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Strategie Vorsicht - Durchschnittsrendite!

30.05.2006 ·  „Langfristig sind Aktien sichere und rentable Anlagen,“ heißt es immer wieder. Durchschnittsrechnungen blenden aber lange Phasen aus, in denen mit solchen Papieren nicht viel zu gewinnen war. Steht eine Wiederholung an?

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Das „stärkste Wirtschaftswachstum seit drei Jahrzehnten“ hat bisher die Phantasie der internationalen Anleger beflügelt. Sie rechneten optimistisch mit weiter steigenden Unternehmensgewinnen, obwohl die Ertragsmargen schon auf Rekordhoch waren und aus diesem Grund eigentlich nicht mehr weiter zunehmen konnten.

Gleichzeitig wurde auch die Tatsache geleugnet, daß das Wachstum in den vergangenen Jahren einerseits von außerordentlichen Sonderbedingungen getrieben wurde, die aber auf der anderen Seite zu ebenso außerordentlichen Ungleichgewichten geführt haben. Keiner weiß genau, wie sich diese Konstellation ohne größere Turbulenzen wird auflösen lassen. In jüngster Zeit sind sogar „Perma-Bären“ wie Steven Roach optimistisch geworden, weil sie an eine gemeinsame Vision der großen Wirtschaftsnationen zur Lösung der Probleme glauben.

Tiefe Zinsen - hohe Geldmengen - starkes Wachstum - große Ungleichgewichte - instabile Lage

Was hat die Welt beflügelt? Das waren in erster Linie extrem tiefe Zinsen und hohe Geldmengen weltweit. Sie führten vor allem in den Vereinigten Staaten zu einem wahren Konsumrausch, der in den asiatischen Produzentenländern zu einem Produktions- und Investitionsboom führte. Diese Konstellation wurde gestützt durch die direkte oder indirekte Bindung der asiatischen Währungen an den amerikanischen Dollar. Das Resultat war allerdings, daß die Währungsreserven in den Ländern der Region explodierten, die Sparquote in Amerika negativ und das Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten immer größer wurde.

Wurden die Devisen lange Zeit in amerikanische Schatzanweisungen investiert, so scheint das Interesse daran immer mehr nachzulassen. Zu offensichtlich ist das Interesse Amerikas an einem schwächeren Dollar, um auf diese Weise die in den vergangenen Jahrzehnten verlorene Wettbewerbsfähigkeit auszugleichen. So drängt sich immer mehr die Vermutung auf, steigende Preise von Edelmetallen und Industrierohstoffen seien nicht nur auf die zunehmende Nachfrage zurückzuführen, sondern vor allem auch auf monetäre Effekte, sprich: eine viel zu lockere Geldpolitik weltweit.

Die inflationären Effekte zeigen sich nicht nur in den künstlich tief gehaltenen Inflationsraten, sondern auch bei den Vermögenswerten und in der Entwicklung der Rohstoffpreise. Diese schlagen nun langsam aber sicher auf den Konsumenten durch. So dürfte es kaum verwundern, daß die Zentralbanken auf die geldpolitische Bremse treten. Damit nimmt die Gefahr einer harten Landung zu.

Die amerikanische Notenbank hat seit Juni des Jahres 2004 insgesamt 16 Mal die Zinsschraube angezogen. Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, kündigte am 11. Mai an, die Währungshüter würden „sehr wachsam“ bleiben und seien bereit, „schnell zu handeln“, um Preisdruck entgegen zu treten. Sechzehn von 28 Zentralbanken haben in diesem Jahr die Zinsen angehoben, auch die chinesische und indische Notenbank. Selbst in Japan scheinen die Zinsen bald erhöht werden müssen.

Waren die Zentralbanken zu lange „zu locker“?

Einige Ökonomen befürchten sogar, die Notenbanken hätten zu lange gewartet und müßten nun stärker auf die Bremse treten. Aus diesem Grund scheinen die Börsen nervös zu werden. Handeln die Notenbanken nicht entschieden genug, kann eine inflationäre Entwicklung nicht ausgeschlossen werden - mit allen Konsequenzen. Sollten sie die Zügel jedoch deutlicher anziehen, wäre eine deflationäre Entwicklung mit negativen Folgen für das globale Wirtschaftswachstum möglich. Denn in manchen Bereichen sind die Kapazitäten und in anderen die Preise viel zu stark gestiegen, vor allem an den angelsächsischen Immobilienmärkten. Eine Korrektur hätte lähmende Folgen wie im Japan der achtziger Jahren.

In diesem Sinne und auch mit Blick auf die Bewertung vor allem amerikanischer Aktien scheint eine Wiederholung der Jahre 1966 bis 1982 möglich zu sein. Damals liefen die großen Börsen mehrere Jahre lang seitwärts. Das könnte die langfristigen Durchschnittsrenditen von Aktien deutlich drücken, nachdem diese in den neunziger Jahren aufgrund der inflationären Geldpolitik überdurchschnittlich waren.

Insgesamt dürfte ratsam sein, langfristigen Durchschnittsrechnungen kritisch zu begegnen. Denn diese blenden aus, daß es an den Börsen immer wieder sehr lange Phasen gab, in denen der Anleger gemessen an einem Index wie dem Dow Jones Industrial keinen Blumentopf gewinnen konnte.

Das war nicht nur in den Jahren zwischen 1966 und 1982 so, sondern auch in den Jahren 1912 bis 1919 (wobei die Börse zwischen Juli 1914 und April 1915 nur begrenzt geöffnet war) und nach einem Kursverlust von knapp 90 Prozent in den Jahren 1929 bis 1932 brauchte der Index über 25 Jahre, bis er die Verluste wieder voll aufgeholt hatte. In diesem Sinne scheint ein gewisser Pragmatismus ratsamer zu sein als das Vertrauen auf langfristige Durchschnittsrenditen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @cri
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