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Südafrika Lieber im Hinterhof sparen als bei der Bank

06.08.2009 ·  Sie heißen „Ivory Sisters“ oder „Happy Family“ und sind die südafrikanische Antwort auf das Sparbuch. Statt bei einer Bank spart vor allem die schwarze Bevölkerung lieber gemeinsam in informellen Clubs - ohne Zinserträge. Insgesamt ist die Sparquote in Südafrika jedoch negativ.

Von Claudia Bröll, Johannesburg
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Lucky Moyo spart mit Begeisterung. Der schwarze Südafrikaner trägt seine Rand-Scheine jedoch nicht zu einer Bank. Wie seine Eltern, Großeltern und vermutlich Urgroßeltern legt er gemeinsam mit Freunden privat Geld zur Seite. Die Männer haben ihren informellen Sparerclub "Tirisano" genannt, was in der afrikanischen Setswana-Sprache so viel heißt wie "zusammenarbeiten". Monatlich zahlt jeder 300 Rand (26 Euro) in einen Topf ein. Am Ende des Jahres wird die zusammengetragene Summe ausgeschüttet. Moyo und seine Freunde wollen sich mit dem so Ersparten einen gemeinsamen Traum verwirklichen: einen Kunsthandwerksbetrieb.

Seit Urzeiten sparen vor allem schwarze Südafrikaner lieber gemeinschaftlich in Clubs wie dem von Moyo, als ihr Geld in gängige Anlageformen zu investieren. Die Stokvels genannten Gemeinschaften sind Teil eines riesigen informellen Finanzmarktes, der neben den registrierten Finanzinstituten existiert und kräftig wächst. Schätzungen zufolge gehören rund 8 Millionen Menschen einer Stokvel an, die im Jahr umgerechnet bis zu einer Milliarde Euro sparen. In der aktuellen Wirtschaftskrise erleben die Kooperativen besonderen Zulauf - auch wenn diese Form des Sparens keine Zinsen bringt.

"Die Leute zwingen sich so, Geld beiseitezulegen. Dafür verbünden sie sich lieber mit Menschen, die sie kennen und denen sie vertrauen, als mit Banken", erklärt Gabulani Khumalo vom Fin-Mark Trust. Die Stokvels entwickelten sich in der Zeit der Apartheidregierung aus der Not heraus, weil die schwarze Bevölkerung vom Finanzmarkt weitgehend abgeschnitten war. Ihre Popularität nimmt jedoch auch im demokratischen Südafrika nicht ab. Heute noch schließen sich die Bewohner eines Dorfes, Familienmitglieder, Freunde oder Arbeitskollegen zum Sparen zusammen.

Hinterhofvereinigungen mit schillernden Namen

Teils sind es nur eine Handvoll Mitglieder, teils mehrere hundert, die ihren Hinterhofvereinigungen schillernde Namen geben wie "Ivory Sisters", "Happy Family" oder "Extreme Ladies Club". Zum Kreis gehören nicht nur die Armen. Auch die neue schwarze Oberschicht ist aktiv, wenn auch nicht aus der Not heraus, sondern wohl eher aus Traditionsbewusstsein. Die Wirtschaftskrise dürfte einen weiteren Zustrom bescheren, vermutet Khumalo. "In schweren Zeiten schließen sich die Menschen noch enger zusammen."

Traditionell werden die Ersparnisse zum gemeinsamen Einkauf von Lebensmitteln genutzt, beispielsweise für das Weihnachtsfest. Beliebt ist auch die Rotationsvariante, bei der der gesamte Geldtopf abwechselnd an ein Mitglied ausgeschüttet wird, das sich damit eine größere Anschaffung leisten kann. Viele Südafrikaner sparen über Stokvels auch für einen guten Zweck. Moderne Varianten gleichen Anlageclubs, in denen die zusammengetragene Summe am Kapitalmarkt oder wie bei "Tirisano" in ein gemeinsames Unternehmen investiert wird.

Die Stokvels sind zum einen Ausdruck des "Ubuntu", des stark ausgeprägten Gemeinschaftsgefühls schwarzer Südafrikaner, zum anderen spiegeln sie deren weit- verbreitete Abneigung gegenüber den Banken. Jeder dritte Südafrikaner und fast jeder zweite Schwarze hat kein Bankkonto.

Die oft großen Entfernungen zur nächsten Filiale auf dem Lande sind nur ein Grund. Schwerer wiegen die relativ hohen Bankgebühren in Südafrika, die im vergangenen Jahr sogar die Wettbewerbsbehörde zu einer harschen Kritik veranlassten. In den Stokvels dagegen fallen keine Gebühren an. Allerdings wird das Kapital auch nicht verzinst. Trotz einer Inflationsrate von knapp 7 Prozent scheint das niemanden zu stören. "Bei einer Bank würde von den Zinserträgen auch kaum etwas übrig bleiben", erklärt Khumalo, "warum also soll man sich all die Formalitäten dort aufhalsen, wenn es auch informell funktioniert?"

Geringe Sparneigung in Südafrika

Insgesamt betrachtet, sind die Südafrikaner kein Volk von Sparern. Im vergangenen Jahr lag die Sparquote der privaten Haushalte bei minus 0,4 Prozent. Die Haushalte haben demnach mehr Kredite aufgenommen, als sie gespart haben. Die negative Sparquote bereitet der Regierung großes Kopfzerbrechen. Finanzminister Pravin Gordhan wird nicht müde, zum Konsumverzicht aufzurufen. Südafrika hat ein chronisch hohes Leistungsbilanzdefizit von zuletzt 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Land braucht Ersparnisse in der Heimat, um die starken Schwankungen des ausländischen Kapitalzustroms abzufedern.

Für die geringe Sparneigung gibt es mehrere Gründe. "Wir haben so viele schwierige Zeiten erlebt, dass wir nicht langfristig planen. Die Gegenwart zählt mehr als die Zukunft", sagt Nicky Weimar, Volkswirt bei der Nedbank, einer der fünf führenden Banken. Zusätzlich biete das Steuersystem kaum Sparanreize. Schon von einem niedrigen Niveau aus würden die Erträge nahezu aller Sparformen hoch besteuert. Außerdem zeigt sich in Südafrika seit dem Ende der Rassentrennung vor 15 Jahren ein ähnliches Phänomen wie in Russland oder China nach dem Ende des Kommunismus: Die Menschen verfielen in einen Konsumrausch. Statussymbole wie Autos oder Kleidung spielen dabei eine wichtige Rolle, selbst für die Ärmeren.

Tatsächlich ist die Sparquote im "neuen Südafrika" rapide gefallen. "In den Schwarzengettos legte sich damals jeder selbst von bescheidenen Einkünften etwas zur Seite. Zugang zu Bankkrediten gab es nicht, auch kaum staatliche Unterstützung", erklärt Elizabeth Lwanga-Nanziri vom South African Savings Institute. Die ersten freien Wahlen katapultierten die einst unterdrückten Menschen, die 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen, nicht nur in ein demokratisches System, sondern auch in das Kreditkartenzeitalter - ohne dass sie darauf vorbereitet waren. Einzelhändler überschütteten ihre Klienten mit Kreditkarten. Großenteils hatten diese von Begriffen wie Verzinsung und Tilgung noch nie etwas gehört. "Die Konsumenten laufen in die Geschäfte und Banken, zu Autohändlern und Immobilienmaklern wie Schafe, unwissend, unschuldig und bereit, vollständig geschoren zu werden", hieß es in einer vom Handelsministerium in Auftrag gegebenen Studie aus dem Jahr 2002. In der Folge stieg die Verschuldung der Haushalte sukzessive an. Anfang 2008 erreichte sie den Rekordwert von 78 Prozent des verfügbaren Einkommens. Der Gesetzgeber reagierte erst 2007 mit der Verabschiedung strikterer Regeln zur Kreditvergabe (National Credit Act). Das Gesetz zeigte Wirkung, wenn auch die Zahl der überschuldeten Bürger immer noch sehr hoch ist. Die Regulierung sowie die Rezession, die seit Anfang des Jahres auch Südafrika erreicht hat, führten dazu, dass sich die Sparquote Anfang dieses Jahres leicht verbessert hat, aber immer noch im negativen Bereich liegt. "Wenn die Wirtschaftskrise etwas Gutes hat, dann ist es die Tatsache, dass die Leute ihr Geld etwas vorsichtiger ausgeben", sagt Lwanga-Nanziri.

Wo der Großteil der Bevölkerung lebt, in den Armenvierteln der Städte und auf dem Land, liegt es freilich nicht an Bankgebühren, Steuern oder Kreditkartenrechnungen, dass die Bewohner nicht sparen. Auch Stokvels können viele nicht dazu verführen. Erica Cungwa beispielsweise lebt mit ihrer fünfköpfigen Familie in einem Häuschen in Bredasdorp, einem 200 Kilometer von Kapstadt entfernten Städtchen. 4000 Rand, umgerechnet 360 Euro, bringt ihr Mann, ein Soldat, im Monat nach Hause. "Am Ende des Monats ist davon nichts übrig. Es wird ja auch alles ständig teurer, der Strom, die kommunalen Abgaben, die Lebensmittel. Wir schaffen es kaum, das Allernotwendigste zum Leben zu bezahlen." Als vor kurzem ein Onkel gestorben sei, habe die im ganzen Land verstreut lebende Familie das Geld zusammengekratzt, um zumindest einem Familienmitglied die Reise zur Beerdigung zu finanzieren. Für schwarze Afrikaner kommt es einer Sünde gleich, Verwandten nicht das letzte Geleit zu geben. Auf die Frage, wie viel sie jeden Monat spart, schüttelt Cungwa daher nur den Kopf. "Sparen? Das ist etwas für Reiche."

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