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Technische Analyse Zitterpartie an der Wall Street

26.11.2008 ·  Die Verfassung der amerikanischen Aktienmärkte verschlechtert sich zusehendes. Die richtungweisenden Aktienindizes sind allesamt auf zyklische Tiefs gestürzt. Jetzt rätseln die technischen Analysten, wie schlimm es noch kommt.

Von Arnd Hildebrand
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Der amerikanische Aktienmarkt ist in der vergangenen Woche in eine neue Phase seiner seit Juli 2007 laufenden Baisse eingetreten. Darüber können bei puristischer Betrachtung auch die Erholungen vom Freitag und Montag nicht hinwegtäuschen.

Alle bedeutenderen Indizes haben am Donnerstag neue zyklische Tiefs erreicht, bevor die Erholung einsetzte. Immerhin erreichte der Standard & Poor's 500 Index dabei den niedrigsten Stand seit April 1997. Andere Indizes fielen auf das tiefste Niveau seit mehr als fünf Jahren.

Dennoch streiten technisch orientierte Analysten recht heftig darüber, ob das Unterschreiten der so oft zitierten Tiefs vom 10. Oktober noch toleriert werden kann und daher eben nicht als Beginn einer neuen Baissephase zu werten sei. Dieser Streit spielt vor dem Hintergrund eines mächtigen Chors von fundamental orientierten Analysten, der lautstark verkündet, amerikanische Aktien im Allgemeinen seien beispiellos billig und daher jetzt unbedingt kaufenswert.

Historische Vorbilder taugen nur bedingt

Unbestritten ist auch im Lager der pessimistischen technischen Analysten, dass der Markt schon aus seiner extrem „überverkauften“ Lage heraus jederzeit zu einer kräftigen Erholung ansetzen kann. Immer wieder wird daran erinnert, dass sowohl nach dem Börsenkrach von 1929 bis weit in die dreißiger Jahre hinein an der Wall Street als auch in den neunziger Jahren in Tokio immer wieder höherprozentige Zwischenerholungen eingetreten sind, nur um später unter der Wucht neuer Verkäufe wieder in sich zusammenzufallen.

Doch auch technische Analysten erkennen an, dass Vergleiche mit diesen beiden Beispielen hinken. In beiden Fällen seien gravierende makroökonomische und monetäre Fehler begangen worden, die sich nach Lage der Dinge in der gegenwärtigen Situation so nicht wiederholen dürften, heißt es. Dies müsse auch im Rahmen einer technischen Lagebeurteilung beachtet werden.

Saut sagt ein Ende der Abwärtsbewegung voraus

Jeffrey Saut, einer der auch technisch argumentierenden Strategen von Raymond James, zählt zu jenen, die dem Unterschreiten der Tiefs vom 10. Oktober keine Bedeutung zumessen. Für ihn steht dieser Tag bis zum Beweis des Gegenteils für Aufgabe (Kapitulation) und damit für das Ende der Abwärtsbewegung. Saut belegt seine These damit, dass alle Tage nach diesem Datum, an denen höhere Umsätze verzeichnet wurden, Tage mit steigenden Kursen gewesen seien.

Dies deute darauf hin, dass die Börsianer den Markt unter reger gewordener Nachfrage nach oben getrieben hätten. An allen nach dem 10. Oktober beobachteten Tagen, an denen die Kurse gesunken seien, habe es geringere Umsätze gegeben. Dies bedeute, dass die Bereitschaft zum Verkaufen nicht mehr so stark gewesen sei wie vor diesem Datum.

Edwards sieht Markt in kritischer Verfassung

Albert Edwards, ein Stratege von Société Générale, der recht häufig ebenfalls technisch zu argumentieren pflegt, blickt über die Wall Street hinaus auf den weltweiten Aktienindex von Morgan Stanley Capital International (MSCI World Index) und stellt fest, dass der jüngste Einbruch an den Börsen diesen auf eine bis zum Jahr 1990 zurückreichende Stützungslinie gedrückt hat. Sie verlaufe bei gut 800 Punkten und sei als besonders kritisch anzusehen. Sollte der Index unter die langjährige Stützungslinie fallen, geriete auch die Wall Street unter sehr kurzfristigen Aspekten in wirklich ernste Schwierigkeiten, sagt der Stratege.

Breiten Raum nimmt auch die Schwankungsanfälligkeit (Volatilität) an der Wall Street in der Diskussion der technischen Analysten ein. Sie wird an den einzelnen Börsen in Vix-Indizes ausgedrückt. Als Faustregel gilt, dass die Volatilität in dem Maße zunimmt, in dem sich Unsicherheit und Risikofurcht unter den Anlegern breitmachen. Sie ist seit dem Ausbruch der laufenden Baisse steil gestiegen, hat aber bei weitem noch nicht wieder die Rekordwerte erreicht, die 1987 während des damaligen Oktober-Kursrutsches und 1929 verzeichnet wurden.

Montier achtet besonders auf die Volatilität

James Montier, ein anderer Stratege von Société Générale, sieht in stark steigender Volatilität den Ausdruck einer zunehmenden Überbewertung von Aktienmärkten, die auf übertrieben optimistischen Erwartungen beruhe und dann mit der Realität konfrontiert werde. Extreme Ausschläge der Volatilität träten ein, wenn Börsianer auf dem Kursgipfel den Kopf und in einer Talsohle die Nerven verlören.

Anhand einschlägiger Daten weist Montier nach, dass die Volatilität 1929 regelrecht explodierte und dann über die Große Depression der dreißiger Jahre hinweg bis weit in die nachfolgende wirtschaftliche Erholung hinein sehr hoch blieb. Alle, die jetzt auf einen baldigen Rückgang dieses Phänomens hofften, könnten daher stark enttäuscht werden, warnt er.

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