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Strategie Börsen: Positive Erwartungen, kritischer Blick

19.12.2005 ·  Nach netten Kursgewinnen in den vergangenen Monaten blicken Anleger und Strategen optimistisch nach vorne. Die Aussicht auf weitere Kursgewinne scheint nicht schlecht zu sein. Kritische Faktoren sollten jedoch beobachtet werden.

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Die Stimmung unter Aktienanlegern ist gut, wenn nicht sehr gut. Nach zum Teil deutlichen Kursgewinnen in den vergangenen zweieinhalb Jahren blickt die Mehrheit optimistisch nach vorne und rechnet auch im kommenden Jahr mit weiteren Kursgewinnen. Nichts scheint die laufende Rally im Moment aufhalten zu können.

Die Weltwirtschaft brumme, angetrieben von den beiden „Wachstumsmotoren“ Amerika und China, heißt es immer wieder. Ihre Entwicklung beflügle direkt und indirekt die restliche Welt. Die starke Konsumnachfrage aus Amerika führe in Ländern wie China, Indien und anderen zu einem wahren Produktionsboom.

Positive Erwartungen werden von Gewinnentwicklung getrieben

Der wiederum führe zu einer zunehmenden Nachfrage nach Investitionsgütern und vor allem auch nach Rohstoffen. Hier stiegen die Preise und damit die Erlöse zum Teil dramatisch an und führten in Ländern wie in Brasilien oder auch Rußland zu einer deutlichen Verbesserungen der Finanz- und auch der Wirtschaftssituation. Auf diese Weise profitierten nicht nur die Schwellenländer von der Entwicklung, sondern zunehmend auch so notorisch lethargische Regionen wie das verkrustete Europa. Die Impulse kommen hier allerdings vor allem von außen.

Aus diesem Grund und auch wegen der in den vergangen Jahren intensivierten Reorganisations- und Restrukturierungsbemühungen können zumindest die international orientierten Unternehmen ähnlich wie ihre Konkurrenten weltweit die Gewinne zum Teil deutlich steigern. Steigende Gewinne wiederum sind gute Argumente für steigende Aktienkurse. Genau aus diesem Grund rechnen die meisten Strategen auch im kommenden Jahr mit netten Kursgewinnen an den Börsen.

Mit diesem Szenario dürften sie grundsätzlich nicht einmal schlecht liegen. Denn die Bewertung vieler Märkte, zumindest jener in Europa und in manchen Schwellenländern, sehen zumindest mit Blick auf die unterstellten Gewinnprognosen noch recht vernünftig aus. Allerdings können Skeptiker auf die Tatsache verweisen, daß der Kursanstieg von immer weniger Aktien getragen wird. Sie können auch fragen, ob die Gewinnerwartungen nicht überzogen sein mögen.

Immerhin lassen sich die Kosten innerhalb der Unternehmen nicht beliebig weit senken. Sobald die teuren Produktionen erst einmal an die günstigen Standorte verlegt und die Kosten dafür verdaut sind, fallen diese Basiseffekte künftig weg. Das heißt, Gewinnsteigerungen wären nur über Umsatzzuwächse möglich. Sie wiederum unterstellen anhaltendes Wachstum oder steigende Preise, oder beides.

Aber die Restrisiken sollten wohl nicht ausgeblendet werden

Damit richtet sich der Blick auf die verschiedenen Risikofaktoren. Der erste ist sicherlich der amerikanische Konsumboom, der auf starke externe Reize - insbesondere extrem niedrige Zinsen und Steuersenkungen - zurückzuführen ist. Auf diese Weise und den induzierten Boom am Häusermarkt konnten sich die Amerikaner in den vergangenen Jahren trotz real fallender Arbeitseinkünfte und einer relativ verhaltenen Situation am Arbeitsmarkt einen hohen Lebensstandard leisten. Allerdings ist er in den vergangenen Monaten immer knapper und riskanter finanziert worden. Viele stecken bis über beide Ohren in Schulden, Amerika ist stark auf fremde Mittel angewiesen - Stichwort: Leistungsbilanzdefizit.

Sollte hier aufgrund der erhöhten Leitzinsen eine Korrektur einsetzen, dürfte das die weltweite Güternachfrage dämpfen und auf diese Weise die Weltkonjunktur. Sollten Produktionsländer wie China, Korea oder auch Indien solche Nachfrageausfälle nicht regional kompensieren können, dürfte es auch hier die Entwicklung bremsen und zu dämpfenden Effekten führen, vor allem auch im heiß gelaufenen Rohstoffbereich. Das heißt, die positive Entwicklungsspirale der vergangenen Jahre könnte ein Stück zurückgedreht werden.

Das ist nicht alles. Denn das seltsame der vergangenen Monate war die Tatsache, daß beinahe alle Märkte gleichzeitig gestiegen sind. Das gilt sowohl für die Börsen als auch für die Rohstoff- und Rentenmärkte. Das läßt sich nur erklären mit einer viel zu hohen internationalen Geldmenge. Die Frage ist, ob die Zentralbanken hier nicht bald dämpfend eingreifen müssen, um Preiseffekte - vor allem auch die so genannten Vermögenseffekte - nicht aus dem Ruder laufen zu lassen.

Denn sollten die Kurse weltweit weiter steigen, wäre eine globale, aber rein nominale Kursblase die logische Folge. Das wäre nichts anderes, als Inflation der besonderen Art. Sollte sich diese Erkenntnis durchsetzen, könnte sich ein Run in physische Werte verstärken, der in den vergangenen Monaten an der Entwicklung der Edelmetallpreise schon in Ansätzen abgelesen werden könnte. In beiden Fällen dürfte die Volatilität zunehmen.

Das gilt erst recht für jeder Art von externen Schocks. Sie können ausgelöst werden durch neue Terroranschläge, überraschende Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Iran oder viele andere Eventualitäten. Solche systematischen Risiken sind nicht kalkulierbar und müssen als solche hingenommen werden.

Insgesamt scheinen die Aussichten für die Börsen nicht schlecht zu sein. Allerdings sollte die Erwartungen nicht überzogen und die Restrisiken nicht unterschätzt werden. In diesem Sinne dürften sich vor allem nach den Kursgewinnen der vergangenen Monate Absicherungsstrategien und die sorgfältige Beobachtung der kritischen Faktoren empfehlen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @cri
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