01.08.2007 · Anleger neigen dazu, positiv auf die Welt zu blicken. Fiele der S&P 500 durch die Unterstützungszone im Bereich von 1.440 bis 1.465 Punkten, so könnten die Dinge sehr rasch aus dem Ruder laufen, denkt jedoch Mark Arbeter von S&P.
Von Mark ArbeterMittelfristige Pullbacks und Korrekturen während einer Hausse scheinen in mindestens zwei Ausprägungen aufzutreten - entweder mit starken Schmerzen, die urplötzlich eintreten, oder mit leichten Schmerzen, die Wochen oder Monate andauern. Bei dem Kurssturz Ende Juli handelt es sich offenbar um die erste Variante. In anderen Worten: Je schneller der Fall, desto rascher wird die Talsohle erreicht.
Während die Chartanalyse unser täglich Brot darstellt, ist es unserer Ansicht nach in Zeiten übertriebener Marktbewegungen - wie beispielsweise jenen, die wir in der vergangenen Woche beobachtet haben - ganz besonders wichtig, die Indikatoren zu beachten, die wir jede Woche besprechen. Warum? Die Chartanalyse nimmt die Emotionen aus der gesamten Anlageentscheidung und setzt uns zudem definierbare Ziele, auf die wir zusteuern sollten.
Kurzfristige charttechnische Unterstützungen durchbrochen
Dennoch versäumten wir es in der vergangenen Woche, die rote Flagge zu hissen, obgleich wir in unserem Kommentar einige vorsichtige Aussagen getroffen haben. Wir hoffen und wünschen uns, alle mittelfristigen Bewegungen beim Namen zu nennen, bevor sie eintreten, statt zu warten, bis gewisse Unterstützungslinien durchbrochen sind und dann erst lautstark zum Verkauf aufzurufen. Doch unsere Kristallkugel ist trüb, wenn auch hoffentlich nicht brüchig.
Während seines anhaltenden Ausverkaufs in der vergangenen Woche vernichtete der S&P 500 jegliche kurzfristige charttechnische Unterstützungen. Dies erinnert stark an die Pullbacks des Februars sowie des vergangenen Sommers. Am Dienstag brach der Index unter seinen exponentiell gleitenden 50-Tage-Durchschnitt, und am Donnerstag gab es kein Halten mehr. Der Index unterschritt zum ersten Mal seit Ende Februar den exponentiellen 65-Tage-Durchschnitt sowie den einfachen gleitenden 80-Tage-Durchschnitt.
Im Anschluss durchpflügte der S&P 500 den Tiefstand der W-Formation, die sich im Juni im Bereich von 1.490 Punkten herausgebildet hatte. Der Index stürzte weiter ab in eine Zone, in der es unserer Ansicht nach keine definierbare Unterstützung gibt, und sank innerhalb eines Tages bis auf 1.465,30 Punkte.
Direkt unterhalb des Intraday-Tiefs vom Donnerstag befindet sich eine Unterstützungszone im Bereich von 1.440 bis 1.465 Punkten. Unserer Ansicht nach wird es nicht nur zu einem Test dieser Zone kommen. Dieser Unterstützungsbereich muss unbedingt standhalten, da die Dinge sonst sehr rasch aus dem Ruder laufen könnten. Der S&P 500 prallte am Donnerstag vom ersten Unterstützungsbereich ab. Dies ist die seit vergangenem Juli anhand der Schlussstände gezogene Trendlinie. Eine ähnliche Trendlinie, die seit vergangenem Sommer anhand der Intraday-Tiefs gezogen wurde, liegt bei 1.450 Punkten. Das erste Stück signifikanter charttechnischer Unterstützung vom Februarhoch liegt bei 1.460 Punkten. Ein 50-prozentiges Retracement der Rally von März bis Juli nimmt Kurs auf die 1.463,60-Punkte-Marke, während sich ein 61,8-prozentiges Retracement weiter unten bei 1.442,50 Punkten ansiedelt.
Es wird wohl viel über den gleitenden 200-Tage-Durchschnitt und seine Bedeutung für die Unterstützung des S&P 500 geredet werden. Der einfache 200-Tage-Durchschnitt liegt bei 1448 und der exponentielle 200-Tage-Durchschnitt bei 1450 Punkten. Wir wissen nicht, warum dieser Durchschnitt so häufig durch die Presse geht, doch wir glauben, dass er kein guter Indikator zum Timing des gesamten Marktes ist.
Seit Beginn der Hausse sanken sowohl der einfache als auch der exponentielle 200-Tage-Durchschnitt viermal in den Keller, und der S&P 500 kehrte anschließend wieder nach oben zurück. Der exponentielle 200-Tage-Durchschnitt bot während des Pullbacks vom März in der Tat eine recht ordentliche Unterstützung, doch gelingt ihm einfach kein zuverlässiges Timing der längerfristigen Marktbewegungen.
Wir ziehen die Verwendung des exponentiell gleitenden 325-Tage-Durchschnitts vor, der einem 65-Wochen-Durchschnitt entspricht. Diese Linie lieferte dem S&P im August 2003, im August 2004, im April 2005 sowie im September 2005 eine untere Grenze und diente zudem im Sommer 2006 als eine, wenn auch nicht perfekte, Unterstützungslinie.
Neben dem 325-Tage-Durchschnitt beobachten wir eine Reihe von Crossover-Systemen einfacher gleitender Durchschnitte, die sich so manches Mal als äußerst wertvoll erwiesen haben, indem sie die Anleger während einer Hausse im Markt hielten und sie während einer Baisse außer vor ließen. Wir betrachten den exponentiellen 13-Wochen-Durchschnitt im Vergleich zum exponentiellen 34-Wochen-Durchschnitt und den exponentiellen 17-Wochen-Durchschnitt im Vergleich zum 43-Wochen-Durchschnitt. Zufälligerweise sind die Dreizehn wie auch die 34 Fibonacci-Zahlen.
Wie nutzen diese Crossover-Systeme auf vielfältige Weise. Befindet sich der Markt zum Beispiel mittelfristig in einer Rally und weitet sich die Kluft zwischen beiden aus, so steigt die Wahrscheinlichkeit eines Pullbacks oder einer Korrektur. Sinkt der S&P 500 unter den 13-Wochen- oder den 17-Wochen-Durchschnitt, so ist vom mittelfristigen Standpunkt aus gesehen Vorsicht angeraten.
Der wahre Wert eines längerfristigen Markttimings besteht jedoch in der Suche nach bullischen und bärischen Crossovers. Seit Mai bzw. Juni 2003 senden beide Crossover-Systeme Kaufsignale aus, und obgleich es manchmal beinahe zu Fehlern gekommen wäre, trat bislang in keinem der Systeme ein bärisches Muster auf.
Wir glauben, dass die Geschehnisse vom Donnerstag zumindest Teil eines Panikverkaufs darstellten, der noch nicht ganz zu Ende ist. Im Grunde warten wir zurzeit auf einen weiteren Hieb, bevor wir zuversichtlicher werden, dass das Schlimmste vorbei ist. Sowohl die New Yorker Börse als auch der Nasdaq verbuchten am Donnerstag Umsätze in Rekordhöhe, da die Marktteilnehmer, wie wir glauben, in letzter Zeit weniger rational, sondern eher emotional handeln. Diese Zeiten sind zwar mitunter recht nervenaufreibend, doch oftmals repräsentieren sie einen Markt, der sich näher an einer Talsohle befindet als einer, dem ein längerer Abwärtstrend erst noch bevorsteht.
Haarsträubende „interne Marktdaten“
Die internen Marktdaten sahen am Donnerstag haarsträubend aus. Dies wird häufig nach einem recht ansehnlichen Pullback und üblicherweise nicht in derart unmittelbarer Nähe eines Allzeithochs beobachtet. Die neuen Tiefstände/gehandelte Emissionen der NYSE schossen auf 23,5 Prozent, den höchsten Wert seit dem 10. Mai 2004, als sie 24,2 Prozent erreichten. So viele Tiefstände sieht man selten, und noch seltener sieht man so viele Tiefstände, wenn sich der Markt so nahe an einem Rekordhoch befindet. Seit 1990 kam es nur 15mal vor, dass die neuen Tiefstände/gehandelte Emissionen die 20-Prozent-Marke überschritten. Vier Fälle hiervon traten während der Baisse von 1998 hintereinander in Folge auf, fünf während der Baisse von 1990. Im Allgemeinen treten sie tendenziell dann auf, wenn der Boden einer extremen Talsohle erreicht wird oder wenn sich Hinweise auf Panikverkäufe mehren und alles abgestoßen wird.
Die Kombination der Tiefstände der NYSE und des Nasdaq schlug am Donnerstag mit einem Gesamtwert von 1.197 ebenfalls markant zu Buche. Dies war der höchste Wert seit dem 24. Juli 2002 bzw. einen Tag nach dem ersten Tiefstand der Baisse. Im Verlauf der derzeitigen Hausse stellen Werte über 400 ein überkauftes Territorium dar. Bevor wir eine Talsohle ausrufen, würden wir in diesen Charts gern eine positive Divergenz oder einen geringeren Höchststand in der Zahl der Emissionen erkennen, die 52-wöchige Tiefstände verbuchen. Dies kann Wochen oder Monate dauern, je nach Dauer des Pullbacks oder der Korrektur.
Unserer Ansicht nach weist der Aktienmarkt mittelfristig eine Baissetendenz auf. Trotz einiger Hinweise auf Panikverkäufe und schlechter Interndaten erreicht der Markt erst dann eine Talsohle, wenn die Kursbewegungen dies bezeugen. Obgleich es nicht notwendig ist, wünschen wir uns eine deutliche Trendwende nach oben, die innerhalb eines Tages stattfindet, gefolgt von einer relativ starken Rally, die misslingt und dann den ersten Tiefstand testet. Anschließend wünschen wir uns eine starke Aufwärtsbewegung, möglichst mit starkem Handelsvolumen, das das erste Rally-Hoch übertrifft.
Was wir gerade beschrieben haben, ist eine W-Formation, die oftmals als bullische Umkehrformation auftritt. Sicherlich gibt es auch andere Arten von Tiefständen, doch diese scheint die häufigste zu sein. Bevor eine Art der Umkehrformation auf uns zukommt, warten wir am besten ab, bis der Markt uns verrät, wann wir die Talsohle erreichen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |