31.07.2006 · Die Aussicht auf stagnierende und bald wieder sinkende Zinsen läßt die Kurse an der Wall Street steigen. Begründet wird der Optimismus ausgerechnet mit schwachen Konjunkturzahlen - die nicht gerade für steigende Gewinne sprechen.
Die amerikanischen Börsen haben am Freitag wieder einmal deutliche Kursgewinne verbucht. Als Grund wurde einmal mehr die Hoffnung auf eine Pause im Zinserhöhungszyklus genannt.
„Zinspause!“ Das klingt fast so gut wie „Zinssenkung!“ und sorgt für steigende Kurse. Wenn die Zinsen sinken oder zumindest nicht steigen, können Amerikas Verbraucher weiter kräftig konsumieren, was die Unternehmensgewinne treibt. Zudem kommen die Konzerne billiger an frisches Geld, ihre Finanzierungskosten sinken. Sinkende Zinsen, steigende Kurse - die Formel ist so einfach. Zu einfach vielleicht.
Schwächelnde Konjunktur - ein Zeichen für steigende Gewinne?
Daher lohnt es sich hin und wieder, die Argumente zu hinterfragen, mit denen die Hoffnungen auf sinkende Zinsen begründet werden. Am Freitag gab das Handelsministerium den Ausschlag: Nach dessen Angaben schwächte sich das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von April bis Juni im Vergleich zum Vorquartal um mehr als die Hälfte ab und lag nur noch bei 2,5 Prozent. Volkswirte hatten im Schnitt mit drei Prozent gerechnet.
Weniger Wachstum, sinkende Inflationsgefahr, weniger Zinserhöhungsdruck, steigende Kurse. So lautet die Gedankenkette, die derzeit an den Finanzmärkten dominiert. Doch Moment mal: Das Wachstum schwächt sich ab! Ist das etwa ein gutes Zeichen für steigende Unternehmensgewinne? Hier ein Vorschlag für eine alternative Gedankenkette: Abflauende Konjunktur, sinkendes Gewinnwachstum, enttäuschende Quartalszahlen, sinkende Kurse.
Steigende Zinsen, steigende Kurse - gar nicht so selten
Bis Anfang Mai stiegen die Aktienkurse, obwohl die Zentralbank die Zinsen erhöhte. Niemand störte sich daran, bis plötzlich die Stimmung umschlug und sich in der heftigsten Korrektur seit einigen Jahren entlud. Steigende Aktienkurse bei steigenden Zinsen - das mag ein wenig befremdlich klingen, ist aber gar nicht so selten. „Wenn Sie die Daten genau analysieren, stellen Sie fest, daß Zinsen und Kurse durchaus gleichzeitig steigen und sinken können“, sagte Volker Borghoff, Chef-Aktienstratege von HSBC Trinkaus & Burkhardt, Mitte Mai im Gespräch mit FAZ.NET.
„Wenn die Notenbank die Zinsen senkt, um auf eine schwächere Konjunktur zu reagieren, sind anfangs meist auch die Unternehmensgewinne noch rückläufig - und die Kurse fallen“, argumentierte Borghoff. „Wenn die Konjunktur brummt und die Notenbank beginnt, die Zinsen zu erhöhen, bedeutet das oft auch steigende Kurse, weil die Unternehmen gute Gewinne erwirtschaften.“
Sinkende Zinsen, sinkende Kurse - nicht ganz unwahrscheinlich
Nach dieser Argumentation spricht einiges dafür, daß den Märkten selbst bei weniger stark steigenden Zinsen schwere Zeiten bevorstehen könnten. Durch die Bank weg rechnen Volkswirte damit, daß sich die Konjunktur in den Vereinigten Staaten weiter abkühlen wird. Sollten dann noch schlechte Nachrichten aus Boomländern wie China kommen, wären die Pessimisten an den Finanzmärkten ganz schnell wieder in der Überzahl.
Dann nämlich würde der Markt plötzlich auf Überkapazitäten in China schauen, auf Pensionslasten in den Vereinigten Staaten oder Rekordschulden in Japan. Dann wären die Zinsen dem Markt egal, und alle würden nur noch auf Wachstumszahlen schauen. Zwar müssen die Kurse nicht sinken, wenn es tatsächlich zu einer Zinspause kommt. Doch können sich durchaus Zeitverzögerungen ergeben, und ein solches Szenario durchaus eintreten.
Sinkende Zinsen, steigende Kurse - die Formel ist zu einfach
Klaus Samer (ognum)
- 01.08.2006, 00:43 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |