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Steigende Kurse : Zurück in die Schwellenländer

Back in Business: Dank Reformen meldet sich Argentiniens Wirtschaft nach Rezession wieder zurück. Bild: dpa

Anleger entdecken aufs Neue die Schwellenländer. An Lateinamerikas Börsen sind die Kurse steil gestiegen. Anderswo bieten sich aber bessere Chancen.

          Wer in den vergangenen Wochen die Börsen in den Schwellenländern beobachtet hat, der konnte schon kurz ins Staunen geraten. Die Wertentwicklungen gingen steil nach oben, zweistellige Zuwächse waren keine Seltenheit. In dem rezessionsgeplagten Land Brasilien gewann der Aktienindex Bovespa von seinem Jahrestief am 21. Januar bis heute fast 40 Prozent hinzu. Der Gesamtindex MSCI Emerging Markets hat nach seinem Jahrestief mehr als 20 Prozent zugelegt. Hatten sich die Anleger nicht längst daran gewöhnt, dass die Schwellenländer - obwohl ihre Unterschiede groß sind und man sie eigentlich nicht über einen Kamm scheren kann - fast alle Hoffnungen enttäuschen, die Anleger dereinst in sie gesetzt haben?

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Aufwärtstrend der Börsen vor allem in Lateinamerika, aber auch in Asien und Osteuropa war umso erstaunlicher, weil die Finanzmärkte voller Sorgen um Chinas Wachstum und die Weltkonjunktur ins Jahr gestartet waren. Aus Schwellenländern, vor allem jenen, die stark vom Ölpreis abhängig oder hoch in Dollar verschuldet sind, zogen Anleger immer mehr Kapital ab. In globalen Aktienfonds fiel die Quote von Schwellenländer-Aktien zwischenzeitlich auf 4,45 Prozent und lag damit so niedrig wie seit der Finanzkrise im März 2009 nicht mehr. Das Analysehaus Morningstar garnierte seine Zahlen mit der Einschätzung, offenbar hätten die Fondsmanager „die Flinte ins Korn geworfen“.

          Nach mehreren fetten Börsenwochen müssen viele Investoren nun erkennen, dass sie vielleicht etwas früh kapituliert haben. Das Jahr 2009, nachdem sich viele Fondsmanager aus den Schwellenländern verabschiedet hatten, beendete der MSCI Emerging Markets mit einem Plus von 73 Prozent. Die jüngste Aufwärtsentwicklung ist in Fahrt gekommen, als die zu Jahresbeginn herrschenden Sorgen kleiner wurden. Der Ölpreisverfall unter 28 Dollar je Fass, der Förderländer wie Brasilien, Russland, Mexiko und vor allem Venezuela extrem zu schaffen gemacht hat, liegt inzwischen wieder nahe 50 Dollar. In China ist das Wachstum zwar gebremst, zeigt sich aber solider als zu Jahresbeginn befürchtet. Zudem führt die amerikanische Notenbank Fed ihre im Dezember eingeleitete Zinswende nicht zügig fort, sondern zögert weitere Schritte hinaus. Das schwächt die amerikanische Währung und nimmt etwas den Druck von den in Dollar verschuldeten Schwellenländern. Deren Währungen sind stärker geworden.

          Positive Signale aus der Politik

          Dazu kamen positive Signale aus der Politik: In Argentinien hat der neue Staatspräsident Mauricio Macri dafür gesorgt, dass das Land wieder an die Kapitalmärkte zurückkehren kann, und nebenbei Reformen eingeleitet, die Wirtschaft und Investoren zuversichtlich stimmen. In Brasilien hat das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff die Börse beflügelt, weil es eine vage Hoffnung auf einen Neuanfang in dem von Skandalen erschütterten Land und auf wirtschaftliche Besserung gibt. Das alles zusammengenommen, erklärt, warum viele Investoren so gut gestimmt sind wie lange nicht und einen neuen Risikoappetit verspüren. Sie reißen sich um Anleihen wie jener aus Argentinien. Und sie stocken ihre Aktienquote wieder auf.

          Die Schwellenländer erholen sich wieder. Nach Lateinamerika sehen  Fondsmanager die besten strategischen Gelegenheiten in Asien.
          Die Schwellenländer erholen sich wieder. Nach Lateinamerika sehen Fondsmanager die besten strategischen Gelegenheiten in Asien. : Bild: F.A.Z.

          Aber was sagt die Rally der vergangenen Wochen für die nahe Zukunft aus? Fondsmanager und Anlagestrategen bleiben skeptisch. Die einen verweisen darauf, dass die Wachstumsaussichten in einigen Schwellenländern gedämpft bleiben und die Unternehmensgewinne bestenfalls leicht zulegen dürften. Die anderen relativieren die jüngste Rally. „In Lateinamerika ist die jüngste Übertreibung nach oben nicht fundamental gerechtfertigt“, sagt Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der Deutschen Asset Management. Die Marktkapitalisierung an den Schwellenländerbörsen ist relativ klein geworden. Mit zusammen 3600 Milliarden Dollar ist sie nur noch ungefähr so groß wie die Eurozone. „Die Investoren waren untergewichtet und haben ihre Positionen bereinigt. Es haben kleinere Volumina ausgereicht, um diese Marktbewegung auszulösen“, sagt Kreuzkamp. Obwohl die Aktien in den Schwellenländern „gefühlt günstig“ erscheinen, sind sie auf diesem Niveau im 15-Jahres-Durchschnitt immer noch teuer bewertet. „Das derzeitige Renditepotential von jetzt aus mit Sicht auf die nächsten zwölf Monate sehen wir relativ begrenzt“, sagt Kreuzkamp. Gleichwohl ist die Fondsgesellschaft wieder besser - nämlich neutral - zu den Schwelleländern eingestellt.

          Die besten strategischen Gelegenheiten in Asien

          Auch wenn die Börsen Lateinamerikas zuletzt das meiste Aufsehen erregt haben: Die besten strategischen Gelegenheiten sehen Fondsmanager in Asien. Dort ist die politische Lage stabiler und der Markt liquider. Vor allem Indien mit seinen guten demographischen Aussichten, der wachsenden Mittelschicht und einem kalkulierten Wachstum von rund sieben Prozent ist der Liebling vieler Investoren. Selbst der steigende Ölpreis werde dem Subkontinent, der Öl vorwiegend importiert, kaum etwas anhaben können.

          Die größten Unwägbarkeiten bleiben andernorts. Wenn sich die Ölförderländer nicht auf eine Drosselung einigen, dürfte das Überangebot andauern und die Preise wieder unter Druck setzen. Und ob Chinas Transformation mit weiter stabilem Wachstum einhergeht, ist auch nicht ausgemacht. Brasilien könnten die Hoffnungen trügen, dass eine neue Regierung die Rezession in den Griff bekommt. Und spätestens, wenn die Fed womöglich im Juni den nächsten Zinsschritt geht, erleben hochverschuldete Schwellenländer ihre nächste große Belastungsprobe.

          Quelle: F.A.S.

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