18.06.2008 · Ein Blick auf die Chartbewegungen früherer Jahre deutet darauf hin, dass die von den Leitindizes im Januar und März markierten Tiefs halten werden.
Von Mark ArbeterIn der vergangenen Woche gab es die sehnsüchtig erwartete Abkühlung von der brütenden Hitze im Nordosten Amerikas. Auf dem Energiemarkt hingegen gab es keine Atempause, da sich der Rohölpreis über der Marke von 130-Dollar je Fass hielt und der Erdgaspreis auf das höchste Niveau seit 2005 kletterte.
Unsere Einschätzung einer Korrektur im Energiekomplex scheint verfrüht gewesen zu sein, während sich unsere Prognosen größerer Stabilität und höherer Aktienkurse am Aktienmarkt noch nicht bewahrheitet haben.
Finanzwerte scheinen erneut überverkauft
Positiv zu verzeichnen ist jedoch, dass Finanzwerte erneut überverkauft scheinen, weshalb wir davon ausgehen, dass dort kurzfristig eine Gegenbewegung fällig ist. Darüber hinaus sehen wir einige - wenn auch noch nicht genug - gute Zeichen in den von uns beobachteten Stimmungsindikatoren, auf die wir immer wieder gerne als Orientierungshilfe für den Aktienmarkt zurückgreifen.
Bevor wir jedoch einen Blick auf die guten und schlechten Seiten der gegenwärtigen Marktsituation werfen, gehen wir einen Schritt zurück, sehen uns die historischen bullischen Umkehrmuster an und schauen, ob wir dort die eine oder andere Ähnlichkeit mit der heutigen Struktur finden. Die Frage, die in letzter Zeit in vielen internen Meetings gestellt wurde, ist, ob es wahrscheinlich scheint, dass die Tiefs vom Januar oder März erneut getestet oder - Gott bewahre! - unterschritten werden.
Umkehrsignale aus dem Lehrbuch - oder auch nicht
Unsere unmittelbare Antwort, die auf den zahlreichen von uns beobachteten mittel- und langfristigen Tiefs basiert, ist ein überwältigendes „Nein“. Sobald ein Doppeltief oder eine umgekehrte Kopf-Schulter-Formation voll ausgebildet ist, wäre dies ein Beispiel für ein bullisches Umkehrmuster wie aus dem Lehrbuch und deutet aus charttechnischer Sicht darauf hin, dass der vorherige bärische Trend wieder in einen bullischen umgekehrt wurde.
Es gibt jedoch auch ein Beispiel, in dem eine Umkehrformation voll ausgebildet war, der Markt daraufhin kippte und die Tiefststände erneut testete oder auf neue Tiefs vorstieß. Die Auswertung der Kursmuster kann ein wenig subjektiv ausfallen, da sie oft nicht den symmetrischen Vorlagen aus den Lehrbüchern für technische Analyse entsprechen, doch wir geben unser Bestes.
Historische Lehrstunden
Bei den Umkehrmustern beschränken wir uns auf diejenigen, die wir für die „bedeutendsten“ halten, und betrachten deshalb nur solche, die nach einem Baissemarkt oder einer größeren Korrektur aufgetreten sind. Der letzte Bärenmarkt, der im März 2003 zu Ende ging, wurde von einem Dreifachboden oder einer umgekehrten Kopf-Schulter-Formation umgewendet, je nach Definition und danach, welchen Index man sich ansieht.
Sobald das Tief voll ausgebildet war, wurde nicht einmal die Talsohle des Umkehrmusters getestet. Der Markt formte 1998 binnen kurzer Zeit ein Doppeltief, hob ab und kehrte nicht mehr auf den Boden zurück. Das Tief 1990/1991 war eine umgekehrte Kopf-Schulter-Formation mit zusätzlichen Schultern außerhalb des Hauptmusters.
Es ähnelt zwar dem jetzigen, bei dem der Markt ausbrach und dann auf den Boden der Formation zurückkehrte, testete dabei jedoch nie die Talsohle dieses Musters. Das letzte Tief 1991 entspricht einem Retracement zwischen 50 und 61,8 Prozent der von den Schlusstiefs des Jahres 1990 gestarteten Rally und befindet sich unweit des gegenwärtig beobachteten Retracements.
Historisches Versagen
Beim ausgebildeten Doppeltief 1987 kehrten die Kurs auf den Boden des Musters zurück, das Tief wurde jedoch nicht getestet. Das Markttief 1984 war ein Doppeltief mit einem Rücksetzer nach Ausbildung des Musters, das danach nicht wieder auf die Talsohle zurückfiel. 1982 sah das Markttief eher wie ein Dreifachboden aus, da es aus einer Reihe niedriger Tiefs und Hochs im selben Bereich bestand. Als die Kurse ausbrachen, gab es kein Zurück mehr. Das Doppeltief 1980 wurde nicht getestet, das Top der umgekehrten Kopf-Schulter-Formation 1978 hingegen schon, allerdings erst nach einer kräftigen Rally.
So kommen wir nun zum zermürbenden Bärenmarkt von 1973 bis 1974, der von einem Doppeltief umgekehrt wurde, als die Preise aus dem für Aktienwerte mörderischen Zeitraum herausschossen. Mitten in diesem Bärenmarkt jedoch, nachdem der Dow Jones Industrial Average (DJIA) um 24 Prozent auf sein Dezembertief von 1973 gefallen war, schloss der Index das Doppeltief ab, versagte dann jedoch auf weiter Flur.
Meistens stimmt's
Jetzt haben wir also endlich ein Beispiel. Oder doch nicht? Der Ausbruch des DJIA aus dem Doppeltief heraus hielt nur ganze vier Tage, wobei der Index lediglich 1,3 Prozent über das Zwischenhoch des Musters hinaus ansteigen konnte. Der S&P-500 schloss während dieses Zeitraums keine Umkehrformation ab, während der Nasdaq es gerade noch ein Doppeltief hervorbrachte, ehe er umkippte. Haken wir diesen Zeitraum also als gescheiterten Versuch einer Trendumkehr ab; die einzelnen Ausbrüche waren weder gleichmäßig genug noch reichte die Zeit und Länge nach den Ausbrüchen aus. So sind wir wieder bei Null angelangt.
Auf dem Weg zur Talsohle des Bärenmarkts von 1970 bildete der DJIA eine umgekehrte Kopf-Schulter-Formation aus, während der S&P-500 eine Art Tief ausformte, von der wir nicht wissen, wie wir sie nennen sollen. Dennoch, sobald die Indizes die jeweilige Talsohle verlassen hatten, fiel nur der DJIA zu einem Beinahe-Test des Ausbruchspunktes zurück.
Als die Kurse 1966 erst einmal aus der umkehrten Kopf-Schulter-Formation ausgebrochen waren, stiegen sie etwa acht Monate lang, bevor sie zurückfielen und den Ausbruchspunkt oder das Top der Kopf-Schulter-Formation testeten. Das Doppeltief von 1962 war ein weiterer Erfolg, bei dem die Kurse bis auf das Hoch von 1966 anstiegen. Das komplexe Tief von 1957-58 war ein weiteres maßgebliches Tief - während der Boden nach dem Ausbruch getestet wurde, blieben die Tiefs der Formation unangetastet.
Fehlschläge der frühen Zeiten
Wir müssen bis in die zweite Hälfte der 1940er-Jahre zurückgehen, um ein voll ausgebildetes, aber fehlgeschlagenes Umkehrmuster zu finden. Es kommt also vor, aber nicht sehr oft. Ende 1946 bildete der S&P einen komplexen Boden aus, brach dann stark aus, kehrte den ganzen Weg zurück und unterschritt die Tiefs von 1946. 1948 brach der S&P-500 erneut aus, wobei der Kurszuwachs im Laufe des nächsten Jahres wieder zunichte gemacht wurde, als das vorherige Tief erneut unterschritten wurde. Wir müssen also 60 Jahre zurückgehen, um einen Zeitraum in der Marktgeschichte zu finden, wo ein Ausbruch nach einem Bärenmarkt oder einer bedeutenden Korrektur fehlschlug.
Historische Schwäche der Finanzwerte als Chance
Zurück in der Gegenwart haben wir einen anhaltenden Ausverkauf der Finanzwerte, wobei der kürzliche Kursverlust an eine historische Schwäche grenzt. In den 25 Tagen bis zum 11. Juni fiel der KBW Bank Index (einer der maßgeblichen Indizes des Bankensektors) über 23 Prozent. Wenn wir wieder zurück bis ins Jahr 1994 gehen, wurde dieser Rückgang nur zweimal übertroffen, und zwar im Juli 2002 und im August 1998. Beide Zeiten waren hervorragend, um sich sowohl in Bankwerte als auch am Gesamtmarkt zu engagieren. In beiden Fällen setzten Finanzwerte zur Rally an, testeten die Tiefs erneut, bildeten Doppeltiefs und hoben dann ab.
Wenn wir uns den Financial Select Sector SPDR (einen börsennotierten Fonds auf die Finanzbranche des Aktienindex' S&P-500) ansehen, dann finden wir dort eine ähnliche Kurskaskade. In den 27 Tagen bis zum 11. Juni sind die Kurse über 19 Prozent gefallen. Dies wurde sowohl im Januar 2008 übertroffen, als auch damals an den Bärenmarkttiefs im Juli und Oktober 2002. Für die nicht allzu ferne Zukunft rechnen wir deshalb mit einer starken Gegenbewegung im Finanzsektor, allerdings innerhalb der Grenzen eines anhaltenden Bärenmarktes. Wir vermuten, dass es noch viele weitere Monate, wenn nicht sogar Jahre, dauern wird, bis sich der Sektor stabilisiert, einen Boden ausgebildet hat und dann höher steigt.
Ermutigende Zeichen an der Sentiment-Front
Langsam sehen wir ermutigende Zeichen an der Sentiment-Front, benötigen aber weitere Kursschwächen im Gesamtmarkt, damit all unsere Indikatoren bullische Werte aufweisen. Positiv zu verzeichnen ist, dass die Consensus-Umfrage auf einen Bullenanteil von lediglich 29 Prozent gefallen ist, nicht weit entfernt vom jüngsten Märztief von 22 Prozent. Die AAII-Umfrage unter Kleinanlegern zeigt einen Bärenanteil von 54 Prozent und einen Bullenanteil von 31 Prozent, was nicht ganz auf dem pessimistischen Niveau von 59 oder. 20 Prozent im Januar und März liegt, dem aber schon nahe kommt.
Der ISE-Sentiment-Index (ISEE) wies in der letzten Woche zwei ordentliche Werte in der Mitte der 70er auf, die niedrigsten und pessimistischsten Werte dieses Index' seit März und Anfang April. Während des Markttiefs im Januar und März fiel der Index unter 60, wir bewegen uns also in die richtige Richtung.
Mehr Pessimismus, bitte!
Bei vielen Talsohlen gibt es jedoch eine Serie sehr niedriger Tageswerte und nicht nur zwei Fälle. Was auf der Stimmungsseite für Beunruhigung sorgt, sind die Niveaus der auf alle Optionen bezogenen Put/Call-Ratios an der Chicagoer Optionsbörse (CBOE). Wenn wir die letzten Jahre als Leitfaden nehmen, lagen die auf alle Optionen bezogenen zehn- und dreißigtägigen Put/Call-Ratios an der CBOE weit über den derzeitigen Niveaus der Markttiefs. Nach unserer Ansicht benötigen wir deshalb einen weiteren Pessimismusschub am Optionsmarkt und damit schwächere Aktienkurse, bevor wir ein weiteres starkes und tragbares Tief ausbilden können.
Nach den gerade angestellten Untersuchungen und unter Einbeziehung der Niveaus aller Stimmungsindikatoren glauben wir weiterhin, dass weitere Kursschwächen notwendig sind, um den Bärenanteil in den von uns beobachteten Stimmungsindikatoren zu erhöhen; unserer Meinung nach wird die Schwäche jedoch auf Werte oberhalb der vom S&P-500 im März notierten Schlusstiefs bei 1.273 Punkten begrenzt bleiben.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |