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Technische Analyse Die Aufwärtstrends sind intakt

28.04.2006 ·  Aktien, Rohstoffe, Zinsen - alles steigt in schönster Eintracht. Fundamental ist das nicht zu erklären, technisch aber schon: Die Märkte befinden sich in beeindruckend etablierten Aufwärtstrends, deren Ende nicht absehbar ist.

Von Wieland Staud
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Wenn alles steigt und gar nichts fällt, ist das eine richtig heile Börsenwelt. Stimmt doch? Oder etwa nicht? Auf jeden Fall leben wir in wilden Zeiten. Seit Jahr und Tag steigen Aktien und Rohstoffe in schönster Eintracht und seit etwa sechs Monaten auch noch die Zinsen. Und weil alles gerade so schön steigt, will wohl auch der Euro nicht zurückstehen. Eine verrückte Welt.

Es ist eine Zeit, in der jeder Technische Analyst sich freuen muß, daß er ein solcher ist, daß er die Charts analysieren darf und nicht etwa das fundamentale Umfeld zu bewerten und daraus Prognosen abzuleiten hat. Denn fundamental betrachtet, kann das alles nie und nimmer sein. Wenn Zinsen, Rohstoffe und dann auch noch der Euro signifikant an Wert gewinnen, dann sollten doch wenigstens die Aktienmärkte den Weg nach Süden einschlagen. Oder umgekehrt: Wenn Aktien dauerhaft und beeindruckend steigen, dann sollten sich doch wenigstens deren Belastungsfaktoren ein wenig zurückhalten und nicht mit markant steigenden Niveaus glänzen.

Nichts ist wahrscheinlicher als die Fortsetzung eines etablierten Trends

Aber momentan ist alles anders. Die fundamentale Erklärung dafür, warum das alles so ist, würde weit mehr Platz füllen, als hier zur Verfügung steht, wäre darüber hinaus für einen Technischen Analysten wohl so etwas wie Amtsmißbrauch und unterbleibt deshalb auch. Unter technisch-analytischen Gesichtspunkten findet sich eine Erklärung für diese Entwicklung vergleichsweise schnell, und sie ist auch beeindruckend einfach. Denn mit kleinen Abstrichen beim Euro befinden sich alle genannten Märkte in beeindruckend etablierten Aufwärtstrends, deren Ende schon vor Monaten nicht absehbar war und es auch heute noch ist.

Nichts ist wahrscheinlicher als die Fortsetzung eines etablierten Trends. Nichts ist unwahrscheinlicher als dessen Umkehr. Deshalb steigt seit geraumer Zeit alles und wird es auch weiterhin tun. Zumindest ist das die wahrscheinlichste Variante. Die zentrale Botschaft des letzten Jahres aber ist, daß das selbst dann noch gilt, wenn die durch eine Intermarket- Analyse vorgegebenen Rahmenbedingungen die Fortsetzung der jeweilig herrschenden Trends scheinbar extrem unwahrscheinlich machen.

Dax hat das strategische Kursziel fast erreicht

Zur Einzelkritik und damit zunächst zum Dax: Der Deutsche Aktienindex legte auch in den Wochen vor und nach Ostern wieder ein paar Punkte zu. Mittlerweile fehlen zu unserem strategischen Kursziel von 6.230 weniger als 100 Punkte, und man muß mittlerweile wohl nicht mehr mit besonderen analytischen oder hellseherischen Fähigkeiten gesegnet sein, um zu der Feststellung zu gelangen, daß er dort auch ankommen wird.

Für eine Einschätzung, wie es weitergeht, wenn der Dax demnächst diese kritische Marke erreicht haben wird, ist es allerdings noch ein wenig früh. Zwei Dinge dürfen aber dennoch als ziemlich sicher gelten: erstens ist in etablierten Trends mit einer abrupten Umkehr grundsätzlich, damit auch im vorliegenden Fall, nicht zu rechnen, und zweitens würden erst Kurse unter der analytischen Verlustbegrenzung von jetzt 5.460 Punkten eine völlige Neuorientierung nötig machen. Aber damit rechnen wir weiterhin nicht.

Rendite vor einer Verschnaufpause

Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen hat das angestrebte Ziel von 4 Prozent bereits erreicht. Momentan spricht angesichts bedeutender Widerstandszonen in den Renditecharts und ebenso bedeutender Unterstützungen in den Kurscharts der Anleihen und des Bund Futures, des wichtigsten Terminkontrakts für Bundesanleihen, einiges dafür, daß es auf dem erreichten Niveau erst einmal zu einer Verschnaufpause kommen wird. Aber auch da gilt das oben über das Wesen von Trends Gesagte.

Eine erneute Wende bei der Zinsentwicklung wäre vielleicht wünschenswert, und wirklich ausschließen kann man sie auch nicht. Aber sie ist sehr unwahrscheinlich. Die Zinsen werden weiter steigen. Erste Aussagen über die mittelfristigen Ziele des jüngsten Renditeanstiegs werden möglich sein, sobald die Renditen der zehnjährigen Bundesanleihen erstmals das Niveau von 4,25 Prozent überschreiten.

Züge einer Kaufpanik bei Rohstoffen

Auch der Euro wird seinen Anstieg fortsetzen. Mit Kursen zwischen 1,28 und 1,30 Dollar kann in der Spitze in den nächsten Wochen und Monaten gerechnet werden. Einzig die Entwicklung bei den Rohstoffen ist nicht so ganz eindeutig. Zwar hat der CRB Index wie gefordert neue Rekordwerte erreicht und damit ein ganz vorzügliches neues Kaufsignal geliefert. Andererseits tragen Entwicklungen, wie sie erst in den letzten Tagen zum Beispiel bei Silber, Gold und Kupfer, jedoch nicht beim Öl beobachtet werden konnten, alle Züge einer Kaufpanik. Damit wiederum ist die Wahrscheinlichkeit für ein nahendes vorläufiges Ende der Rohstoffrally ein wenig angestiegen. Die Betonung liegt dabei aber auf dem Wort „vorläufig“. Der Rohstoffhausse heute ihr generelles Ende für die nahe Zukunft zu prognostizieren wäre fahrlässig.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: ja, wir leben in einer schönen Zeit. Wir sollten sie genießen. Die Wahrscheinlichkeit dafür, daß sich eine solche Konstellation gerade für Aktienbesitzer irgendwann im nächsten Jahrzehnt noch einmal einstellt, ist sehr gering.

Der Autor leitet die Staud Research GmbH, Bad Homburg.

Quelle: F.A.Z., 28.04.2006, Nr. 99 / Seite 22
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