30.08.2007 · Die meisten Vorschläge zur Bewältigung der Subprime-Krise sind bestenfalls impraktikabel. Doch gibt es überhaupt Mittel und Wege, um die Auswirkungen der Subprime-Krise auf die Wirtschaft abzudämpfen?
Von Dawn KopeckiAngesichts der Turbulenzen auf den Finanzmärkten und der rückläufigen Eigenheimpreise fragen sich Politiker und Marktteilnehmer an der Wall Street, was zu tun ist oder getan werden sollte, um die negativen Auswirkungen auf die breite Wirtschaft zu minimieren. Sollte die amerikanische Notenbank Fed stärker aktiv werden, um das Vertrauen in die Märkte wiederherzustellen? Sollte der Gesetzgeber eingreifen, um eine Flut lokaler Zwangsversteigerungen zu verhindern?
Einer der radikalsten Vorschläge kommt von Bill Gross, dem Anleihen-Guru der Allianz-Fondstochter Pimco. Gross ruft nach dem Staat und zur Auflage eines Rettungsprogramms für Eigenheimbesitzer. „Es sollten Schecks ausgestellt werden, um ihnen aus der Klemme zu helfen und einer fatalen Eigenheimdeflation vorzubeugen, wozu [Fed-Präsident] Ben Bernanke nicht in der Lage ist“, fordert Gross. „Wenn wir Chrysler aus der Patsche helfen können, wieso können wir dann nicht auch den amerikanischen Eigenheimbesitzern unter die Arme greifen?“
Doch genug der großen Gesten. Die massenhaft aufkommenden Vorschläge eignen sich besser für reißerische Schlagzeilen als zur tatsächlichen Lösung der aktuellen Probleme. In ihrer Mehrzahl sind sie politisch nicht durchsetzbar, schwerfällig oder schlichtweg Nonsens. Man denke nur einen Augenblick über einen möglichen steuerfinanzierten Rettungsfonds für die Finanzdienstleister Countrywide Financial und New Century Financial nach - eben jene Subprime-Kreditgeber, die zur Aufblähung der Kreditblase beigetragen haben. Daneben gibt es auch Zeitgenossen, die daran glauben, dass die beiden als Aktiengesellschaften geführten Hypothekenbanken mit öffentlich-rechtlichem Auftrag - Federal National Mortgage Association („Fannie Mae“) und Federal Home Loan Mortgage Corporation („Freddie Mac“) - das gesamte System des amerikanischen Wohnungsbaus vor dem Ruin bewahren könnten. Nur in Washington fällt es schwer zu verstehen, dass gewinnorientierte Aktiengesellschaften nicht gerade willige Käufer eindeutig schlechter Investments sein könnten.
„Manchmal ist es besser, auf die Selbstreinigungskräfte des Marktes zu vertrauen“
Geschwindigkeit und Pragmatismus sind die Gebote der Stunde. Nach ihrer unlängst vorgenommenen Absenkung des Diskontsatzes kann die Fed mit einer Leitzinssenkung sicherlich noch einiges bewegen. Staatliche Institutionen sind vielleicht am besten in der Lage, Eigenheimbesitzer zu schützen, die Opfer verantwortungsloser Kreditvergabe geworden sind. Und die Vorschläge, unethische Praktiken der Hypothekenkreditvergabe zu unterbinden und die Offenlegungspflichten der Kreditnehmer auszuweiten, versprechen für die Zukunft höhere Sicherheit.
Zwangsversteigerungen - und zwar auf breiter Front - sind jedoch unvermeidlich. Die Zeiten des leichten Geldes führten dazu, dass zahlreiche Menschen sehr viel mehr Kreditmittel aufnahmen, als sie es sich eigentlich leisten konnten. Wenn diese Menschen ihre Traumhäuser nun behalten könnten, würde dies andere Steuerzahler bestrafen und weiterer unkontrollierter Kreditaufnahme Tür und Tor öffnen. Risiken können riskant sein, wie es Wall-Street-Veteranen gerne formulieren. „Manchmal ist es besser, auf die Selbstreinigungskräfte des Marktes zu vertrauen“, sagt Kathleen Camilli, Mitglied des amerikanischen Wirtschaftsverbands National Association of Business Economics.
Heißes Wahlkampfthema
Die Häuserkrise dürfte in den kommenden Wochen und Monaten ein heißes Thema im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf werden. Während der Debatte der Kandidaten der Demokraten am 19. August mangelte es weder an Ideen noch an Schuldzuweisungen. Joe Biden, Senator des Bundesstaats Delaware, verlangte mehr Transparenz bei Hedge-Fonds und Private-Equity-Gesellschaften: „sie sind letztlich für diesen Niedergang verantwortlich“. John Edwards, ehemaliger Senator von North Carolina, forderte einen „Eigenheim-Rettungsfonds“ für Kreditnehmer mit drohender Zwangsversteigerung. Christopher Dodd, Senator von Connecticut und Vorsitzender des Bankenausschusses des Senats, drängte die Fed zu einer aggressiveren Leitzinssenkung und forderte die Regierung Bush auf, die aufsichtsrechtliche Kontrolle von Fannie Mae und Freddie Mac zu lockern.
Die den Bundesstaat New York vertretenen Senatoren Hillary Clinton und Charles Schumer zählen im Kapitol zu den lautstärksten Befürwortern einer staatlichen Unterstützung für Eigenheimbesitzer. Schumer sieht in dem am 27. August gemeldeten Rückgang der Verkaufszahlen bestehender Häuser im Juli um neun Prozent gegenüber dem Vorjahr „eine weitere in einer Reihe von Nachrichten, die uns Tag für Tag in Erinnerung rufen, dass mehr getan werden muss, um den Markt für Subprime-Hypothekenkredite an einer weiteren Schädigung des Häusermarkts und der breiten Wirtschaft zu hindern“. Schumer drängt auf eine Änderung der Rechnungslegung, um Banken zu ermöglichen, Kreditbedingungen für Kreditnehmer niedriger Bonität zu modifizieren, ohne hierfür mit den üblichen Strafen im Rahmen der Grundsätze ordnungsmäßiger Rechnungslegung belegt zu werden. Daneben erhöhte er den Haushaltsentwurf für das Wohnungsbauministerium um 100 Millionen Dollar zur Finanzierung gemeinnütziger Organisationen wie der Association of Community Organizations for Reform Now (ACORN), die kostenfreie Kreditberatung und Unterstützung bei Zwangsversteigerungen für Kreditnehmer mit geringem Einkommen bereitstellt.
Hillary Clinton hat die Wahrung des „amerikanischen Traums“ vom Eigenheim zu einem zentralen Bestandteil Ihres Wahlkampfs gemacht. Sie fordert eine Milliarde Dollar für staatliche und lokale Wohnungsbehörden, um Kreditnehmer niedriger Bonität bei der Abwendung von Zwangsversteigerungen zu helfen. Sie arbeitet ferner an einem Gesetzentwurf, der die Vermittlung von Hypothekenkrediten künftig an die Erteilung einer staatlichen Lizenz und an eine bundesstaatliche Registrierung koppeln soll.
Wall Street in der Pflicht
Andere warten mit aggressiveren Vorschläge auf. „Keiner der bislang vorgebrachten Vorschläge kümmert sich um die grundlegende Ursache des sich in Zukunft möglicherweise wiederholenden Problems“, sagt Lynn Turner, ehemaliger leitender Wirtschaftsprüfer der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC. „Die Wall Street spielte hierbei eine wichtige Rolle und scheffelte Unmengen an Geld. Warum nehmen die Demokraten nicht die Wall Street ins Visier?“
Turner zufolge wurden viele der Probleme, die etwa dazu führten, dass Rating-Agenturen dem Enron-Konzern noch kurz vor seinem Zusammenbruch eine gute Bonität bescheinigten, nicht korrigiert, als der Kongress die SEC mit mehreren Befugnissen zur Überwachung der Branche ausstattete. „Die im vergangenen Jahr verabschiedeten Gesetze sind sehr schwach und sehen nur eine äußerst geringe Überwachung vor“, so Turner. Nach seiner Ansicht sollte der Kongress darüber hinaus eine stärkere Offenlegung von Anleiheemittenten fordern und die Bankenaufsichtsbehörden zur Durchsetzung strengerer Kreditvergabestandards anhalten.
Die Senatoren Clinton, Schumer und Dodd forderten die Regierung zudem auf, die aufsichtsrechtlichen Obergrenzen der Portfolios von Fannie Mae and Freddie Mac zu lockern, da diese deren Möglichkeiten zur Investition in den aktuellen Markt wesentlich beeinträchtigt hätten. Die Regierung Bush und die zuständige Aufsichtsbehörde Office of Federal Housing Enterprise Oversight wiesen die Forderungen zur Lockerung der Portfolio-Obergrenzen jedoch zurück, solange Fannie Mae and Freddie Mac nicht erhebliche Defizite bei ihren internen Kontrollen beseitigten und die Offenlegung ihrer Wertpapierbestände auf den neuesten Stand brächten. Nachdem bei beiden Unternehmen seit mehr als drei Jahren Gewinnanpassungen und revidierte Jahresabschlüsse zur Normalität gehören, wird damit frühestens im kommenden Jahr gerechnet.
Obwohl es beiden Unternehmen nicht an Größe mangelt - sie besitzen oder garantieren etwa die Hälfte aller ausstehenden amerikanischen Eigenheimhypotheken - sind sie nicht groß genug, um einen Rettungsplan für die gesamte Branche zu finanzieren. Darüber hinaus haben sie genügend eigene Bilanzsorgen und Rechnungslegungsprobleme. Die Vorschläge, denen in Washington die größte Beachtung zukommt, sähen lediglich eine kurzfristige Lockerung der Portfolio-Obergrenzen beider Banken vor, die ihre weiteren Käufe auf ein Volumen etwas unter 100 Milliarden Dollar pro Unternehmen beschränkt - nicht sonderlich viel Liquidität für einen 10-Billionen-Dollar-Markt.
Darüber hinaus ist es Fannie Mae und Freddie Mac gesetzlich untersagt, in den Markt für Großkredite („Jumbo Loans“) zu investieren. Das für diesen Markt erforderliche Mindestvolumen pro Kredit wird jedes Jahr neu bestimmt und liegt gegenwärtig bei 417.000 Dollar. Einige Politiker, darunter Dodd, unterstützen Gesetzesinitiativen, die den beiden Hypothekenbanken den Zutritt auf diesen Großkreditmarkt gestatten würden.
Für viele Eigenheimbesitzer käme jede Hilfe zu spät
Für die anfälligsten Eigenheimbesitzer mit dem höchsten Zwangsversteigerungsrisiko sind die Chancen relativ gering, dass der Kongress rechtzeitig agiert, um ihnen helfen zu können. „Üblicherweise haben Probleme bereits ihren Krisenhöhepunkt überschritten, bevor die Regierung zu handeln beginnt“, sagt Doug Duncan, Chefvolkswirt der Hypothekenbankvereinigung Mortgage Bankers Association (MBA). Und viele der Vorschläge, die von Politikern als Rettungspläne angekündigt werden, würden einige Hausbesitzer nicht retten, unabhängig vom Zeitpunkt des Handelns.
Die von den Senatoren Clinton und Schumer gewünschten und mit Steuergeldern finanzierten Zwangsversteigerungs-Rettungsprogramme würden Kreditnehmer nicht von einer unmittelbar bevorstehenden Zwangsversteigerung bewahren. Nach Angaben von Staatsbeamten seien viele dieser Kreditnehmer mit ihren Zahlungen zu weit im Rückstand und verfügten mit ihren Häusern über nicht ausreichend Kapital, um eine Rettung zu rechtfertigen, oder aber, die Höhe ihres Einkommens erfüllte zu keinem Zeitpunkt die Kriterien für eine Kreditzusage. Die Staatsbeamten konzentrieren sich daher stattdessen auf jene Kreditnehmer, die mit ihren Zahlungen nicht im Rückstand sind, aber einem hohen Risiko ausgesetzt wären, sobald ihre Zinssätze angepasst würden.
„Es war nie als Programm zur Rettung vor Zwangsversteigerungen gedacht“, sagt Joel Ghitman, Leiter der Abteilung Wohneigentum der Ohio Finance Agency, die als erste staatliche Behörde Anfang des Sommers ein Refinanzierungsprogramm für Kreditnehmer mit niedriger Bonität auflegte. Die Behörde arbeitet gemeinsam mit der Fannie Mae an der Bereitstellung der ersten Runde einer geförderten Finanzierung über 100 Millionen Dollar für Eigenheimbesitzer mit teuren Krediten. „Kreditnehmer, die bereits vor einer Zwangsversteigerung stehen, können nicht an dem Programm teilnehmen, und ich weiß nicht, ob ihnen überhaupt jemand helfen kann. Ziel des Programms ist die Unterstützung von Kreditnehmern, bevor sie zu tief im Sumpf der Probleme stecken.“
Viele Volkswirte sind der Meinung, dass eine Rettung üblicherweise nicht die beste Lösung darstellt. „Wir konzentrieren uns auf die Liquidität, nicht auf die Rettung“, sagt Duncan von der MBA. Nach seiner Aussage zöge eine Rettung neue Probleme nach sich: „Hierdurch würde man das Verhalten auf dem Markt in eine unvorhersehbare Richtung verändern.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.813,80 | +0,92% |
| FAZ-INDEX | 1.519,06 | +0,92% |
| TecDAX | 779,91 | +0,93% |
| MDAX | 10.381,70 | +0,83% |
| SDAX | 5.035,59 | +0,92% |
| REX | 423,38 | +0,51% |
| Eurostoxx 50 | 2.514,52 | +1,01% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,26 | +0,99% |
| Dow Jones | 12.904,10 | +0,96% |
| Nasdaq 100 | 2.592,29 | +1,42% |
| S&P500 | 1.358,04 | +1,10% |
| Nikkei225 | 9.384,17 | +1,58% |
| EUR/USD | 1,3157 | +0,22% |
| Rohöl Brent Crude | 120,33 $ | +0,23% |
| Gold | 1.713,00 $ | −1,15% |
| Bund Future | 138,63 € | −0,06% |