbst wenn das viele Marktteilnehmer so nicht wahrhaben wollen: Seit der Pleite von Lehman Brothers 2008 hat sich die Situation der Institute klar verbessert.
Woran machen Sie das fest? Europas Banken sind die Probleme doch noch immer nicht los.
Natürlich sind viele Institute weiterhin angeschlagen. Aber im Vergleich zu 2008 zeigen sie sich wesentlich stabiler: Die Umschuldung Griechenlands war so etwas wie ein einziger großer Stresstest. Den haben die meisten Banken zwar nicht mit Bravour bestanden, aber immerhin: Sie haben ihn bestanden. Und die EZB-Kapitalspritzen verschaffen zusätzlich Luft. Das Verrückte aber ist: Diese Verbesserungen spiegeln sich in den Kursen überhaupt nicht wider. Wichtige Kenngrößen wie das Kurs-Buchwert-Verhältnis sind auf dem gleichen Stand wie 2008. Mit anderen Worten: Bankaktien sind außerordentlich billig. Da mussten wir einfach zugreifen.
Sehen Sie denn gar keine Risiken?
Natürlich, viel hängt vom weiteren Verlauf der Euro-Krise ab. Darum achte ich vor allem auf eines: Keine Bankaktie darf einen Anteil von mehr als 0,5 Prozent im Portfolio erhalten - so ist das Risiko besser gestreut. Insgesamt machen Banken bei uns sechs Prozent aus.
Viele Investoren versuchen die Euro-Krise durch den Kauf von Aktiengesellschaften aus den Schwellenländern zu umgehen. Warum nutzen Sie das so selten?
Auf den ersten Blick mag das so aussehen: Firmen wie der brasilianische Eisenerzproduzent Vale oder der Elektronikkonzern Samsung aus Südkorea machen weniger als zehn Prozent des Portfolios aus. Aber in Wahrheit ist der Schwellenländer-Anteil viel höher: Weil wir einen überzeugenden Weg gefunden haben, um indirekt dort anzulegen - über den Kauf europäischen Aktien nämlich.
Wie soll das funktionieren?
Wegen der Schuldenkrise begegnen vor allem viele amerikanische Investoren europäischen Aktien mit Misstrauen. Sie fürchten sich regelrecht davor. Dabei ist das Unsinn. Denn welche große Aktiengesellschaft mit Sitz in Deutschland oder Frankreich ist heute noch ein rein europäisches Unternehmen? Nehmen Sie nur einmal Siemens. Das ist ein weltweit operierender Konzern, der bereits rund ein Drittel seines Umsatzes in den Schwellenländern erzielt. Trotzdem leidet der Aktienkurs unter den Problemen in Europa. Dabei ist der Kauf von Siemens-Papieren genaugenommen zu Teilen eine Investition in die Schwellenländer.
Trotzdem schwächelt die Siemens-Aktie. Was macht Sie so sicher, dass sich der Kauf auszahlt?
Die klassische Fundamentalanalyse, die wir bei jeder Aktie in unserem Portfolio anwenden. Wir prüfen also, wie das Management eines Unternehmens arbeitet, wie die Firma im Vergleich zur Konkurrenz dasteht und welche Wachstumschancen eine Branche als Ganzes hat. Wenn die Antworten positiv ausfallen, kommt am Ende nur noch eine Frage - die ist aber die wichtigste: Wo steht die Aktie gerade? Ist eine Firma an der Börse wesentlich weniger wert, als unsere Berechnungen ergeben, steigen wir ein. Mitunter braucht es dann etwas Geduld, bis der Kurs steigt. Aber auch das ist Teil unserer Anlagestrategie: Im Schnitt halten wir eine Aktie fünf Jahre lang.
Geduld brauchen auch viele Ihrer Anleger. Mit Blick auf die vergangenen fünf Jahre liegt der Fonds hinter dem Aktienmarkt zurück.
Das ist leider richtig. Gerade unmittelbar nach der Finanzkrise war es nicht leicht, unsere Investmentphilosophie erfolgreich umzusetzen. Damals wurde schlichtweg die Anlageklasse Aktien als Ganzes abgestraft - da war es schwer, einen geeigneten Ausweg zu finden.
Sie verwalten den Fonds von den Bahamas aus. Vielleicht sind Sie und Ihr Team einfach zu weit weg vom Marktgeschehen?
Das denke ich nicht. Schließlich sind wir ein langfristig orientierter Investor: Uns geht es nicht darum, in jeder Minute Aktien zu handeln - im Verlauf eines Jahres tauschen wir rund 20 Papiere im Portfolio aus. Um dabei die richtige Auswahl zu treffen, sind Abstand und ein kühler Kopf wichtig. Säßen wir im Herzen der Wall Street, würden wir ständig mit Informationen bombardiert - da entstünde ganz automatisch ein gewaltiger Handlungsdruck. Dem setzen wir uns bewusst nicht aus.
Der Templeton-Fonds existiert seit 1954, ist also einer der ältesten der Welt. Passt das Anlagekonzept überhaupt noch in die Zeit?
Aber natürlich. Sicher, zunächst investierte der Fonds fast nur in den Vereinigten Staaten und Kanada, erst in den 70er Jahren kamen Märkte wie Japan hinzu. Heute dagegen agieren wir global. Aber eines hat sich nicht geändert: Wir suchen weiter nach günstig bewerteten Aktien mit Kurspotential.
Firmengründer John Templeton hat den Fonds bis 1992 fast 40 Jahre lang selbst gesteuert. Was konnten Sie von ihm lernen?
Auf die eigene Erfahrung zu vertrauen. Als ich ihn kennenlernte, war er bereits älter als 80 Jahre, trotzdem immer hellwach. Ich erinnere mich, dass er uns Anfang der 90er Jahre vor dem Boom in Hongkong gewarnt hat. Alle haben damals abgewinkt. Einige Monate später ist die Blase geplatzt.
Das Gespräch führte Dennis Kremer.
Bereits 1954 wurde der Templeton Growth Fund vom Presbyterianer John Templeton gegründet. Templeton hatte ein Händchen fürs Geldanlegen: Sein Fonds entwickelte sich prächtig, nebenbei baute er die Anlagegesellschaft Templeton auf, die heute Franklin Templeton heißt. Das Konzept: Templeton investiert nur in unterbewertete, also günstige Aktien. Heute verwaltet Norm Boersma den Fonds mit einem Volumen von fast fünf Milliarden Euro. Die einstigen Erfolge aber bleiben aus: Die Wertentwicklung war zuletzt nur durchschnittlich. dek. „Wir kaufen Aktien dann, wenn alle anderen sie verschmähen.“